Bern will Zürcher Ausnüchterungszellen

Polizeidirektor Hans-Jürg Käser unterstützt die Idee einer Zentralen Ausnüchterungsstelle. Der politische Vorstoss dazu ist unterwegs. Damit will man Jugendliche erziehen und die Notfallstationen entlasten.

Eine Nacht in dieser Zelle kostet in Zürich bis zu 950 Franken. (Sophie Steiger)

Eine Nacht in dieser Zelle kostet in Zürich bis zu 950 Franken. (Sophie Steiger)

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Mitte März hat die Zürcher Stadtpolizei 12 Ausnüchterungszellen in Betrieb genommen. Für eine Beurteilung sei es noch zu früh, aber die sogenannte Zentrale Ausnüchterungsstelle (ZAS) in der Polizeiwache Urania habe sich an den ersten Betriebswochenenden bewährt, sagt Reto Casanova, Mediensprecher des Polizeidepartements der Stadt Zürich. Besonders ist an der ZAS, die von einer privaten Medizinalfirma und einer privaten Sicherheitsfirma betrieben wird, dass die von der Polizei aufgegriffenen Betrunkenen für ihren Ausnüchterungsaufenthalt bezahlen müssen. Eine Zelle kostet je nach Aufenthaltsdauer 600 bis 950 Franken.

Von diesem Pilotprojekt liess sich der Berner EVP-Grossrat Ruedi Löffel inspirieren. In der Fragestunde der letzten Grossratssession wollte er deshalb wissen, ob eine ZAS auch für Bern infrage käme. Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) steht der Idee positiv gegenüber. «Ich bin jetzt daran, einen politischen Vorstoss auszuarbeiten», sagt Löffel.

Eltern sollen Kinder abholen

Ob Bern so viele Ausnüchterungszellen wie Zürich benötige, wisse er nicht, sagt Löffel. Untergebracht werden könnte eine ZAS aber beispielsweise im City-Notfall. Ein wichtiger Punkt seiner Motion werde die Kostenfrage sein. Im Kanton Bern fehlen die gesetzlichen Grundlagen für eine Weiterverrechnung. Käser erklärte aber vor dem Parlament, dass er die Möglichkeit dazu bereits prüfen lasse.

«Minderjährige sollen von den Eltern in der ZAS abgeholt werden», sagt Löffel. Das erlaube eine Erstintervention, welche auf eine Beratung oder eine Therapie hinauslaufen könnte, sagt Löffel. Heute würden die Eltern wegen der Schweigepflicht nicht informiert.

Schliesslich will er mit den Ausnüchterungszellen die Notfallstationen der Spitäler entlasten. Gemäss einer Statistik des Inselspitals wurden 2007 373 Notfallpatienten mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert. Dies entspreche 3,3 Prozent aller Notfälle.

Nicht alle können in die ZAS

Obwohl Käser in der Fragestunde sagte, das Inselspital stehe der Idee einer ZAS grundsätzlich positiv gegenüber, scheint es Bedenken zu geben. Das Notfallzentrum sei für die Betrunkenen die sicherere Lösung. Viele der Patienten hätten eine starke Alkohol- oder Mischvergiftung mit Medikamenten oder Drogen und müssten deshalb medizinisch sehr intensiv überwacht werden, heisst es beim Inselspital. Dafür würden die Fachärzte der Intensivstation zur Verfügung stehen.

Ähnlich tönt es aus dem Ziegler- und dem Tiefenauspital der Spitalnetz Bern AG, bei denen die Betrunkenen ebenfalls etwa 3 Prozent der Notfallpatienten ausmachen würden. Leute mit einer Alkohol- oder Mischvergiftung brauchten eine Überwachung der Herzfunktionen oder der Atmung. Eine ärztliche Triage sei zudem immer nur eine Momentaufnahme, der Zustand der Leute könne sich schnell ändern, sagt Felix Noll, ärztlicher Leiter der Notfallstationen des Ziegler- und des Tiefenauspitals. Auch wenn private Medizinalfirmen die Betreuung in einer ZAS übernehmen würden, könnten trotzdem nicht alle Betrunkenen dorthin gebracht werden, weil es ihnen zu schlecht gehen würde oder sie zusätzlich verletzt seien.

Da liegt der Schwachpunkt am Pilotprojekt in Zürich: Wer in die ZAS kommt, erhält anschliessend eine Rechnung. Für die Kosten der Betrunkenen, die in einem noch schlechteren Zustand sind und deshalb in die Notfallstation eingeliefert werden, kommt die Krankenkasse auf. «Darüber müssen die Krankenkassen nachdenken», sagt Casanova.

Sollen Betrunkene selbst bezahlen

Nichts dagegen hätte Noll, wenn die Betrunkenen für ihren Aufenthalt auf der Notfallstation selber aufkommen müssten. Aber grundsätzlich gehörten sie dorthin, und obwohl sich die Alkoholnotfälle auf die Wochenenden konzentrierten, legten sie den Notfall nicht lahm. Der Unterstützung der Spitäler würde aber ein Sicherheitsdienst dienen, sagt Noll. Betrunkene seien oft aggressiv. Die Entlastung insbesondere des universitären Notfallzentrums würde einem Neuaufbau und dem Betrieb einer Ausnüchterungsstation gegenüberstehen, gab auch Käser zu Bedenken.

Keine Entlastung für die Polizei

Keine grosse Entlastung würde eine Zentrale Ausnüchterungsstelle für die Polizei bringen, wie Manuel Willi, Chef Region Bern der Kantonspolizei, sagt. Wenn die Polizei Betrunkene in die Ausnüchterungszellen am Waisenhausplatz bringt, stehe dies im Zusammenhang mit einer begangenen Straftat oder einer Selbst- oder Fremdgefährdung. Wenn es ganz schlimm sei, müssten die Personen in die Überwachungsstation der Insel eingeliefert werden. Auch bei der Polizei würden Betrunkene nicht unbeaufsichtigt gelassen, aber eine permanente medizinische Beobachtung existiere nicht. (Der Bund)

Erstellt: 25.05.2010, 10:52 Uhr

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