«Denkanstoss» aus Meiringen für weniger Kunstschnee?

Das Oberland glaubt, es brauche Beschneiung. Meiringen sagt nun Nein dazu.

Weil sich das Klima erwärmt, werden in den Alpen immer mehr Schneekanonen aufgestellt. (Keystone)

Weil sich das Klima erwärmt, werden in den Alpen immer mehr Schneekanonen aufgestellt. (Keystone)

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Immer mehr künstlicher Schnee rieselt im Oberland in immer tieferen Lagen. Bergbahnen und Gemeinden spielen gerne Frau Holle: So sprach Saanen, ohne mit der Wimper zu zucken, 40 Millionen Franken für Ausbaupläne der Bergbahnen, die auch Beschneiung umfassen. Und Grindelwald ebnete den Weg für einen neuen Speichersee beim Männlichen. Doch nun sagt Meiringen überraschend Nein zu mehr Kunstschnee – eine Oberländer Premiere. Am Sonntag stimmten 53 Prozent der Meiringer gegen die Finanzierung der Beschneiungsanlagen Hochsträss-Käserstatt und Käserstatt-Mägisalp.

Denkt man im Oberland langsam um und kommt zum Schluss, dass tiefer gelegene Skigebiete auf Dauer sowieso nicht zu halten sind? Schenkt man den Naturschützern, die etwa das Austrocknen von Flüssen beklagen, Gehör? Die Antwort auf diese Fragen ist nicht einfach, denn die Meiringer wurden nicht abstrakt nach ihrer Haltung zur Beschneiung gefragt. Konkret hätte sich Meiringen mit 400 000 Franken am Aktienkapital der neu zu gründenden Hasli Schnee AG beteiligen und eine Bürgschaft von 1,6 Millionen Franken gewähren sollen. Die Stimmberechtigten von Hasliberg, Schattenhalb und Guttannen stimmten dem Vorhaben zu – nicht an der Urne, sondern an Gemeindeversammlungen. Das 5-Millionen-Franken-Projekt der Bergbahnen ist gemessen an anderen Ausbauten mittelgross: 37 Lanzen und 10 Kanonen sollten im Skigebiet, dessen tiefster Punkt auf 1700 Metern über Meer liegt, aufgestellt werden.

Bergbahnen sollen zahlen

«Beim Ergebnis der Abstimmung schwingt tatsächlich auch grundsätzliche Kritik an der Beschneiung mit», sagt Susanne Huber (SVP), Gemeindepräsidentin von Meiringen. Allerdings sei dies nur ein Grund für das Nein. «So sind zwar viele Bürger für Beschneiung, aber gegen eine finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand.» Schliesslich sei das Votum der Meiringer auch eine Kritik an den Bergbahnen. «In unserem Skigebiet gibt es einen sanierungsbedürftigen Lift. Da versteht manch einer nicht, warum das nicht angepackt wird, bevor mehr Kunstschnee folgt.» Als neue Speerspitze gegen Schneekanonen will die Präsidentin ihre Gemeinde jedenfalls nicht sehen. Dem schliessen sich die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg an, deren Pläne nun bis auf weiteres auf Eis liegen. «Das Votum heisst für uns vor allem, dass wir die Beschneiung selber finanzieren sollen – obwohl der ganze Tourismus davon profitiert», sagt Michèle Haselbeck im Namen des Unternehmens. Touristiker in Meiringen sind denn auch nach wie vor davon überzeugt, dass Schneesicherheit zentral ist. «Wir beschneien erst 16 Prozent unserer Pisten. Im Schnitt liegt im Oberland aber auf einem Viertel davon Kunstschnee», sagt Andreas Michel, Präsident von Meiringen Tourismus. Auch er hält seine Mitbürger nicht für frischgebackene Feinde des Kunstschnees: «Ein plausibler Grund für das Nein ist die Furcht vor dem Verwaltungsaufwand für eine neue Firma.» An der Urne hätten die Meiringer ihren Bedenken besser Ausdruck geben können als an einer Gemeindeversammlung.

Das Nein sei zumindest ein «Denkanstoss», findet Fritz Immer von der Umweltschutzorganisation Pro Natura – der Meiringer ist als Wirt im Hotel auf der Engstlenalp gleichzeitig Naturschützer und Touristiker. «Vielleicht liegt unser Skigebiet nämlich zu tief», sagt er. «Und möglicherweise ist es nicht nötig, bereits im November Ski zu fahren.» Ob der Meiringer «Denkanstoss» über das Dorf hinausreicht, ist indes mehr als fraglich.

In Grindelwald und im Saanenland jedenfalls hält man an den Aufrüstungsplänen in Sachen Beschneiung fest und ist wegen des Meiringer Resultats nicht beunruhigt. Die Jungfraubahnen wollen demnächst für 5,5 Millionen Franken bis nach Grindelwald-Grund beschneien – was sie allerdings aus eigener Tasche bezahlen. Und die Gstaader Bergbahnen betonen ihre gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden – ohne separate Gesellschaft und dank Beiträgen in Millionenhöhe, mit denen sich immer mehr Pisten beschneien lassen. (Der Bund)

Erstellt: 29.09.2010, 08:44 Uhr

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