Das Ausbleiben der letzten Konsequenz

In «Euromission» arbeitet das Berner A-cappella-Sextett Bliss das helvetische Trauma um den Eurovision Song Contest auf.

Das Berner A-cappella-Sextett Bliss. (zvg)

Das Berner A-cappella-Sextett Bliss. (zvg)

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Es gibt wenige Berner Bands mit einem volleren Tourkalender: Bis Mitte 2012 ist die A-cappella-Gruppe Bliss mehr oder minder ausgebucht. Ausserdem war man bei «Aeschbacher» zu Besuch, und als Produzent der aktuellen CD konnte Berns Bester gewonnen werden: der Lunik-Zeremonienmeister Luk Zimmermann. Alles kleine Indizien dafür, dass hier womöglich einer etwas differenten Form der Chor-Unterhaltung gefrönt wird, dass da nicht auf das übliche Hosenträger-Gauditum gesetzt wird, wie es in der deutschsprachigen A-cappella-Zunft längst Überhand genommen hat.

«Das Zelt» auf der Berner Allmend ist Austragungsort der Premiere des neuen Bliss-Stücks «Euromission», in welchem das helvetische Trauma um den Eurovision Song Contest aufgearbeitet werden soll, ein Anlass, an welchem die Schweiz bekanntlich zu einem Malta der Unterhaltungsindustrie zu verkommen droht. Sechs Herren machen sich auf, dies zu ändern: ein salopper Bündner, ein tuntiger Schweizer Schlagerstar, ein gockelhafter Westschweizer, ein selbstbewusster Amerikaner, ein integrationswilliger Deutscher und ein fleissiger Manager, der bemüht ist, dieses Konglomerat an Charakteren zusammenzuhalten.

Eine prima Ausgangslage, umso mehr, als dieser wunderliche Song Contest seit Äonen Stoff liefert für hübsche Satiren auf das vermeintlich vereinte Europa, für Persiflagen auf die hehre Choreografie- und Showkostümschneiderkunst, auf ungarische Eurodance-Verirrungen oder portugiesische Schlager-Larmoyanz. Doch Bliss lassen all diese Möglichkeiten aus. Zwar treten auch hier die Engländer mit dem definitiv falschen Lied an, und die Schweden bestechen mit ihrer smarten Professionalität, doch den absurden Geist dieser Veranstaltung fangen die Berner bloss in wenigen Momenten ihrer Show auf. Etwa dann, wenn die Schweizer Delegation zur Autogrammstunde verdonnert wird und keiner sich dafür interessiert.

Ansonsten bleibt der Witz dieses Sextetts dann doch irgendwo zwischen Musical-Scherzerei und etwas gar herkömmlicher A-cappella-Comedy stecken, und man wünschte sich etwas mehr Entschlossenheit im Umgang mit der Thematik: Anstatt sich die Musik der jeweiligen Länder des ESC vorzunehmen, tragen die Tschechen ein Elvis-Medley vor, die Ukrainer singen «Lady Marmalade» und die Schweiz – warum auch immer – Seals «Love Divine». Die Song-Auswahl zielt am Anlass vorbei, weil Bliss trotz der vielversprechenden Themenstellung dann doch nicht darauf verzichten mag, das Publikum aus dem All-a-cappella-Songbook zu unterhalten. Dieses ist immerhin relativ breit gehalten und reicht von Prince zu Snow Patrol oder von Michael Jackson zu Bush. Und doch ähneln sich die Strickmuster der Songs, weil die Band gerade im rhythmischen Bereich merklich unterbesetzt ist. Wer Bliss kennt, weiss, dass ein Programm von der Premiere bis zum Tour-Ende noch einige Haken schlagen kann – mit «Euromission» wird das hoffentlich nicht anders sein.

Nächste Berner Show am 7. April im Bierhübeli Bern. (Der Bund)

Erstellt: 04.01.2011, 09:54 Uhr

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