Berner Arzt bekommt saudi-arabischen «Nobelpreis»

Der Orthopäde Reinhold Ganz hat Operationen am Hüftgelenk revolutioniert.

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Saudiarabien ehrt einen Schweizer: Das ist in der Zeit nach dem Minarett-Verbot vielleicht noch bemerkenswerter als vorher. Allerdings spielen beim König-Faisal-Preis schwer messbare Gesinnungen keine Rolle, geht es doch um nüchterne wissenschaftliche Geniestreiche. Die mit 200 000 Dollar weltweit am zweithöchsten dotierte Ehrung ging denn auch schon an Wissenschaftler wie Craig Venter, den Entschlüssler des menschlichen Genoms – und oft gewinnen Träger des Preises früher oder später ebenfalls den Nobelpreis. Dieses Jahr nun wurde die Ehre des Nobelpreises der arabischen Welt, wie der König-Faisal-Preis auch genannt wird, dem Berner Orthopäden Reinhold Ganz zuteil – neben anderen Medizinern und Mathematikern, aber auch neben dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, der die Auszeichnung für seine «Dienste am Islam» gewonnen hat.

In Maurice E. Müllers Fussstapfen

Ganz, gebürtiger Deutscher, war von 1981 bis 2004 Chef der Orthopädie am Inselspital. Seit sechs Jahren führt er als emeritierter Professor auf der ganzen Welt Operationen durch. Der Grund für sein Renommee ist seine Behandlung der Arthrose am Hüftgelenk: Sie ermöglicht es Arthrose-Patienten, das eigene Gelenk zu behalten. Dank Ganz’ Methode lässt sich das Hüftgelenk heute chirurgisch «ausrenken», was früher wegen der Risiken für die Patienten verboten war. Mechanisch können dann die Fehlbildungen am Gelenk behoben werden. Mit diesen Fortschritten bei der Behandlung von abgenutzten Gelenken tritt Ganz in grosse Fussstapfen, denn Bern war schon immer ein gutes Pflaster für Orthopäden: Sein Lehrmeister Maurice E. Müller hat das künstliche Hüftgelenk erfunden – bevor er Mäzen des Zentrums Paul Klee wurde.

«Ganz besondere Ehre»

«Ich bin nicht einer, der sich hinstellt und sagt: ,Lobt mich!», sagt indes Ganz, der seinen Gewinn des König-Faisal-Preises nicht einmal publik gemacht hat. Überrascht gewesen sei er über die Nominierung, erfahren von der Ehrung habe er schliesslich im Januar. Die Preisverleihung folgte dann Anfang März im Sultanspalast von Riad.

Ganz so bescheiden müsste der Preisträger nicht sein: «Es ist für Bern eine ganz ungewöhnliche Ehre, dass Professor Reinhold Ganz nicht einfach ein zweiter Maurice Müller, sondern ein erster Reinhold Ganz geworden ist und damit Bern zu einem Mekka der Orthopädie gemacht hat», schreibt Ganz’ Kollege Christian Gerber, seines Zeichens Chef-Orthopäde des Zürcher Universitätsspitals, dem «Bund» – passend zur arabischen Auszeichnung. Eine grössere Ehre sei übrigens in den letzten Jahrzehnten kaum einem Berner Wissenschaftler zuteilgeworden.

Die Zürcher hatten in dieser Hinsicht mehr Glück. 2008 gewann der Zoologe Rüdiger Wehner den König-Faisal-Preis für seine Forschung an einer Wüstenameise, die sich mittels polarisiertem Sonnenlicht in «leeren» Landschaften orientiert – dank Wehner lässt sich nun auch das menschliche Nervensystem und damit die Evolution des Gehirns besser verstehen.

Bern liegt in Deutschland

Einen ganz kleinen Wermutstropfen gibt es nun aber doch im Zusammenhang mit dem Berner Preisträger: Laut der Internet-Seite der Faisal-Stiftung, benannt nach dem ehemaligen saudischen König, liegt Bern nämlich in Deutschland. Ob die Saudis damit den Teilungsplan von Libyens Ghadhafi, der die Deutschschweiz Deutschland zuspricht, symbolisch umsetzen wollten, entzieht sich unserer Kenntnis. (Der Bund)

Erstellt: 25.03.2010, 09:30 Uhr

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