Chansons an Fäden aus Licht

Er war ein «auteur-compositeur-interprète»: Der Berner Troubadour, Politiker, Kolumnist und Lehrer Bernhard Stirnemann ist gestern im 75. Lebensjahr gestorben.

«Lebenslänglich» singen: Bernhard Stirnemann 2007 bei einem Auftritt im La Cappella in Bern. (Christoph Hoigné)

«Lebenslänglich» singen: Bernhard Stirnemann 2007 bei einem Auftritt im La Cappella in Bern. (Christoph Hoigné)

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Nach schmerzreichen Tagen ist Bernhard Stirnemann im Alterszentrum Viktoria gestorben, bis zuletzt begleitet von «Mäni», seiner Frau Marian. Als ihr Anruf kam, war der Schmerz um einen verlorenen Freund plötzlich überdeckt von einem Bild, das weit zurückliegt: Im grossen Hof des Palais des Papes in Avignon suchen zwei Berner Paare ihre Plätze. Das sommerliche Theaterfestival ist angesagt und gleichzeitig ein Fest der Jugend. Wir waren jung, und wir waren fasziniert von den gleichfalls jungen, innovativen und sinnlichen Inszenierungen Jean Vilars mit den berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern des Théâtre National Populaire von Paris, die wir bisher nur vom Kino kannten.

Leidenschaft für die Bühne

«Sie werden geführt an Fäden aus Licht», sagte Bene Stirnemann, als wir lange nach dem Schlussapplaus dem Ausgang zustrebten. Ich weiss nicht, ob jemand von uns antwortete. Wahrscheinlich nicht. Aber mit dem knappen Satz wurde jener Zauber des Spiels erfasst, der jedes bewegende Theater prägt.

Von diesem Erlebnis aus gesehen war Bernhard Stirnemann ein Theatermensch, wie ihn Jean-Louis Barrault in seinem Buch «Je suis Homme de Théâtre» beschrieben hat , ein Theaterbesessener, nein, ein Liebender, einer, der bald selbst das Leben auf der Bühne zu fassen verstand in ein erlebbares Bild.

Er gründete in der Berner Altstadt das «Galerietheater Die Rampe», das sich einen Namen machte mit seinen Inszenierungen von avantgardistischem Autorentheater und als beliebte Bühne für nationale und internationale Kleinkunstgastspiele von 1961 bis 1982 Erfolge feiern konnte. Mit den andern Berner Kleintheatern wurde das Internationale Festival kleiner Bühnen gegründet. 1982 wurde «Die Rampe» trotz einer Petition mit 10 000 Unterschriften geschlossen. Grund: Eigenbedarf des Hausbesitzers.

Am 12. September 1936 im Viktoria-Spital Bern in eine Schreinerfamilie mit teils elsässischen Wurzeln geboren, musste Bene Stirnemann einige Hürden überwinden, bis er endlich seine Theaterleidenschaft leben konnte. Nach einer abgebrochenen Schreinerlehre durfte er das Seminar besuchen und das Primarlehrerpatent erwerben. Und er blieb der Schule treu bis zur Pensionierung. Treue war eine wichtige Eigenschaft von Bernhard Stirnemann, nicht allein im privaten Bereich. Verwurzelt war er in der Stadt und im Kanton Bern trotz internationaler Verbindungen seit den Gastspielen mit der einst so berühmten Berner Studentenbühne. Er engagierte sich während zehn Jahren im Berner Stadtrat und anschliessend 16 Jahre lang im Grossen Rat des Kantons Bern für die Kultur. Schon 1974 verfasste er einen «Bericht über das kulturelle Leben der Berner Altstadt und über die Möglichkeiten, dieses zu fördern». Die Umwandlung des Alten Schlachthauses in eine Spielstätte wurde vorgeschlagen. BernhardStirnemann präsidierte später die kantonale «Kommission für Theater und Tanz» und war Mitglied der «Kommission für allgemeine kulturelle Fragen (Kakuf)».

Gesungen hat er immer als Letzter

Es wären weitere Initiativen und weitere Engagements auszumachen. Doch eingehen in die Geschichte unserer Stadt darf Bernhard Stirnemann als Berner Troubadour, als «auteur-compositeur-interprète», als Schöpfer von berndeutschen Chansons, die längst Volksliedstatus haben und in Anthologien aufgenommen wurden wie beispielsweise «Ds Käthi».

