Das Urteil gegen Dr. X belastet den Kanton und erfreut die Fachleute

Dr. X wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt – der Kanton räumt eine «Panne» ein.

Jean-Philippe Jeannerat, Stabschef der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF), will nichts beschönigen: «Eine solche Panne darf nicht passieren.» In der Affäre um Dr. X, der jahrelang ohne Bewilligung starke Beruhigungsmittel an Drogenabhängige verkaufte, habe die GEF ihre aufsichtsrechtliche Funktion «nicht optimal wahrgenommen», räumt Jeannerat ein.

Die Behörden sind bereits 1994 auf den heute 57-jährigen Allgemeinmediziner aufmerksam gemacht worden, da dieser unerlaubterweise Grosspackungen von Medikamenten abgegeben hatte. 1999 rügte der damalige Kantonsarzt Dr. X erstmals wegen des unbewilligten Verkaufs von Benzodiazepinen. Spätestens 2003 hätten Konsequenzen folgen müssen: Damals meldete sich nämlich Swissmedic. Der Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel war aufgefallen, dass Dr. X die «schweizweit grössten Mengen an Rohypnol» bezog. Swissmedic schrieb in dem Brief, der dem «Bund» vorliegt: «Falls sich Verdachtsmomente erhärten, bitten wir Sie, die nötigen rechtlichen Schritte (Strafanzeige) zu unternehmen.»

Doch nichts geschah. Warum? Den genauen Ablauf des Versäumnisses konnte Stabschef Jeannerat gestern nicht rekonstruieren. Aber er gibt zu: «Es ist tatsächlich problematisch, dass wir aufgrund dieser Information nicht gehandelt haben.» Der Fall sei zwar in den Akten geblieben, wurde aber nicht behandelt. Und auch Swissmedic meldete sich nicht mehr. Ein Grund für das Versäumnis könnte in der Amtsübergabe im Kantonsapothekeramt liegen: Anfangs 2003 gab Niklaus Tüller seinen Posten ab. Und auch die anderen Verantwortlichen dieser «Panne» sind nicht mehr im Amt: Regierungsrat Samuel Bhend (SP) und Kantonsarzt Anton Seiler.

Neuer Wind im GEF?

Und offenbar weht ein neuer Wind im GEF, was die Abgabe von Benzodiazepinen angeht. Die beiden neuen Amtsinhaber, Kantonsarzt Thomas Schochat und Kantonsapotheker Samuel Steiner, waren es nämlich, die Dr. X anzeigten und ihm ein einjähriges Berufsverbot aufbrummten. «Das Problem wurde in der Zwischenzeit erkannt», sagt Jeannerat. Regierungsrat Philippe Perrenoud (SP) habe Massnahmen angeordnet. Die Abläufe seien heute systematisch definiert, die Zusammenarbeit zwischen den Ämtern sei besser und das Knowhow der Mitarbeiter höher. Und auch rechtlich habe sich die Lage verbessert (mit dem neuen Medizinalberufsgesetz).

Dennoch bleibt es schwierig, einem Arzt illegale Machenschaften zu beweisen. Jeannerat: «Die Verwaltung braucht mehr als nur einfache Hinweise, um ein Verfahren einleiten zu können. Wir benötigen Zeugenaussagen.» Gerade Drogenabhängige sind aber oftmals nicht bereit, Aussagen zu machen, da sie sich nicht selber belasten wollen.

Kein Einzelfall

Auch daher stösst das Urteil bei Drogen-Fachpersonen auf Genugtuung. Dr. X war in der Szene schon lange bekannt und berüchtigt. Erleichtert nimmt etwa Barbara Mühlheim die Verurteilung zur Kenntnis: Die Betriebsleiterin der heroingestützten Behandlung Koda und Grossrätin (Grüne) glaubt, dass das Urteil Signalwirkung haben wird. Denn Dr. X ist zwar ein Fall von massivem Ausmass – nicht aber ein Einzelfall: Es habe immer wieder Ärzte gegeben, die ohne Bewilligung Beruhigungsmittel verschrieben hätten.

«Solche Ärzte torpedieren eine erfolgreiche Behandlung der Drogenabhängigen», sagt Mühlheim. Der Grund: Langzeitabhängige, die bei Koda in Behandlung sind, erhalten häufig Benzodiazepine verabreicht. Diese müssen aber unter Aufsicht eingenommen werden. Viele Abhängige sind mehrfachabhängig – neben Heroin und Kokain werden auf der Gasse auch Beruhigungsmittel wie Dormicum konsumiert, das Dr. X in grossen Mengen abgab. Der Arzt gab an, Benzodiazepine zu verschreiben, um die Sucht nach härteren Drogen zu senken. «Diese Behauptung hat sich in der Praxis nicht bewahrheitet», sagt Mühlheim. Benzodiazepine seien eine eigenständige Sucht und führten nicht dazu, dass die Heroinsucht zurückgehe.

Die Abgabe von Benzodiazepinen muss vom Kantonsarzt bewilligt werden – was Dr. X nie getan hat. Das Ziel dieses Kontrollmechanismus: Die Behandlung der Drogenabhängigen geschieht koordiniert. Im Fall von Dr. X gab es Drogenabhängige, die ärztlich kontrolliert Benzodiazepine verschrieben bekamen – und von Dr. X zusätzlich Beruhigungsmittel erhielten, teils in grossen Mengen. Dass diese wohl auch gedealt wurden, muss angenommen werden. Die Preise der Beruhigungsmittel auf der Gasse sind bis zu zehnmal höher als in der Apotheke. Auch stand Dr. X nie oder sehr selten im Austausch mit Koda.

Häufiger Missbrauch

Was ein solch fehlender Austausch zur Folge haben kann, haben die Koda-Fachleute immer wieder erlebt. Mühlheim: «Wir versuchen auch den Nebenkonsum in den Griff zu bekommen, dies ist aber nicht möglich, wenn die Abhängigen aus irgendeiner Quelle noch zusätzlich Benzodiazepine erhalten.» Ein Problem stellen die Beruhigungsmedikamente auch im Zusammenwirken mit anderen Drogen dar. «Man weiss etwa, dass viele der schweren Delikte in Kombination von Rohypnol und Alkohol stattfinden», sagt Mühlheim. Auch bekannt ist, dass Benzodiazepin-Medikamente sehr häufig nicht aus medizinischen Gründen eingenommen werden – über 70 Prozent schätzen Studien diesen Anteil. Die Benzodiazepine, die rasch zu einer starken Abhängigkeit führen, sind nicht nur auf der Gasse ein Problem, «Benzo-Sucht» ist auch in Altersheimen ein Thema.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt