«Swissness»

Mehr Schutz für Schweizer Produkte: Eine Ausstellung im Politforum im Käfigturm zeigt, mit wie viel Mühe Juristen und Politiker darum ringen.

Wo Schweiz draufsteht, soll jetzt plötzlich Schweiz drin sein. Das Warenwunderland im Käfigturm. (Keystone)

Wo Schweiz draufsteht, soll jetzt plötzlich Schweiz drin sein. Das Warenwunderland im Käfigturm. (Keystone)

Wann ist eine Ware oder eine Dienstleistung schweizerisch? Eigentlich eine seltsame Frage im Zeitalter der Globalisierung. Doch der Politik ist es bitterernst: Letztes Jahr hat der Bundesrat, gestützt auf die Vorarbeiten des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum, dem Parlament eine 140 Seiten starke Gesetzesbotschaft zugestellt. Die Behörden sollen gegen die missbräuchliche Verwendung der Bezeichnung Schweiz und des Schweizer Kreuzes vorgehen. Eine Studie hat ermittelt, dass allein dank der Herkunftsbezeichnung Schweiz Produkte einen Fünftel teurer verkauft werden können. Fast sechs Milliarden Franken zahlen die Konsumenten demnach mehr, weil es sich eben um Schweizer Produkte handelt.

Weg der Erkenntnis

Kein Wunder also, dass sich die Politik unter dem trendigen Label Swissness für diesen Mehrwert starkmacht. Doch in der arbeitsteiligen Wirtschaftsgesellschaft ist es kompliziert: Was verstehen wir eigentlich unter einem echten Schweizer Produkt? Schweizer Milchschokolade zum Beispiel. Und das, obwohl der wichtigste Rohstoff aus Südamerika oder Afrika stammt: der Kakao. Offensichtlich ist die Identität einer Ware nicht allein materieller Natur, sie wird vielmehr kulturell konstruiert. Schweizer essen praktisch nur Schweizer Schokolade, weil sie Heimat verkörpert, Identität vermittelt und darüber hinaus hohe Qualität verspricht. Doch der Kern der Schokolade ist gerade nicht schweizerisch.

Die gestern eröffnete Ausstellung im Politforum Käfigturm in Bern thematisiert die Unterscheidung zwischen materiellem und kulturellem Wert allerdings nicht explizit. Die Ausstellungsmacher vom Politforum und vom Institut für Geistiges Eigentum verfolgen ein anderes Ziel: Sie wollen Verständnis für einen Gesetzesentwurf schaffen, der das Label Schweiz bei der Vermarktung rechtsstaatlich absichern soll. So werden die Besucher im Käfigturm auf einen klaren Weg der Erkenntnis geschickt, nachdem sie den Eingang durch ein ausgestanztes Schweizer Kreuz betreten haben: Auf einem roten Teppich erreichen sie eine Art Suisse miniature mit allerhand Produkten bekannter Schweizer Marken. Dann aber gilt es, die Blackbox der Missstände zu öffnen: Man erfährt, dass bei den Teigwaren der Marke «Bschüssig» lediglich das Wasser bei der Produktion aus der Schweiz stammt.

Leicht verwundert erklimmt man die nächste Etage hinauf zum inszenierten Gesetzestext – und landet auf dem Feld des Immaterialgüterrechts. Das Chaos bei der Verwendung der Marke Schweiz soll gutschweizerischer Ordnung weichen: Wo Schweiz draufsteht, soll auch Schweiz drin sein. Dazu gehört auch, dass der Gesetzesentwurf bereits einen Hagelschlag einkalkuliert, der zu einem Engpass bei den Erdbeeren führt: Ist ein Schweizer Erdbeerjoghurt noch ein Schweizer Erdbeerjoghurt, wenn vorübergehend EU-Erdbeeren beigemischt werden? Ja, denn obwohl die Konsumenten ein durch und durch schweizerisches Erdbeerjoghurt erwarten, soll bei den Zutaten für Lebensmittel lediglich eine 80-Prozent-Regel gelten. Schliesslich erwartet auch niemand, dass das Ananaskonzentrat im Schweizer Ananasjoghurt aus Schweizer Ananas stammt.

