Das Gantrischseeli ist wieder ein Idyll

Durch das verheerende Unwetter 1990 wurde das Gantrischseeli zerstört: Es verlandete, veralgte und begann fürchterlich zu stinken. Ein neuer Zulauf und ein Damm brachten schliesslich die Rettung für das Idyll im Gantrischgebiet. Doch gänzlich ausser Gefahr ist das «Seeli» noch immer nicht.

Hans-Rudolf Segessenmann gibt den Blick frei auf den südlichen Teil des wieder genesenen Gantrischseelis. (Valörie Chételat)

Hans-Rudolf Segessenmann gibt den Blick frei auf den südlichen Teil des wieder genesenen Gantrischseelis. (Valörie Chételat)

Es ist einer dieser Tage, an denen Fotos für die Werbeprospekte geschossen werden könnten. Das kleine Gantrischseeli am Fusse von Gantrisch, Bürglen, Chummlispitz und Birehubel präsentiert sich in der Vormittagssonne in bezauberndem Grün. Bereits haben sich Picknicker installiert, über einem Feuerchen werden die ersten Cervelats gebräunt. Zwei Kühe geniessen ein kühles Bad, die Entchen schwimmen unbeirrt ihre Kreise, die Geissböcke benutzen brav den Wanderweg. Gesund sieht es aus, das Gantrischseeli auf 1579 Metern über Meer. Doch das war nicht immer so.

Rückblende: Am 29. Juli 1990 werden das Gürbetal und das Gurnigelgebiet von einem Unwetter heimgesucht, das als Jahrhundertgewitter in die Annalen eingehen wird. Im Morgetekessel – dem Einzugsgebiet des Gantrischseelis – sammeln sich gewaltige Wassermassen, lockere Felsmassen und Erdstücke lösen sich von den Hängen. Rasch bildet sich eine riesige Kies-, Geröll- und Schlammlawine, die ungebremst in den See rast und dort eine Flutwelle verursacht. Der bestehende Seedamm wird zerstört.

Eine Pfütze voller Algen

In der Folge litt das Seeli gleich doppelt. Erstens floss, weil der Damm nur behelfsmässig repariert worden war, viel mehr Wasser ab als vorher. Gerade noch ein Fünftel der ursprünglichen Seefläche von rund 100 mal 160 Meter war mit Wasser gefüllt, die Seetiefe betrug statt sieben nur noch gut zwei Meter. Zweitens hatte die Schlamm- und Gerölllawine das Wasserbett der Gantrischsense beschädigt: Das Wasser des Bachs floss nicht mehr oberirdisch in den See, sondern versickerte 50 bis 100 Meter vor dem See-Einlauf. Ein Färbversuch des Zollikofner Büros Geotest ergab später, dass das Sickerwasser an viele Orte hinfloss – kaum aber in den See.

Zu viel Seewasser floss ab, zu wenig frisches Wasser kam hinzu – kein Wunder also, setzte im Sommer im kümmerlichen und überwärmten Überbleibsel des Gantrischseelis ein Veralgungsprozess ein. Zeitweise stank es fürchterlich. Aus dem Idyll war ein Unort geworden.

Das Ehepaar aus Solothurn

«Es hatte Algen, so weit das Auge reichte. Und niemand unternahm etwas», erzählt Hans-Rudolf Segessenmann, der den «Bund» rund um das Seeli führt. Segessenmann ist seit 50 Jahren eng mit der Gantrischregion verbunden und ein profunder Kenner des Gebiets. Nicht zuletzt seiner Initiative ist es zu verdanken, dass sich der See heute wieder so präsentiert wie einst. Es war 2001, als Segessenmann im Gantrischgebiet einem Ehepaar aus Solothurn begegnete. Das Ehepaar war dem Rat im Wanderprospekt gefolgt und hatte einen Abstecher zur «idyllischen Oase» unternommen. «Die beiden waren entsetzt und sagten, mit einer Oase habe das Seeli nichts gemein. Da wusste ich, dass etwas passieren musste.» In seiner Funktion als Präsident der Gantrisch-Gemeinschaft nahm Segessenmann mit allen zuständigen Behörden Kontakt auf: Mit der Standortgemeinde Rüschegg, mit dem kantonalen Naturschutzinspektorat, mit dem VBS als Mitbesitzerin des Sees und mit den regionalen Verbänden. «Es gab Leute, die sagten, man könne der Verlandung nicht mehr entgegenwirken. Doch das glaubte ich nicht», sagt er.

Zwei Massnahmen zur Rettung

Nach mehreren Verhandlungen und Begehungen einigten sich die Parteien schliesslich auf zwei bauliche Massnahmen zur Rettung des Sees: ein neues Einlaufbauwerk und einen neuen Damm (siehe auch Zweittext). Gebaut wurden sie 2003, offiziell eingeweiht im Sommer 2004. Segessenmann führt den «Bund» zuerst den Lauf der Gantrischsense hinauf. Die rund drei Meter dicke Kies- und Geröllschicht vom Unwetter 1990 ist inzwischen zwar leicht begrünt, aber immer noch gut zu sehen. Rund 150 Meter oberhalb des Sees liegt das neue Einlaufbauwerk. Das gefasste Bachwasser wird in eine 80 Meter lange Röhre geleitet, die unter der Gerölllawine durchführt. Die restlichen rund 70 Meter bis in den See fliesst die Gantrischsense dann wieder oberirdisch in einem natürlichen Bachbett. Dieses letzte Teilstück bereitet Segessenmann noch Sorgen. «Da versickert immer noch zu viel Wasser.» Er möchte das Bachbett mit einer wasserundurchlässigen Folie ausstatten. «Wenn man wieder Steine darüberlegte, sähe man die Folie nicht.» Schon das Büro Geotest hatte 2002 in seiner Analyse die Folienvariante als die beste bezeichnet. Segessenmann will in den nächsten Wochen bei der Gemeinde Rüschegg vorsprechen.

8 bis 10 Meter tief

Wenig später steht Segessenmann am nördlichen Seeufer. Dort wurde – als zweite Rettungsmassnahme – ein neuer Damm aus Beton gebaut und aus ästhetischen Gründen mit Steinen verkleidet. Der Wasserpegel stieg wieder auf ursprüngliche Höhen an. Mindestens, denn Segessenmann sagt: «An den tiefsten Stellen ist der See 8 bis 10 Meter tief.» Sorgen bereiten dem 67-Jährigen die vielen Stauden, die auf dem See schwimmen und viel Sauerstoff rauben: «Ich werde sie untersuchen lassen.» Aus dem See fischen wird er sie alle eigenhändig. Ebenso wird er den teilweise verstopften Einlauf des Sees reinigen. «Da macht sonst niemand etwas.»

Trotz Vorbehalten, die Segessenmann hat: Die vor fünf Jahren eingeweihten Bauten haben den im Naturschutzgebiet liegenden See gerettet. Im Wasser tummeln sich wieder Forellen herum, die nicht mehr um ihre Existenzgrundlage fürchten müssen. Erschreckt werden sie höchstens von einer badenden Kuh. Ob das Ehepaar aus Solothurn das «neue» Gantrischseeli schon gesehen hat?

Der Bund

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