«Bald spricht niemand mehr davon»

Heute tritt im Kanton Bern das Gesetz zum Schutz vor Passivrauchen in Kraft. Fünf Jahre lang hat der EVP-Grossrat Ruedi Löffel als treibende Kraft für dieses Rauchverbot in Restaurants gekämpt. Nun geniesst er das «gute Gefühl», fast am Ziel zu sein.

Die Kioskaushänger in seinem Büro beim Blauen Kreuz in Bern zeigen, wofür Präventionsfachmann Ruedi Löffel einsteht. (Adrian Moser)

Die Kioskaushänger in seinem Büro beim Blauen Kreuz in Bern zeigen, wofür Präventionsfachmann Ruedi Löffel einsteht. (Adrian Moser)

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«Bund»: Herr Löffel, schaut man sich in Ihrem Büro um, gewinnt man den Eindruck, das Rauchverbot sei das Wichtigste in Ihrem Berufsleben.

Ruedi Löffel: Ja, ich arbeite seit 16 Jahren in der Suchtprävention. Das Blaue Kreuz ist vor allem im Alkoholbereich tätig, wenn wir aber mit jungen Leuten arbeiten, sind alle Suchtformen ein Thema. Suchtprävention ist mein tägliches Brot.

Ab heute gilt im Kanton Bern in öffentlich zugänglichen Räumen und in Restaurants ein Rauchverbot. Wie fühlen Sie sich dabei?

Fünf Jahre habe ich mich dafür engagiert. Es ist ein gutes Gefühl, darf ich sagen. Und ich freue mich.

Und sind Sie da, wo Sie hinwollten?

Praktisch.

Praktisch? Was passt Ihnen nicht?

Bedienung in den Fumoirs dürfte nicht sein. Es ist eine Gemeinheit den Angestellten gegenüber.

Was bringt das Rauchverbot?

Die Forderung nach Schutz vor Passivrauchen war ja die Fortsetzung früherer Vorstösse, mit denen ich Werbe- und Abgabeeinschränkungen erreichte. Wenn das Rauchen aus dem öffentlichen Raum verbannt wird, wenn es nicht mehr die Mitte des gesellschaftlichen Lebens darstellt, bleibt das nicht ohne positiven Einfluss auf Jugendliche.

Und die Umsetzung?

Im Ausland hat sie erstaunlich gut geklappt – selbst in Irland, wo es zuerst hiess, rauchfreie Pubs seien unvorstellbar. Auch im Kanton Bern wird es funktionieren. Ein paar Wirte werden versuchen, die Grenzen auszuloten. Aber sonst? In ein paar Monaten spricht niemand mehr davon.

Aber viele Wirte scheinen nicht zufrieden zu sein.

Der grösste Teil der Gastrounternehmer – ich habe in den letzten Jahren mit vielen gesprochen –will vor allem klare und einheitliche Regeln. Die meisten Wirte werden kein Problem mit dem Verbot haben. Es sind aber nicht die lautesten.

Welches sind denn die Lautesten?

Wer sich schwierig aufführt, das sind die Gastro-Verbände.

Also Gastro Bern. Warum?

Ich weiss es nicht. Aber ich habe schon lange den Eindruck, dass die Verbände gar nicht mehr ihre Basis vertreten, sondern eine Minderheit, die nicht akzeptieren kann, dass nun klare Regeln eingeführt werden.

Und was wird aus der Beschwerde, die Gastro Bern beim Bundesgericht gegen das Rauchverbot führt?

Diese richtet sich ja hauptsächlich gegen das Ausschankverbot in den Fumoirs. Ich wäre sehr überrascht und sehr enttäuscht, wenn das Bundesgericht hier dem Kanton Bern in den Vollzug hineinreden würde. Das Ausschankverbot ist ja so etwas wie ein Kompromiss.

Inwiefern?

Der Grosse Rat ist den Wirten entgegengekommen, indem er in den Fumoirs überhaupt Bedienung erlaubte. Dafür sollen sich die Angestellten nicht in den Fumoirs aufhalten müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Bundesgericht diesen minimalen Schutz der Arbeitnehmenden rückgängig machen wird. Aber ich bin nicht Jurist.

Sie sagen, die meisten Wirte werden keine Probleme haben. Sehen Sie aber auch Verlierer?

Ich habe schon im Grossen Rat gesagt, es werde einzelne Wirte geben, die wegen der neuen Regeln Probleme bekommen könnten.

An welche Betriebe denken Sie?

An eher kleine Lokale, die eine sehr spezielle Kundschaft haben. Allerdings: Der schweizerische Gastroverband spricht selber von einem bedeutenden Überangebot in der Gastronomie. Somit werden sich nicht alle Schwierigkeiten, die künftig entstehen werden, auf das Rauchverbot zurückführen lassen.

Und was wird mit der speziellen Kundschaft passieren, wie Sie sie nennen? Mit Leuten, für die die Gaststube so etwas wie ein Daheim ist? Werden diese Leute in die Einsamkeit getrieben?

