Balthasar ist noch nicht da

Elf Künstler entwickeln in einem Holzschuppen beim Wylerbad Positionen zum Berner Fotografen Balthasar Burkhard. Doch zuerst müssen sie putzen. Ein Werkstattbesuch.

Livio Baumgartner in den Ausstellungsräumen, wo ab Freitag die Devise «Deeper Than Beauty» gilt.

Livio Baumgartner in den Ausstellungsräumen, wo ab Freitag die Devise «Deeper Than Beauty» gilt. Bild: Valérie Chételat

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Ordnung muss sein, auch in einem abgetakelten Pferdestall. Sowieso, wenn darin Kunstwerke ausgestellt werden wollen. Und erst recht, wenn es sich um so Kostbare handelt, wie jene des Fotografen Balthasar Burkhard. Ordnung? «Kommt schon noch», sagt Livio Baumgartner. Der Berner Künstler und Kurator macht einen betont lässigen Eindruck, als er am Dienstag durch die Ausstellungsräume führt, vorbei an Farbkesseln, Sägemehlhäufchen, Kartonschnipseln und Abdeckfolien. Und wo ist hier die Kunst? «Kommt schon noch.» Am Freitag feiert die Ausstellung «Deeper Than Beauty» Vernissage. «Es ist wie im Atelier», sagt Livios Bruder Nino Baumgartner, der zuletzt in Mexico City arbeitete. «Man kommt mit einer Idee an und merkt, dass sie nicht aufgeht. Dann beginnt die Arbeit. Sie dauert bis spät in die Nacht.»

Die Bude steht noch

Das Erstaunliche ist, dass in dieser Unordnung alles exakt an seinem Platz ist. Bereits vor einem Jahr hat Livio Baumgartner diesen Holzschuppen unweit des Wylerbads bespielt. Damals setzten sich acht junge Berner Künstler mit dem Schaffen des Sprengmeisters Willy Weber auseinander. Dessen Nachlass hatte zehn Jahre auf dem Dachboden geschlummert. Nach der Ausstellung sollte der Stall abgerissen werden. Deshalb sparten sich die Künstler die Mühe, ihre teilweise tonnenschweren Installationen zu entfernen. Doch es kam anders: Die Bude wurde verriegelt, steht aber noch - der Innenraum war gleichsam eingefroren. Statt Abbruch heisst es jetzt Aufräumen: Gemeinsam weisseln die Künstler Wände, räumen sie Räume und wischen sie Böden. Es könnte auch ein Ferienlager sein.

Balthasar Burkhard hätte diese Situation vielleicht an «When Attitude Becomes Form» erinnert, die mythenumrankte Szeemann Ausstellung von 1969 in der Kunsthalle. Beuys, Serra, Weiner, Nauman - alle kamen sie damals nach Bern, um gemeinsam eine Ausstellung zu gestalten. Burkhard begleitete sie als junger Dokumentalist. Später erzählte der 2010 verstorbene Fotograf, dass ihn diese neue Form der Interaktion zwischen den Personen und ihren Werken entscheidend prägte. «Die Künstler waren immer in der Kunsthalle, zwei Wochen lang. Abends gingen alle Bier trinken. Ich war nie an einer Kunsthochschule. Diese Zeit, das war meine Ausbildung.»

Das Haus soll ein Organ sein

Wie kurz der Weg ist vom Aufräumen zur Kunst, beweist Niklaus Wenger in einem Nebenraum. Der Berner steht in einem Meer aus weissem Pulver, umwölkt von Staubschwaden. Seit eineinhalb Tagen schaufelt und wischt er Gips. Bereits ragt vor ihm ein mächtiger weisser Kegel in die Höhe. Jetzt dreht Wenger die Innenflächen seiner Hände zum Licht. Die Haut ist aufgerissen, auf den Handballen glühen kleine rote Krater. Bald ist das Werk vollbracht. Dann fehlt nur noch diese bestimmte Lichtinstallation. Niklaus Wenger lächelt, hustet und wischt weiter.

Zwei Werke von Balthasar Burkhard sollen noch aufgehängt werden: ein schwarzweisser Frauenakt von 1984 und eine farbige Heliogravur aus dem Spätwerk «Scent of Desire». «Diese Ausstellung ist keine Retrospektive zu Burkhard», sagt Livio Baumgartner. «Das Haus soll ein Organ sein, in dem die Werke aller Künstler in einen gemeinsamen Dialog treten.» Auch das, darf man annehmen, hätte Balthasar Burkhard gefallen. (Der Bund)

Erstellt: 02.09.2011, 15:29 Uhr

Burkhards Ästhetik

Es ist weder brave Huldigung noch wilder Bildersturm: In «Deeper Than Beauty» entwickeln elf junge Künstler Positionen zum Werk von Balthasar Burkhard. In Fotografie, Zeichnung, Skulptur, Plastik und Installation wird Burkhards Begriff der Ästhetik aufgegriffen und verhandelt. Nebst den oben genannten bringen sich ein: Costa Vece, Pascale und Arienne Birchler, Jonas Etter, Sandro Fiechter, Karin Lehmann, Livia Di Giovanna, Kyung Roh-Bannwart und Lorenzo Salafia. Ergänzend zur Ausstellung finden Videoabende mit Nicola Ruffo (9. und 16. Sept.) und Konzerte von Nik Bärtsch (10. Sept.) und Mani Porno (17. Sept) statt.

Vernissage: Freitag, 2. September, ab 18 Uhr, Stauffacherstrasse 79, Bern. Bis 17. 9.

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