Clubsterben: Bern droht ein kulturpolitisch heisser Herbst

Volksinitiative oder Kulturstreik? Künstler und Politiker reagieren auf drohende Schliessung zweier Clubs.

Vorschlag der Lärmfachstelle: Reduktion des Konzertbetriebs im Sous Soul von 40 auf 6 Konzerte im Jahr. <br />(Manu Friederich)

Vorschlag der Lärmfachstelle: Reduktion des Konzertbetriebs im Sous Soul von 40 auf 6 Konzerte im Jahr.
(Manu Friederich)

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Die Kulturszene ist aufgeschreckt. Der «Bund» deckte am Samstag auf, dass zwei traditionsreiche Berner Tanzclubs unmittelbar vor ihrer Schliessung stehen: einerseits das Sous Soul an der Junkerngasse 1, andererseits das Wasserwerk im Mattequartier. Bei beiden Clubs haben sich Anwohner mit Lärmbeschwerden an die Gewerbepolizei gewandt. Die Betreiber beider Clubs nennen als Hauptgrund für das bevorstehende Lichterlöschen die rigorose Lärmpolitik des Regierungsstatthalteramtes.

Nun beraten Veranstalter und Künstler die Bildung eines Komitees. Als am Donnerstagabend der Dachverband der Berner Kulturveranstalter, Bekult, zum Apéro lud, erörterten namhafte Akteure ernsthaft die Vor- und Nachteile eines breiten Kulturstreiks. Ferner will der Berner Stadtrat Manuel C. Widmer demnächst eine dringliche Interpellation zum Nachtleben in Bern einreichen.

Beschwerderecht einschränken

Ein überparteiliches Bündnis erwägt gar, die Clubkultur in der Bundesstadt mittels Volksinitiative vor ihrem Niedergang zu retten. Tobias Undeutsch, Präsident der Jungfreisinnigen Partei Stadt Bern, skizziert die Idee: «Es sollen Zonen festgelegt werden, in denen das Lärmbeschwerderecht für Anwohner eingeschränkt wird.» Der Entscheid, ob die Initiative lanciert werde, sei aber noch nicht gefallen. Dazu finde Ende Juli ein Koordinationsgespräch mit allen interessierten Gruppierungen statt. «Ihre Teilnahme zugesagt haben die Jungsozialisten, die Junge CVP und die GLP.» Kurzum: Der Stadt Bern könnte ein heisser Herbst bevorstehen.

Auch die städtischen Behörden gehen das Problem an. Im Dezember 2010 wurden auf Antrag des Gemeinderates zwei Motionen überwiesen, die darauf abstellen, eine Lösung für die Konflikte zwischen Anwohnern und Clubbetreibern zu finden. «Der Gemeinderat ist der Ansicht, dass Handlungsbedarf besteht», sagt Walter Langenegger, Leiter des Informationsdienstes der Stadt Bern. «Inzwischen wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die erste Sitzung findet noch im Juli statt.» Ob sich deren Arbeit in der Entwicklung eines Nachtleben-Konzeptes niederschlage, stehe aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest.

Sous Soul seit 2007 in Verfahren

Die Nutzungskonflikte beim Wasserwerk-Club wurden Anfang dieses Jahres ruchbar. Die Betreiber beantragten eine Überzeitbewilligung für ihr Lokal. Gegen dieses Gesuch reichten Anwohner und der Matte-Leist Einsprachen ein. Das Verfahren ist hängig. Einstweilen operieren die Wasserwerk-Betreiber mit stark eingeschränkten Öffnungszeiten.

Schon wesentlich länger läuft das Verfahren gegen das Sous Soul. «Es wurde 2007 eröffnet», sagt Hans Martin Schaer, Stabsmitarbeiter des Regierungsstatthalteramtes Bern-Mittelland. 2009 haben in den angrenzenden Liegenschaften Messungen der Lärmfachstelle des Kantons Bern stattgefunden. Basierend darauf verfasste die Lärmfachstelle einen Bericht, in welchem sie dem Statthalteramt Massnahmen und Auflagen zur Lärmverminderung vorschlug. Diese – notabene noch nicht verfügten – Massnahmen «träfen das Sous Soul ins Mark», sagt Fire Widmer. «Wir dürften bei regulärem Betrieb einen Schallpegel von 90 Dezibel nicht mehr überschreiten.» Bis anhin liegt die Obergrenze bei 93 Dezibel. Der Unterschied mag klein erscheinen, ist aber markant: Die «gefühlte» Lautstärke verdoppelt sich etwa pro 5 Dezibel.

Noch massiver wäre der Eingriff bei Live-Auftritten. «Die Lärmfachstelle des Kantons Bern schlägt vor, den Konzertbetrieb einzuschränken. In der Grössenordnung von sechs Veranstaltungen pro Jahr.» Zuletzt fanden im Sous Soul jeweils zwischen 30 und 40 Konzerte jährlich statt. «Unter diesen Bedingungen macht die Existenz des Sous Soul keinen Sinn mehr», resümiert Fire Widmer.

Und sogar für den Fall, dass die Auflagen nicht realisiert werden sollten, sehen die Betreiber kaum eine Möglichkeit, ihr Lokal weiterzuführen. «Wir können jederzeit wieder in ein solches Verfahren verstrickt werden», sagt Fire Widmer. «Uns fehlt das Vertrauen ins Regierungsstatthalteramt und die Rechtssicherheit.» (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2011, 11:51 Uhr

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