Die Frage ist, was diese Leute suchen. Dass sie nur deswegen nicht mehr kommen, weil sie in der Gaststube nicht mehr rauchen dürfen, glaube ich nicht. Was wollen sie denn stattdessen tun? Den ganzen Tag daheim sitzen? Wenn das Zusammensein in der Gaststube für sie tatsächlich eine solch grosse Bedeutung hat – was ich keineswegs abstreite –, dann kommen sie nach ein paar Wochen wieder. Wenn sie auf das Rauchen nicht verzichten können, müssen sie ja bloss für drei Minuten hinaus. Das ist die einzige Konsequenz. Es ist vergleichbar mit dem Gang auf die Toilette.

Aber wenn der Wirt selber Raucher ist, wäre es doch fast das Gleiche, wie wenn die Gäste bei ihm zu Hause rauchen würden?

In den meisten Betrieben hat es Angestellte. Und ob die selber rauchen oder nicht, das ist für mich nicht die Frage. Die Frage ist, ob es richtig ist, wenn sie zwölf Stunden im Rauch arbeiten müssen.

Am Ende leben also alle gesünder?

Es geht mir nicht darum. Ich will niemandem das Rauchen abgewöhnen oder verbieten. Es soll aber niemand andere damit belästigen und beeinträchtigen.

Man könnte aber doch den Eindruck gewinnen, Ihnen gehe es darum, übers Passivrauchen die aktiven Raucher zu bekämpfen.

Man kann das sehen, wie man will. Aus Sicht der Prävention ist man sich einig: Wenn man das Rauchen aus öffentlichen Räumen verbannt und damit dafür sorgt, dass es nicht mehr eine solch zentrale Stellung einnimmt wie bisher, dann beginnen weniger Kinder und Jugendliche mit Rauchen. Das ist meine Motivation.

Aber dass es auch darum geht, die Leute etwas vor sich selbst zu schützen: Das schwingt halt doch mit.

Wenn durch ein Rauchverbot ein paar Leute mit Rauchen aufhören, ist das ein Nebeneffekt, gegen den bestimmt niemand etwas einzuwenden hat und den ich gern in Kauf nehme. Man weiss ja, dass mindestens die Hälfte der Raucherinnen und Raucher mit Rauchen aufhören möchte. Als in Italien das Rauchverbot in Kraft trat, haben im ersten Jahr eine halbe Million Italiener aufgehört zu rauchen.

Hinter Ihnen hängen auch Bibelsprüche an der Wand. Welche Rolle spielt die Religion in Ihrem Kampf gegen die Sucht? Religion gilt da und dort ja auch als Ersatzdroge.

Ich bin geprägt vom christlichen Glauben. Und das ist sicher einer der Gründe, warum ich beim Blauen Kreuz arbeite. Es ist die Organisation, die sich nach der Industrialisierung um die Alkoholiker kümmerte, die mit der Schnapsflasche auf der Strasse herumhingen. Daraus erwuchs die Prävention: Man hat zunehmend versucht, zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt. Meine Triebfeder ist in dem Sinn nicht der Glaube direkt, sondern eher die Arbeit hier, mit der ich mich sehr stark identifiziere.

Angesichts der heutigen Welt mit all ihren Schwierigkeiten und übermächtigen Problemen: Verstehen Sie, dass Leute manchmal das Bedürfnis haben, sich zu berauschen?

Ja natürlich, denn eine rauschfreie oder gar suchtfreie Gesellschaft ist eine Illusion. Eine suchtfreie Gesellschaft zu erreichen, ist weder das Ziel des Blauen Kreuzes noch mein persönliches. Wir versuchen aber, die Gefahren und Probleme aufzuzeigen und zu vermindern, die mit missbräuchlichem Konsum zusammenhängen.

Aber haben Sie Verständnis für Leute, die den Rausch suchen? Sie selber rauchen nicht, Sie trinken keinen Alkohol und nehmen auch sonst keine berauschenden Substanzen zu sich.

Moment, Moment. Zu Beginn meiner Arbeit beim Blauen Kreuz habe ich neun Jahre abstinent gelebt. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Heute verlangen wir von neuen Mitarbeitenden, dass sie eine bestimmte Zeit abstinent leben. Einfach damit sie erfahren, wie rasch die Stimmung am Gefrierpunkt ankommen kann, nur weil jemand sagt, er trinke keinen Alkohol. Früher war ich Gelegenheitsraucher, und heute trinke ich durchaus gerne mal ein Glas Cognac.

Aber damit sind Sie noch weit von einem Rausch entfernt.

Der ist ja nicht zwingend nötig. Irgendeinen Ausgleich brauchen wohl zwischendurch alle Menschen. Ein Rausch ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten. Vom «Sich-etwas-Zurücklehnen» bis zum Verdrängen und zum Fluchtversuch ist es kein weiter Weg – der Grat zwischen diesen Positionen ist ganz schmal. (Der Bund)

Erstellt: 01.07.2009, 08:01 Uhr

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