Bündnerfleisch aus Brasilien

Der Laie wundert sich, an welche Finessen die juristischen Experten bereits gedacht haben. Bevor er dann aber kurz vor dem Ende des pädagogischen Swissness-Weges die Vorteile der Vorlage präsentiert bekommt, erwartet ihn das Chalet Suisse mit Geranien, Täferwand und rot-weiss kariertem Tischtuch: Hier kommen die Interessenverbände, aber auch einzelne Unternehmen zu Wort. Keinesfalls verpassen darf man das Statement des Schaffhauser Trybol-Produzenten. Thomas Minder, der Urheber der Abzocker-Initiative, der noch einen zweiten Kreuzzug führt: Ihm geht die Swissness-Vorlage zu wenig weit. Aber auch andere Stimmen verbreiten eine gewisse Ratlosigkeit, und so meldet sich der ernste Verdacht, dass diese Ausstellung sich selbst dekonstruiert.

Das Gesetz ist offenbar höchst umstritten; das eingemittete Resultat des Vernehmlassungsverfahrens widerspiegelt die mittlere Unzufriedenheit mit einer Vorlage, die ein Anliegen mit viel Mühe praktikabel machen will, aber an der Komplexität der arbeitsteiligen Wirtschaft zu scheitern droht. Amüsieren wir uns hierzulande nicht genüsslich über die EU-Richtlinie, die angeblich die Krümmung der Bananen regelt? Wer sich später in Ruhe mit dem Text der bundesrätlichen Botschaft befasst, denkt unweigerlich an diese Bananen. Und stellt dann ernüchtert fest, dass die Swissness-Vorlage (die Revision zum Bundesgesetz über den Schutz von Marken und Herkunftsangaben) mehr Ausnahmen als Standards enthält. Damit etwa das legendäre brasilianische Bündnerfleisch weiter als Schweizer Produkt durchgeht, muss die Justizministerin aus Graubünden beide Augen zudrücken und eine weitere Ausnahme absegnen. Es ist also eine gute Portion Fantasie gefragt, die vielen Ausnahmen zu erklären. Das Wesen von Schweizer Produkten und Dienstleistungen lässt sich ganz offensichtlich nicht über die Rohstoffe, die Zutaten, die Veredelung oder die Wertschöpfung allein erfassen. Wie viel Schweiz muss also noch sein? 60 bis 80 Prozent, so das vorläufige Fazit, doch vor allem besteht das Schweizerische aus lauter Ausnahmefällen.

Der Mehrwert: Das Image

Das historisch gut untersuchte Beispiel der Schokolade zeigt den Widerspruch auf: Da ist es den Konsumenten wahrscheinlich egal, was wirklich drin ist – der entscheidende Mehrwert ist kulturell konstruiert. Die Schweizer Schokolade, eine Schweizer Erfindung, eroberte ab 1900 rasant den Weltmarkt als Produkt, das sich fortan in erster Linie über ein bestimmtes Schweiz-Bild (Berge, Natur und Willhelm Tell) definierte. Eine einheitliche Geschmacksrichtung gibt es ohnehin nicht; mit Ausnahme der Toblerone, und die ist mittlerweile amerikanisch.

Der Ausstellung fehlt gerade diese Perspektive, aber die Zwiespältigkeit der neuen Swissness-Ordnung wird einem plötzlich überraschend deutlich. Zuoberst im Käfigturm dürfen sich die Besucher zum Schluss als Freunde echt schweizerischer Musik inszenieren: Auf einer Karaoke-Bühne stehen hitverdächtige Titel aus inländischer Produktion zur Auswahl, darunter auch «Där Sohn vom Pfarrer», der Song von Sinas erstem Album. Er passt gut ins katholische Wallis, aber auch hier sei die Frage erlaubt: Wie viel Schweiz soll es denn sein? Immerhin gibt es ein Original, «Son of a Preacher Man», aufgenommen ein Vierteljahrhundert vor Sina von Dusty Springfield.

Eine weitere Ausnahme für die Musik, doch Rocksongs werden vom neuen Markenschutzgesetz zum Glück nicht erfasst. Schweizer Musik ist auch nicht für den Weltmarkt gedacht.

Ausstellung: bis 26. Juni. Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr, Samstag, 10 bis 16 Uhr.

Der Bund

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