Das andere muslimische Biel

Biel hat einen Ruf als Hort radikaler Islamisten. Gestern Abend hat sich die Stadt aber anders präsentiert: als multikulturellen Ort, an dem Christen und Muslime gemeinsam das Fasten brechen können.

Zwei Frauen für den Dialog: Liliane Lanève-Gujer und Naima Serroukh. (Valérie Chételat)

Zwei Frauen für den Dialog: Liliane Lanève-Gujer und Naima Serroukh. (Valérie Chételat)

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Das Fasten dauerte gestern sogar noch etwas länger als im Ramadankalender vermerkt. Bei Sonnenuntergang um 20.06 Uhr rührte noch niemand die türkischen, arabischen oder afrikanischen Spezialitäten an, die Frauen in aufwendig bestickten und bedruckten Tüchern in den grossen Saal im Bieler «Pavillon» getragen hatten. Zu engagiert liefen noch die Diskussionen zwischen Muslimen und Christen, die sich erstmals seit der Minarettabstimmung zu einem grossen Anlass getroffen haben.

Es war das multikulturelle, tolerante Biel, das sich gestern präsentiert hat. Jenes Biel, das seit Jahrhunderten vom Austausch der Kulturen lebt und das bisher recht gut mit einem Ausländeranteil von gegen 30 Prozent auskam. Es war das Biel, in dem Christen und Muslime aufeinander zugehen, einander zuhören und gemeinsam Lösungen suchen. Der Hort der Islamisten, als der Biel in den letzten Monaten oft beschrieben wurde, war gestern weit weg. Niemand sprach von Terroristen, die in Bieler Moscheen verkehren sollen, oder von jungen Bielern, die in Saudiarabien den «richtigen Weg» gefunden haben sollen.

«Vielleicht finden wir nicht immer Lösungen», sagte Naima Serroukh, «aber wir respektieren einander und wir interessieren uns füreinander.» Die Marokkanerin hatte zusammen mit Liliane Lanève-Gujer vom kirchlichen Arbeitskreis für Zeitfragen den gestrigen Abend unter dem Motto «Mit Muslimen im Gespräch» organisiert. Ganz einfach scheint dies nicht gewesen zu sein. «Obschon solche interreligiösen Treffen normal sein sollten, gab es viele offene Fragen und auch Misstrauen», sagte Lanève. Schliesslich sei es aber gelungen, so viele Muslime und Christen wie noch nie zuvor zusammenzubringen. Versammelt hatten sich gestern Abend etwa 150 Personen.

Stadtpräsident mahnt zur Geduld

Auch Stadtpräsident Hans Stöckli setzte ein Zeichen für den Dialog. Just währenddessen im Bundeshaus die Parteien ihre Bundesratskandidaten nominierten, warb der SP-Nationalrat in Biel für Offenheit und Toleranz: «Mit Ausnahme gewisser extremistischer Kreise sind alle an einem guten Zusammenleben interessiert.» Im Bewusstsein, dass auch in Biel die Minarettinitiative deutlich angenommen worden war und ein Unbehagen in der Bevölkerung gegenüber der rasch wachsenden Zahl Muslime existiert, forderte der Stadtpräsident auch die Einhaltung von Regeln. «Die Glaubens- und Kultusfreiheit gilt so lange, wie der Rechtsstaat nicht beeinträchtigt wird», sagte Stöckli. Und er mahnte zur Geduld: «Wir wurden sehr schnell mit sehr viel islamischer Kultur bereichert oder – je nach Standpunkt – belastet.» Die Annäherung brauche nun Zeit.

Handfestes Beispiel dafür ist der langjährige Wunsch der Muslime nach einem eigenen Grabfeld in Biel. «Der Gemeinderat hat es ins Auge gefasst, ein solches Grabfeld einzurichten», sagte Stöckli gestern. Der Dialog mit den Muslimen sei aber schwierig, da ein Ansprechpartner fehle, der die Muslime vertrete. Mit einem Nicolas Blancho könne man nicht verhandeln.

Blancho kritisiert Stöckli

Der konvertierte Bieler Islamwissenschaftsstudent ist Präsident des Islamischen Zentralrats, der infolge der Minarettinitiative gegründet worden ist und seither die Islamdiskussion in der Schweiz beherrscht. Blancho, der ohne Einladung gestern auch teilgenommen hatte, wehrte sich am Rande der Veranstaltung gegen Stöcklis Ablehnung: «Der Stadtpräsident will nur einen Vertreter der Muslime, der ihm genehm ist.» Das sei keine Basis für einen Dialog. Blancho sieht sich durchaus als Vertreter der Bieler Muslime, schliesslich sitze er auch im Vorstand der Dachorganisation, der sieben der acht Moscheen angehören.

Für einmal spielte Blancho aber gestern Abend nur eine Nebenrolle. Die grossen Parts hatten jene Frauen und Männer inne, die mit ehrlichem Interesse am Gegenüber nach all den Reden und Aufrufen zum Dialog – schon einiges nach Sonnenuntergang – gemeinsam das Fasten brachen. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2010, 15:20 Uhr

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