Nachruf

«Danys Express» ist zum letzten Mal erschienen

Das Berner Stadtoriginal Daniel Hemmann ist im Alter von 61 Jahren gestorben.

Daniel Hemmann beim Verkauf von «Danys Express».

Daniel Hemmann beim Verkauf von «Danys Express». Bild: Spitex

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Er sei aufgeregt und in Eile, sagte Daniel Hemmann dieses Frühjahr, er müsse zu einem Vorstellungsgespräch. So unverhofft, wie einem Hemmann anzusprechen pflegte, so ungewöhnlich war die geäusserte Absicht. Vorstellungsgespräch? Daniel Hemmann stand doch seit jeher auf dem Bubenbergplatz oder unter dem Baldachin, um «Danys Express» zu verkaufen. Weder Wind und Wetter noch rüde Passanten konnten ihn davon abhalten, sein Do-it-yourself-Magazin mit Science-Fiction-Geschichten und von ihm gestalteten Mandalas an die Frau und den Mann zu bringen. Fünf Franken kostete die Einzelnummer. Bei grosser Kälte gabs manchmal einen Kältezuschlag von einem Franken. Nein, man konnte sich Hemmann nicht in einem Büro oder einer Werkstätte vorstellen. Ein kurzer Dokumentarfilm über ihn trug schliesslich den Titel «Der Zeitungsmacher». Woher sollte ein solcher Macher überhaupt die Zeit für einen weiteren Broterwerb hernehmen?

Doch das Zeitungsmachen und -verkaufen war nur eine Seite im Leben Daniel Hemmanns: Seit einem Aufenthalt in der psychiatrischen Uniklinik Waldau bezog der einstige Hilfsmechaniker, Chauffeur und Magaziner eine IV-Rente. Zuletzt arbeitete er im Blinden- und Behindertenzentrum Neufeld in der Werkstatt.

«Er gab Aliens eine Stimme»

Nicht wenige Passanten und Leser hatte Hemmann mit seiner Fantasie und seiner Standfestigkeit beeindruckt. Im Kulturblog des «Bund» ist etwa zu erfahren, dass er mit einer seiner Science-Fiction-Geschichten den Anstoss zur Gründung der «extraterrestrischen Rockband» Blues Horror Brigade gab. «Er gab Aliens eine Stimme», war gestern auf der Webpage der Band zu lesen.

Täglich fünf Exemplare verkauft

Hemmanns Stimme war «Danys Express». Dieser erschien seit 1997 mehrmals jährlich in einer Auflage von ein paar Hundert Exemplaren. Er verkaufe pro Tag etwa fünf Exemplare, gab Hemmann einmal dem Spitex-Magazin zu Protokoll. Dafür stehe er häufig bis abends um elf in der Stadt. Seine Geschichten schrieb er in seiner Einzimmerwohnung im Holenacker. Mit dem Farbprinter druckte er jede Seite einzeln aus, die Zeichnungen kopierte er. In der besten Zeit muss «Danys Express» an die 200 Abonnenten gehabt haben. Zeitweise stellte er diesen die Zeitung eigenhändig per Motorrad aus.

«Reise zu den Sternen angetreten»

Ein Arzt in der psychiatrischen Klinik hat Hemmann einmal gesagt, er sei nicht krank, aber er habe zu viel Fantasie. Warum er nicht schreibe? So nahm Hemmann Schreibkurse und beteiligte sich an der Waldau-Patientenzeitung «Kuckucksnest». Mit dem «Kuckucksnest» sammelte er auch seine ersten Erfahrungen mit dem Strassenverkauf.

Hemmanns Traum war es, seine Geschichten einmal in Buchform herausgeben zu können. Die Erfüllung dieses Traumes bleibt ihm nun verwehrt. Daniel Hemmann habe «seine Reise zu den Sternen angetreten», heisst es in der Todesanzeige. Falls es dort auch Strassen gibt, wird man sicher «Danys Express» kaufen können. Er werde seine Zeitung so lange verkaufen, «bis in 100 Millionen Jahren der Andromedanebel auf die Milchstrasse trifft», sagte der Zeitungsmacher einmal gegenüber seiner Kollegin von der «Berner Zeitung».

Dann wird Daniel Hemmann nicht mehr zu einem Vorstellungsgespräch hetzen müssen, weil er seine Bestimmung gefunden hat. (Der Bund)

Erstellt: 25.08.2011, 06:40 Uhr

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