Buch

Bern hat viele Gesichter

Ob Plakatgestalter oder Spitalclownin, ob Detailhandelsökonom, Jungrechner oder Velokurierin: Ein neues Buch zeigt 75 Bernerinnen und Berner in ihrer Umgebung – und fernab des Offensichtlichen.

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«Irgendwie lässt mich der Gedanke nicht mehr los. Wie wärs?» Mit diesem Satz begann im Herbst vor einem Jahr das Projekt «Bern – Gesichter einer Stadt». Damals schrieb der Thuner Fotograf Michael Meier diese Zeile an die deutsche Schauspielerin und Autorin Christiane Wagner. Meier und Wagner hatten sich im Sommer zuvor bei einem Theaterprojekt auf dem Gurten kennen gelernt und bereits dort erfolgreich zusammengearbeitet.

Zwar lautete der von Michael Meier im Mail vorgeschlagene Arbeitstitel noch «Bern – 50 Bewohner aus der Bundesstadt», und geplant waren 50 und nicht 75 Porträts, doch die Grundidee war klar – und Christiane Wagner sofort begeistert. Dass ein Jahr später tatsächlich ein fertiges Buch vor ihnen auf dem Tisch liegt, freut die beiden enorm – es ist ein Buch über die Menschen in Bern geworden.

Keiner zu klein, im Buch zu sein

75 Personen im Alter zwischen 7 und 95 Jahren zeigt das Buch, so wie sie sind, mit all ihren Eigenarten. Vom kleinen Elvis, der ein guter Rechner ist, bis zum vifen Zytglogge-Führer Roland Morgenegg, der seit 53 Jahren zügigen Tempos die Treppen des Berner Wahrzeichens erklimmt. Für jedes Porträt steht eine Doppelseite zur Verfügung: Links eine schlichte, schwarzweisse Fotografie, eine Frontalaufnahme des Gesichts, rechts der Text zur Person. Meier fotografierte die Porträtierten in ihrer gewohnten Umgebung, diese bleibt jedoch gewollt unscharf im Hintergrund. Sie entschieden sich bewusst dafür, die Menschen in ihren Freizeitkleidern und ohne besondere Pose abzulichten.

Christiane Wagner fiel es nicht leicht, sich auf den vorgegebenen Platz für den Text zu beschränken: «Die Seite ist so kurz für ein ganzes Leben!» Darum seien es natürlich nur Ausschnitte: «Ich hoffe aber, die Texte geben einen Geschmack, etwas Farbe und Atmosphäre der Begegnungen wieder.» Wagner wollte die Leute nicht interviewen; vielmehr waren es Gespräche, in denen sie mehr über ihr Gegenüber erfuhr.

Und sie besuchte die Bernerinnen und Berner auch oft in deren Umgebung: «Ich begleitete zum Beispiel Regula Stucki als Dr. Trallalla bei ihrer Arbeit als Clown im Kinderspital; das war sehr eindrücklich.» Aber wie wählt man Menschen für solche Porträts aus, wo findet man sie? «Wir sind auf Streifzug durch die Stadt gegangen, haben durch Schaufenster geguckt und so sehr viele spannende Leute getroffen», sagt Wagner und fügt hinzu: «Wir wollten aber auch ganz bewusst zeigen, wer und was die Stadt ausmacht, zusammenhält und organisiert.»

Faszinierende Zufallsbegegnungen

Darum fragten sie beispielsweise bei der Feuerwehr, der Post oder bei den Velokurieren gezielt an. Schliesslich kam es manchmal auch zu faszinierenden Zufallsbegegnungen. So etwa mitten im Wald mit der Hundeausführerin Doris Hug oder mit dem Journalisten Jacques-Olivier Pidoux beim Bad in der Aare – mitten im Winter. Es finden sich auch zwei, drei Stadtgrössen im Buch. Doch Wagner und Meier wollten bewusst nicht prominente Personen porträtieren, nur weil sie prominent sind. Die bekannten Gesichter, die den Weg ins Buch trotzdem fanden, werden durch Christiane Wagners unvoreingenommenen Blick wohltuend anders gezeigt. So kannte die Autorin den Berner Plakatgestalter Claude Kuhn vor dem ersten Treffen überhaupt nicht: «Ihn belustigte dies ein bisschen. Für das Projekt war es aber sehr positiv, denn so erhielt jede Person dasselbe Gewicht.»

Am Montag nun wurde das Erscheinen des Buchs mit einer Vernissage im Theater an der Effingerstrasse gefeiert. An vier weiteren Abenden werden die beiden Autoren ihr Werk in Form von szenischen Lesungen vorstellen. Mit einer Auflage von 2000 Exemplaren startet das Buch nun in den Verkauf. Dass sie jetzt tatsächlich an diesem Punkt stehen, erstaunt Meier und Wagner offenbar selbst: «Wir sind keine Geschäftsleute, unsere Antriebskraft war eher eine Art Faszinationsenergie», sagt Meier. Hört man den beiden zu, sollte eigentlich mehr von einer Taufe als von einer Vernissage die Rede sein: «Das ist eine ganz neue Phase, jetzt kommt das Baby auf die Welt.» Und laut dem Postskriptum des allerersten Mails darf man sogar auf eine Fortsetzung hoffen: «PS: Band 2: ‹Berlin – im Moment› – 50 Bewohner aus der Bundeshauptstadt». (Der Bund)

Erstellt: 25.10.2011, 11:18 Uhr

Infobox

Lesungen: 31. Oktober und 7. November, Theater Matte, 20 Uhr; 11. November, Villa Stucki, 19 Uhr; 17. Februar 2012, Schloss Schwarzenburg, 20 Uhr.

Das Buch

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