Das Marzilibad wird zur Kunstgalerie

Ab nächstem Sonntag stellen rund 30 Künstler und Künstlerinnen im Berner Marzilibad ihre Werke aus. Vertreten ist auch der Stadtberner Bildhauer Peter Gygax mit seiner Skulptur «Treidelkette».

Bildhauer Peter Gygax und seine «Treidelkette» aus vier verschiedenen Steinarten aus der Aare.<p class='credit'>(Bild: Manuel Zingg)</p>

Bildhauer Peter Gygax und seine «Treidelkette» aus vier verschiedenen Steinarten aus der Aare.

(Bild: Manuel Zingg)

Es gibt in der Stadt Bern kaum einen Ort, an dem sich das Ende des Sommers besser ablesen lässt als am Marzilibad. Wo sich noch vor wenigen Tagen halb Bern in der Sonne rekelte, herrscht nun gähnende Leere. Eine grellrote 14 leuchtet von der Anzeigetafel, welche die Aare-Temperatur angibt. Die leeren Bassins, das abmontierte Sprungbrett und die geschlossene Cafeteria wirken wie Reliquien aus besseren Zeiten.

Noch fällt das Marzili aber nicht in den alljährlichen Winterschlaf. Dafür sorgen rund 30 Künstler und Künstlerinnen, die das Freibad dieser Tage in eine Freiluftgalerie umgestalten. Am kommenden Sonntag feiert die Ausstellung «Jetzt Kunst» seine Vernissage. Doch bereits jetzt lohnt sich die Entdeckungsreise durch die Badeanstalt. Von der übermannsgrossen Eisenskulptur bis zur unscheinbaren Plastiksackkonstruktion, vom Traubenzucker-Bikini bis zur Videoinstallation, vom begrünten Sprungturm bis zu den aufgespiessten Betonfischen – bis in den letzten Winkel des Freibades gibt es allerhand Merkwürdiges und Erstaunliches zu entdecken.

Geologische Vielfalt vereint

Auf der Liste der eingeladenen Künstler finden sich neben illustren Namen wie Schang Hutter oder Ivo Soldini auch diverse Neuentdeckungen. Als «Nachwuchskünstler mit 67» bezeichnet sich der Steinbildhauer Peter Gygax. Am Wegrand der Flusspromenade hat der pensionierte Architekt seine «Treidelkette» aufgestellt. Die eher unscheinbare, vierteilige Steinskulptur hat er eigens für die Ausstellung im Marzili angefertigt. Als eingefleischter «Marzilianer» und einziger Stadtberner unter den eingeladenen Künstlern sei es ihm eine besondere Ehre, sein Schaffen an diesem ehrwürdigen Ort präsentieren zu dürfen, sagt Gygax.

Seine Skulptur nimmt denn auch die Symbolik des Standortes auf. Der Titel seines Werkes erinnert daran, dass der Uferweg entlang der Aare früher ein Treidelpfad war. Bis die Ära der Dampfmaschine anbrach, wurden von hier aus mit blosser Muskelkraft Handelsschiffe stromaufwärts gezogen. Die Skulptur selbst symbolisiert eine Ankerkette und besteht aus vier verschiedenen Steinarten aus dem Oberlauf der Aare. Die Kombination aus Grimselgranit, Alpenkalk, Couche rouge und Gurtensandstein stehe für den geologischen Mix, der das Leben in und um die Aare über Jahrtausende beeinflusst habe.

Vom Hobby zur Berufung

Über 200 Stunden habe er an seiner Skulptur gearbeitet, sagt Gygax. Davon seien die letzten Stunden die anstrengendsten gewesen. Gebettet ist sein Werk nämlich auf Kies aus dem Eichholz. Denn dort, viele Kilometer von der Quelle entfernt, findet man die Steine wieder, aus denen die Skulptur gefertigt ist. Mit dem Velo sei er tagelang zwischen Marzili und Eichholz hin und her gefahren, erzählt Gygax. «Insgesamt habe ich eine Strecke von über 40 Kilometer zurückgelegt.»

Während der Kiestransport für den rüstigen Pensionär eine Grenzerfahrung war, sei der Umgang mit Hammer und Meissel für ihn längst zur Gewohnheit geworden. Über 30 Jahre hinweg habe sich die Faszination für den Werkstoff Stein zum Hobby, dann zum Nebenberuf und schliesslich mit der Pensionierung endgültig zur Berufung entwickelt.

Doch kaum hat er sein Werk aufgebaut, beschäftigt sich Gygax schon mit der Zeit nach der Ausstellung. Im November sollen alle Objekte wieder entfernt werden. «Schade», findet Gygax, denn die Kunst im öffentlichen Raum habe in Bern einen enorm schweren Stand. Und wenn die Kunst nur den Künstler selbst erfreue, dann bleibe sie Selbstzweck. Der Applaus sei halt des Künstlers Lohn. Zudem gehöre seine «Treidelkette» genau dorthin, wo sie jetzt sei. «An jeder anderen Lage verliert die Skulptur ihre Aussage», so Gygax.

Die Ausstellung im Marzili dauert von 16.Oktober bis 19. November und ist täglich von 8.30 bis 18.00 Uhr frei zugänglich.

Der Bund

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