Das schleichende Ende der lauten Musik

Die Zeiten, in der sich Musikgruppen mit Lautstärkerekorden überboten, sind endgültig vorbei. Immer öfter wird an Konzerten über mangelnde Lautstärke geklagt. Wie laut darf Kultur sein?

Wie laut darf es sein und ab wann wird es unbequem?

Wie laut darf es sein und ab wann wird es unbequem?

Ane Hebeisen

Die Szenerie ist grotesk. Die Gruppe Bullet For My Valentine hat einen imposanten Turm aus 24 Gitarrenverstärker auf der Bühne des Interlakner Greenfield Festival aufgebaut. Doch kaum haben sich die Herren auf der Bühne in männlich-markante Rockposen geworfen und ihre Stromgitarren in Schwingung gebracht, ist Schluss mit Rock ’n’ Roll und Vehemenz. Was den Endverbraucher aus den Boxentürmen erreicht, hat gerade mal Wohnzimmerlautstärke (handgemessene 95 Dezibel nahe dem Mischpult), im Publikum können Besucher ungestört mit ihren Iglu-Zelt-Bekanntschaften telefonieren, und die Stimmung bleibt fahl wie an einem Rocker-Gottesdienst.

Längst Geschichte ist die Zeit, in der sich Bands mit unsinnigen Lautstärkerekorden überboten, ein Wettkampf, aus dem die Metal-Band Manowar mit – wie auch immer gemessenen – 139 dB als Sieger hervorging und mit dem sie Einzug ins «Guinnessbuch der Rekorde» hielt. Nein, es mehren sich ganz andere Klagen der Zuschauer an den helvetischen Festivals. Die Konzerte seien zu leise, man bleibe von der Musik unberührt: so eine oft gehörte Kritik etwa am diesjährigen Gurtenfestival.

Angriff auf die Popkultur

Am letztjährigen Blue Balls Festival soll es gar zu lautstarken Unmutsbekundungen seitens des Publikums gekommen sein. Die Veranstalter verweisen auf die strengen schweizerischen Lautstärkebegrenzungen und die mangelnde Kompetenz der jeweiligen Tontechniker, die gerade an Festivals kaum mehr Zeit haben, sich in die immer komplizierter werdenden Digital-Mischpulte einzuarbeiten. Andere suchen den Fehler bei den Beschallungsausstattern, die unter Preis- und Konkurrenzdruck kaum in neues Material investieren und die Festivals mit ungenügenden Anlagen ausstatten. Doch die Zuschauer, die immer mehr Geld für ihre Konzerttickets bezahlen, melden steigende Ansprüche an die Klangqualität an, und sie wehren sich dagegen, dass die Musik zunehmend zur Untermalung degradiert wird. Zwar ist an grossen Festivals ein Lautstärkewert von 100 dB(A) (gemessen am lautesten Punkt des Geländes, hochgerechnet auf eine Stunde) erlaubt, doch je nach Windverhältnis, Standort des Konzertbesuchers, Höhe der Messpunkte, Grundpegel des Publikums oder Abstrahlwinkel der Boxen variiert dieser Pegel dramatisch. So wird aus einem eigentlich wunderbaren Konzert schnell ein ärgerliches Live-Erlebnis.

Nicht dass die Klangqualität mit zunehmender Lautstärke steigen würde, doch die Wirkung konzertanter Musik nimmt ab, wenn das physische Erleben des Dargebrachten ausbleibt.

Die 1996 eingeführte eidgenössische Schall- und Laserverordnung war lange Zeit das strengste Regelwerk für Konzertveranstaltungen der Welt. Es geht von einem generellen Wert von 93 dB(A) an der lautesten Stelle des Auditoriums aus. Nach einer Revision im Jahr 2007 darf jeder Veranstalter den Pegel auf 96 dB erhöhen, sofern er dies den kantonalen Behörden meldet und kostenlose Ohrenpfropfen verteilt. 100 dB – bei einer Erhöhung um 10 dB wird die Lautstärke als doppelt so laut empfunden – dürfen erreicht werden, wenn zusätzlich Aufzeichnungsgeräte installiert und in Nebenräumen Ausgleichszonen geschaffen werden.

Zum Einschätzen dieser Werte hilft folgendes Beispiel: Allein der Grundpegel eines sich unterhaltenden Konzertpublikums erreicht Werte zwischen 87 und 90 dB. Wird eine Band angehalten, mit einer Lautstärke von 93 dB zu spielen, übertönt sie also knapp ein Pausengespräch, das zudem von den Messgeräten zur Einhaltung der Limiten mitbewertet wird. Stellt man ein Schlagzeug in einen kleinen Konzertclub, erreicht bereits ein etwas konkret aufspielender Drummer damit Werte von über 96 dB, ohne dass dafür auch nur ein einziges Mikrofon angeknipst wurde.

