Hintergrund

Das Ende einer Ära

Einst verkehrten in Ostermundigen Regisseure wie Kieslowski und Godard. Morgen verlieren auch die letzten drei Mitarbeiter des Filmverarbeitungsbetriebs Schwarz Film AG ihre Stelle.

Hat noch einiges aufzuräumen: Charly Huser im Filmlabor.

Hat noch einiges aufzuräumen: Charly Huser im Filmlabor. Bild: Valérie Chételat

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Filmrollen liegen herum, Kassetten und haufenweise Gerümpel. Der Boden ist übersät mit Filmschnipseln und rostigen Schrauben. Die Wände entlang verlaufen verschiedene Rohre, alte und etwas neuere, deren Zweck sich dem Laien nicht auf Anhieb erschliesst.

Inmitten dieses Chaos steht Charly Huser. Er zeigt auf dieses und jenes, weiss zu allem etwas zu erzählen. Sein Blick ist nachdenklich. Wehmut hängt in der Luft, es riecht nach Chemie und Niedergang. Huser ist einer der drei verbliebenen Mitarbeiter der Schwarz Film AG in Ostermundigen - noch bis morgen. Dann macht das Berner Traditionsunternehmen, niedergewalzt von der Digitalisierung, seine Türen für immer zu.

Ein klassischer Patron

Edgar Schwarz gründete seinen Betrieb 1945 als kleines Filmlabor in der Berner Lorraine. 1953 zog Schwarz mit seinem Labor an seinen heutigen Standort am Breiteweg in Ostermundigen. Bis in die 60er-Jahre entwickelte sich die Schwarz Film AG zu einem blühenden Unternehmen mit 75 Angestellten. Neben der Arbeit am Film - entwickeln, schneiden, farbgestalten, kopieren - stellte Schwarz nun auch spezielle Chemiepumpen und Maschinen zur Filmverarbeitung her, die er in die ganze Welt verkaufen konnte. In dieser Zeit, 1965, begann Charly Huser bei der Schwarz Film AG seine Lehre als Filmlaborant. Er sollte das Unternehmen nicht mehr verlassen - bis morgen.

«Edgar Schwarz war für mich wie ein Vater», sagt Huser. Ein klassischer Patron sei er gewesen, beliebt bei den Kunden, ein grossartiger Filmtechniker und ein grosszügiger Mensch. «Ich habe ihm fast alles zu verdanken.» Schwarz war aber nicht nur das - in gewisser Hinsicht kann man ihn auch als Pionier bezeichnen. Als einer der Ersten setzte er bereits in den 40er-Jahren vorwiegend auf den 16-Millimeter-Film. Profis benutzten zu dieser Zeit ausschliesslich 35-Millimeter-Filme, der Schmalfilm galt als Amateurformat. Die Entwicklung gab Schwarz recht. Der kostengünstigere 16-Millimeter-Film setzte zum Siegeszug an - erst das Videoband konnte ihn stoppen.

International mindestens ein mittelgrosser Fisch

Bis dahin war die Schwarz Film AG aber längst auch für die Verarbeitung von 35-Millimeter-Filmen ausgerüstet, sodass ihr diese Neuerung vorerst nichts anhaben konnte. 1982 verstarb Edgar Schwarz. Seither durchlebte der Betrieb bewegte Zeiten. Immer weniger Angestellte konnte die Schwarz Film AG beschäftigen - der Digitalfilm liess die Luft für den konventionellen Filmverarbeiter immer dünner werden. Seit 2009 gehört das Unternehmen der Zürcher Egli Film AG. Im März hat sie beschlossen, den Betrieb einzustellen.

Dass die Schwarz Film AG im internationalen Filmgeschäft mindestens ein mittelgrosser Fisch war, zeigt sich daran, welche Regisseure in Bern vorbeikamen, um ihre Filme veredeln zu lassen. Unter ihnen waren Grössen wie Jean-Luc Godard («Je vous salue, Marie»), Krzysztof Kieslowski («Trois couleurs: Rouge»), Fredi M. Murer («Vitus») und Franz Schnyder («Anne Bäbi Jowäger»).

Huser beschreibt die Arbeit mit ihnen als «sehr angenehm». «Jeder war anders», sagt er. «Man musste spüren, was sie wollen.» In der Fähigkeit, auf Leute einzugehen, sieht Huser eine seiner Stärken. Das habe ihm den Umgang mit seinen berühmten Kunden erleichtert. «Der schönste Moment war immer, wenn ich den fertigen Film mit dem Regisseur zum ersten Mal anschaute», sagt Huser. Das sei jeweils ein feierlicher Akt gewesen. «Als ich Fredi Murer seinen ‹Vitus› zur Abnahme vorführte, hatten wir am Ende beide Tränen in den Augen.»

Präzisionsinstrumente, die niemand will

Das ist nun Vergangenheit. Tränen gibt es höchstens noch zum Abschied. Bis morgen Freitag müssen Huser und die andern beiden Angestellten die Labors geräumt haben. Ein Teil des Materials geht an den Verein Lichtspiel in Bern, das eine oder andere habe man verkaufen können, sagt Huser. Vieles wird aber im Abfall landen. Er deutet auf eine der grossen Filmkopiermaschinen. «Das sind Präzisionsinstrumente», sagt er. «Aber jetzt will sie niemand mehr.»

Draussen vor dem Fenster zertrümmert Betriebsmechaniker Ruedi Stettler einen Schrank. Nun steht Charly Huser und der dritten Mitarbeiterin Ursula Brunner die Trauer ins Gesicht geschrieben. Allzu sentimental mag sich Huser aber nicht geben. Noch bleiben dem 62-Jährigen einige Jahre bis zur Pensionierung. Hoffnungen, noch einmal eine Stelle zu finden, macht er sich keine.

Erstellt: 29.09.2011, 07:17 Uhr

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