Wieder hat dieses intensivste und reichste Schaffen im westlichen Nachbarland begonnen. Häufiger noch als den Süden besuchten wir Paris. Und dort waren es die «Rive gauche»-Lokale, die eine besondere Anziehungskraft ausübten, konnte man doch dort den Grossen des französischen Chansons oft ganz ungezwungen begegnen. Georges Brassens war ein Vorbild.

Ungefähr gleichzeitig schrieben Bene Stirnemann und Mani Matter ihre ersten berndeutschen Chansons – noch ohne sich zu kennen. Später bildeten sie zusammen mit Markus Traber, Jacob Stickelberger, Fritz Widmer und Ruedi Krebs die Berner Troubadours. An ihren Abenden sang Bene immer zuletzt. Damit setzte er das Prinzip durch, dass die Premieren für alle eine Premiere sein sollten, indem keiner der Troubadours die neuen Chansons der andern kannte. So behielt jeder seine Eigenheit, bis zuletzt. Bis ganz zuletzt. «Lebenslänglich», hat Bene Stirnemann mit dem ihm eigenen Witz geantwortet, als er gefragt wurde, wie lange sie noch singen werden. Nun haben innert Jahresfrist Fritz Widmer, Markus Traber und Bernhard Stirnemann ihr «Lebensläglich» erfüllt und von uns Abschied genommen.

Schon lange haben sie das Älterwerden mitschwingen lassen. Bei Bernhard Stirnemann spielte die Thematisierung der Befindlichkeit stets eine ganz besondere Rolle. Er hat in «Strubi Ängel» auf feine Art die Armen und die Randständigen besungen in einer freien Übersetzung von Pierre Loukis «Mes copains», und sein Lied klingt aus mit: «S’git Ängel, wo sech sälte wäsche, / wo Fläcke hei im Fäderchleid, / hei anstatt Palmstängel Fläsche, / si tüe eim mängisch fasch gar leid. / Chli strubi Ängel sy di Arme, / wo nume grad ei Flügel hei, /drum müesse sich geng zwee umarme / we si zum Himmel flüge wei.» Die Liebeslieder waren immer Geschenke an Mäni, die Frau, welche nicht nur das Glück und die Leidenschaften, sondern auch die schweren letzten Tage mit ihrem Troubadour teilte:

«Ha Glanz und Gloria nid kennt,

han es paar Liedli gschribe,

ha ds Mäni heigholt und e Chatz

und beidi sy mir blibe.

I weiss nid, isch das d Liebi wo

d Poete so macht z’schwärme,

weis nume: ’s isch es zärtlechs Füür,

me cha sech dranne wärme»

Auch Bernhard Stirnemanns berndeutsche Chansons höre ich in jenen Fäden des Lichts von damals und danke mit stillem Applaus. (Der Bund)

Erstellt: 24.03.2011, 08:05 Uhr

«Tschou Bene» - Stimmen von Ruedi Krebs und Christoph Hoigné

Ruedi Krebs, Berner Troubadour:
«Anfang November 2010 hast Du mir am Telefon gesagt:‹Ich habe Krebs und werde bald sterben.› Und dann hast Du noch gesagt:‹Das git es schtrubs Troubadour-Jahr! Zersch dr Fritz, nachär dr Markus u jetz no mi.› Und vor zwei Tagen hast Du mir – wieder am Telefon – ein ganzes Lied von Georges Brassens gesungen, klar und mit guter Stimme. Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell vorbei ist. Aber Du lebst in Deinen Liedern weiter! Bene, Du hast wunderschöne Lieder gemacht, und es war schön, mit Dir zusammen aufzutreten.»

Christoph Hoigné, Leiter La Cappella: «Bernhard Stirnemann war als geborener Entertainer und Primus inter Pares bei allen gemeinsamen Auftritten der Berner Minnesänger immer der Letzte auf der Bühne. Zu den berührendsten seiner Chansons gehören für mich nicht unbedingt seine Hits wie «Mys Käthi schmöckt nach Schoggola», sondern jene spröden Liebeslieder, die er seiner Frau Marian gewidmet hat. Gross ist die Zahl der Mundartchansons, die Bernhard Stirnemann hinterlässt. Einige davon werden wohl auch noch in vielen Jahren in Schulstuben landauf, landab erklingen.»

Schöpfer von Volksliedern: Stirnemann im Jahr 1975. (Bild: Ruedi Krebs)

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