Will ein Tontechniker Bass, Gitarre und einen textverständlichen Gesang dazumischen, ist auch diese Limite schwer einzuhalten. Kein Wunder also, dass Musiker, Tontechniker und Clubbetreiber die Zustände beklagen. Von grossen Bands wird berichtet, die nur noch in der Schweiz spielen, wenn die zu erwartende Busse im Falle einer Lautstärkeüberschreitung auf die vereinbarte Gage aufgeschlagen wird. Beat Schaub vom Verband Schweizerischer Konzertlokale, Cabarets, Dancings und Diskotheken (Asco) wiederum bezeichnete die Zustände unlängst als «Frontalangriff auf die moderne Popkultur».

Übertriebene Ängste

Die Sache ist deshalb ärgerlich, weil die Grenzwerte aufgrund überholter Ängste festgelegt wurden. Wir kennen die garstigen Prophezeiungen spätestens seit der Erfindung von HiFi und Stereoanlage: Es werde eine Generation von Hörgeschädigten und Schwerhörigen heranwachsen, kündigen seit vielen Jahren besorgte Erziehungsberechtigte und Gesundheits-Rigoristen an. Und die Ursache für das Elend – da waren sich die Warner weitgehend einig – sei der masslose Konsum lauter Musik unserer Jugendlichen in Discos oder an Konzerten. Dieser Mythos ist gebodigt. Studien beweisen, dass regelmässige Musikkonsumenten nicht über ein schlechteres Gehör verfügen als Musikabstinenzler, dass diese Ängste also kaum berechtigt waren und dass das Gehör viel grösseren Gefahren ausgesetzt ist als der Musik.

Für die Festlegung der Grenzwerte ist in der Schweiz die Abteilung Strahlenschutz des BAG zuständig. «Die Grenzwerte wurden vom Arbeitsplatzgrenzwert von 85 Dezibel abgeleitet. Ein Konzert von eineinhalb Stunden bei 100 Dezibel belastet das Gehör etwa so wie eine Woche Arbeit bei 85 Dezibel», erklärt Salome Ryf, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Das Problem dieser Berechnung ist, dass sie von Emissionen und Hörschäden ausgeht, die durch Lärmbelastungen am Arbeitsplatz entstanden sind. Neue Forschungen zeigen jedoch, dass sich Lärm ganz anders im Ohr niederschlägt als Musik, dass unser Gehör sehr wohl zwischen lästigem Lärm und einer gewünschten Musikbeschallung unterscheidet.

Dass ein Lautstärkelimit für Discos und Konzerte Sinn macht, darüber sind sich alle einig. In Frankreich liegt der Wert bei 105 dB, die WHO schlägt 100 dB vor. Sicher ist, dass – ähnlich wie bei Geschwindigkeitskontrollen – eine Messtoleranz von mindestens 2 dB eingeführt werden müsste und dass die schweizerische Abstufung auf 93 dB bzw. 96 dB wegen gesundheitlicher Bedenken überholt ist.

Ruhe in den Städten

Was den Clubs indes immer mehr zu schaffen macht, ist ein anderes Phänomen: Immer öfter werden die Lautstärkelimiten wegen Interventionen der Nachbarschaft zusätzlich nach unten korrigiert. Auch hier scheint sich seitens der Behörden immer mehr die Meinung durchzusetzen, dass Musik als Lärm – also als akustische Umweltverschmutzung – zu behandeln ist, und davor müssten auch Bewohner von Urbanitäten geschützt werden.

Aktuelle Beispiele: Das altehrwürdige Theater National in Bern, in welchem über Jahrzehnte Konzerte namhafter Künstler stattfanden, wurde nach einem Rechtsstreit mit der Nachbarschaft zu einem Lautstärkelimit von 87 dB verdonnert (zur Erinnerung: Das ist der Dezibelwert eines sprechenden Publikums), das Sous Soul schliesst voraussichtlich im April nächsten Jahres die Pforten, weil selbst die Mindestlautstärke von 93 dB nicht mehr genehmigt werden soll, und den Betreibern des Wasserwerks wurde vom Statthalteramt Bern allen Ernstes geraten, wegen der Nachbarn die Limite von 80 dB nicht mehr zu überschreiten.

Hier stellen sich nicht mehr gesundheitliche Fragen, sondern die Grundsatzfrage, ob die Musikkultur als solche noch ernst genommen wird. Die Diskussion ist eröffnet, ob kulturelle Veranstaltungen in den Stadtzentren nicht genauso zum öffentlichen Interesse erklärt werden müssten wie zum Beispiel der Betrieb einer Tramlinie. Eines ist klar: Wenn Leute, die in die Nähe eines Konzertlokals ziehen, die gleichen Ruhebedürfnisse anmelden dürfen wie Bewohner eines reinen Wohnviertels, dürfte es bald sehr ruhig werden in unseren Städten. Eine Ruhe, die für die Musikkultur tödlich sein könnte.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt