Berner Heidi schmückt Sondermarke

Ein quirliges Mädchen, das seinen eigenen Kopf hat. So stellt Illustratorin Karin Widmer aus Wabern Heidi für die Post dar. Ginge es nach ihr, sollten hierzulande vermehrt auch Erwachsenenbücher illustriert werden.

Die Illustratorin Karin Widmer bezeichnet sich selber als altmodisch – weil sie beim Zeichnen ihre Feder am liebsten in Tusche tunkt. (Adrian Moser)

Die Illustratorin Karin Widmer bezeichnet sich selber als altmodisch – weil sie beim Zeichnen ihre Feder am liebsten in Tusche tunkt. (Adrian Moser)

«Einen Bogen der frisch gedruckten Briefmarken habe ich schon in den Händen gehalten», sagt Karin Widmer, die die neue Europamarke der Post entworfen hat. Behalten durfte sie «ihr» Postwertzeichen aber nicht: «Das wird bis zur Herausgabe streng gehandhabt.» Etwas stolz ist sie schon: Die von ihr gestaltete Sonderausgabe umfasst eine Briefmarke sowie ein Set von Postkarten mit Bildern aus Heidis Leben auf der Alp – vier Sujets statt der drei bestellten, weil den Post-Verantwortlichen die Vorschläge so gut gefielen.

Die ursprüngliche Geschichte stammt aus der Feder der Schweizer Autorin Johanna Spyri (1827–1901). Seitdem wurde «Heidi» in über 50 Sprachen übersetzt, mehrmals verfilmt und war Vorlage für viele weitere Produkte – vom Comic bis zum PC-Spiel. Damit ist die Geschichte vom naturverbundenen Mädchen aus der heilen Bergwelt wohl das international bekannteste Schweizer Kinderbuch. Die Post hat Heidi als Sujet für die diesjährige Europamarke gewählt. Vorgegeben wird das Thema jeweils von Posteurop, der Dachorganisation der grossen Postunternehmen Europas; die Mitgliedländer setzen das Thema der Sondermarke frei um.

Kein braves Mädchen

Heidi hat viele Gesichter. Während Spyris erste Ausgabe nicht illustriert war, enthielten spätere Editionen Holzstiche oder Zeichnungen. Um nicht mit einer der bestehenden Interpretationen in Verbindung gebracht zu werden, wollte die Post ihr «eigenes» Heidi. «Die Post kam letzten Sommer auf mich zu», erzählt Widmer. «Sie war auf der Suche nach einem lieblichen Illustrationsstil, ähnlich demjenigen der frühen Vorbilder.» Einen besonderen Bezug zu Heidi habe sie nicht, sagt Widmer. «Als ich etwa neun Jahre alt war, haben mir meine Eltern die Geschichte vorgelesen», erinnert sie sich. Natürlich habe sie auch die Filme gesehen. Ihr Heidi-Bild sei aber hauptsächlich vom Originalbuch geprägt. Dort wird Heidi als Mädchen mit schwarzem, kurzem und krausem Haar beschrieben. Die quirligen Locken passten besser in Widmers Vorstellung als die Zöpfe aus einem der Filme: «Mein Heidi sollte nicht brav wirken. Es hat seinen eigenen Kopf.»

Als Kind war auch Widmer eher ein Wildfang: «Wir haben im Wald und an der Aare gespielt und Flosse gebaut», erinnert sie sich. Sie besuchte die Steiner-Schule und liess sich an der Schule für Gestaltung zur Grafikerin ausbilden. Es folgte eine Anstellung beim Zytglogge-Verlag. Dort gestaltete sie nebst dem Werbematerial viele Umschlagseiten und illustrierte Kinder- und Jugendbücher. Etwa das CD-Cover von «Matter-Rock» stammt von ihr oder die Bebilderung in Franz Hohlers Buch «Die Rückeroberung».

Seit 1996 ist Karin Widmer freischaffende Illustratorin – in den Neunzigerjahren war sie etwa auch für den «Bund» tätig. Seit 1999 lebt und arbeitet sie in Wabern. Ihre Spezialität sind Kinder- und Naturbücher, wo sie beim Zeichnen ins Detail gehen kann: «Ich mag es, genau hinzuschauen.» Technische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge stellt sie gerne und oft in Lehrmitteln des Berner Schulverlags dar.

Qualität vor Mode

Ihren Stil beschreibt Widmer als «zeitlos»: «Ich richte mich nicht nach Modetrends.» Ihr gefällt denn auch die japanische «Manga-Heidi» nicht, die Heidi in den Siebzigerjahren international bekannt gemacht hat.

«Mir ist gutes Handwerk wichtig», sagt sie. Sie sei eben «etwas altmodisch», zumal sie am liebsten mit Tusche zeichne und die Zeichnungen mit Wasserfarben ausmale. «Die Tusche ermöglicht einen lebendigen Strich – dicker oder dünner, je nachdem, wie viel Druck ich gebe.» Gleichwohl ist ihr der Computer ein gängiges Hilfsmittel: Am Computer bearbeitet sie eingescannte Tusche-Zeichnungen, koloriert sie und spielt mit Ebenen und Effekten. «Dem Endergebnis sollte man den Einsatz des Computers aber nicht ansehen.»

Nicht für Erwachsene

Viele ihrer Vorbilder findet Widmer in der englischen Zeichner-Szene. Etwa Ralph Steadman, der George Orwells «Animal Farm» illustrierte: «Er hat einen ganz bösen, aber wunderschönen Strich», schwärmt sie. «Schade, dass es bei uns nicht üblich ist, Erwachsenenbücher zu illustrieren.» Auf ihrer eigenen Website findet sich auch viel Märchenhaftes und Fantastisches: Da tummeln sich Wurzelgestalten, Drachen und andere Fabelwesen.

Und wie gestaltet man eine Briefmarke? Die Antwort klingt paradox: «Es ist wie bei einem Plakat», sagt sie. «Man muss den Inhalt auf den ersten Blick erfassen können.» Ganze Szenen zeigen darum nur die Postkarten: Heidi mit dem Alpöhi am Küchentisch, Heidi und Peter beim Haus, mit den Ziegen auf der Wiese oder beim Überqueren eines Baches.

Karin Widmer wird die Europa-Sondermarke wie alle anderen Leute in der Philatelie-Abteilung der Post kaufen. In der Filiale an der Schanzenstrasse ist die Marke ab heute erhältlich. Frankaturgültig ist sie aber erst ab dem 6. Mai. Dann erhalten Philatelisten auch den Ausgabetagstempel – damit können sie den Wert der Sondermarke in der Sammlung nochmals steigern.

Der Bund

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