Aufstieg und Fall des ersten Lottokönigs

Werner Bruni war vor 31 Jahren der erste Lottomillionär der Schweiz. Sechs Jahre nach seinem Gewinn meldete er Privatkonkurs an. Heute lebt der 74-Jährige aus Heimberg von der AHV. Jetzt hat er sein Leben in einem Buch aufgeschrieben.

Obwohl es in seinem Leben auf und ab ging, hat Werner Bruni den Humor nicht verloren. (Valérie Chételat)

Obwohl es in seinem Leben auf und ab ging, hat Werner Bruni den Humor nicht verloren. (Valérie Chételat)

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Es ist bitterkalt an diesem Morgen in Spiez. Werner Bruni heisst uns in die warme Stube. Vor fünf Tagen ist er aus dem Spital zurückgekehrt, wo er sich einer Operation unterziehen musste. Aber seine Augen funkeln schon wieder fröhlich, und der Schalk sitzt ihm im Nacken: «Seit ich das Jammern und Klagen abgeschafft habe, geht es mir gut», scherzt er.

Die Wohnung ist sauber aufgeräumt und der 74-jährige Bruni sagt: «Ich mache den ganzen Haushalt selber: Kochen, Waschen, Glätten, Fensterputzen, da lasse ich mir nicht dreinfuchteln. Einmal kam eine von der Spitex vorbei und räumte mir die Schubladen auf. Da sagte ich:‹So geht das nicht mit Bruni Werner, dort hat der Zimmermann die Aussparung offengelassen. Sie brauchen nicht wiederzukommen.›»

Soeben ist sein Buch erschienen: «Lottokönig – einmal Millionär und zurück». Auslöser war ein Zusammenbruch auf der Strasse, als er mit seinem 30er-Töffli unterwegs war. Im Spital wurde ihm die Diagnose Leukämie gestellt. Da begann er, sein Leben aufzuschreiben – von Hand. «Als ich die ersten vierzig Seiten fertig hatte, telefonierte ich mit Müller Christoph vom Schweizer Fernsehen, der vier Filmbeiträge über mich gemacht hat. Er wollte, dass ich ihm das Manuskript schicke. Er sagte, da müsse man ein Buch machen, er kenne eine Verlegerin», sagt Bruni. Diese Verlegerin war Gabriella Baumann-von Arx vom Wörterseh-Verlag.

Ghostwriter Markus Maeder fügte den handschriftlichen Lebenslauf und mehrere auf Tonband aufgenommene Gespräche zusammen. Gemäss eigener Aussage hielt er sich an die Wortwahl Brunis und übernahm auch dessen berndeutsche Wendungen.

Arbeiterkind aus Heimberg

Im ersten Teil des Buches schildert Bruni die Lebensphase, bevor er der erste Lottomillionär der Schweiz wurde. Er zeichnet das eindrückliche Porträt eines Arbeiterkindes, dem vieles verwehrt war. Geboren wurde er 1936 in Heimberg als siebtes Kind der Familie Bruni. Sein Vater war Maurer-Vorarbeiter, und die Mutter musste als Hilfsarbeiterin und Putzfrau dazuverdienen.

«Von Kind auf wurde ich zum Krampfen erzogen», erinnert sich Bruni. Er war aber auch ein Lausbub. Seine Ausläuferstellen verlor er, weil er beim Bäcker ein Weggli und beim Metzger eine Wurst gestohlen hatte: «Ich hatte Hunger.» Besser ging es bei einem Bauern, der mit seinen Rössern auch Leichen führte. Bruni durfte den schwarzen Leichenwagen bereit machen und nach der Beerdigung auch wieder putzen. «Das waren Beschäftigungen, auf die ich saumässig stolz war damals», erinnert er sich.

Nach der Schulzeit hätte er gerne eine Lehre gemacht. Der Chef in der Sanitärfirma, in welcher er arbeitete, zahlte ihm zwar einen Lohn als Hilfsarbeiter. Aber er meldete ihn nicht in der Gewerbeschule an. Im Jahr 1960 wechselte er zu Walter Hauenstein, der sein Leben während 25 Jahren prägen sollte. Dessen Firma bestand damals aus einem halben Dutzend Leuten – ein Auto gab es noch nicht. Hauenstein zahlte gute Löhne für jene, die hart arbeiteten, sagt Bruni.

In Zweisimmen lernte er seine erste Frau kennen, eine Serviertochter aus Deutschland. Geheiratet wurde, als sie schwanger war. Aber noch heute zweifelt Bruni, dass er der Vater des Kindes ist. Die Ehe wurde bald geschieden.

Der 28. April 1979

Im Jahr 1970 heiratete er zum zweiten Mal. Und dann, am 28. April 1979, kam der Lottogewinn von 1,7 Millionen. Bruni weihte vorerst nur seine Frau und eine Bekannte ein. Am Montag ging er wie gewohnt auf die Baustelle: «Am Abend ging ich in der Heimat mein Feierabendbier trinken. Der Blick lag auf dem Tisch mit der Schlagzeile:‹Einer nahm alles.› Da dachte ich: Schreibt doch, was ihr wollt.» Am Dienstag informierte er den Chef. «Als ich wieder beim Feierabendbier sass, holte mich ein Angestellter ab und führte mich in die Firma. Dort wartete schon ein‹Blick›-Reporter. Am Mittwoch waren mein Name und mein Gesicht schweizweit bekannt.» Hauenstein hatte die Boulevardzeitung angerufen. «Das hat mich geärgert», sagt Bruni.

Der Zwölfer-Wohnblock

Der Chef habe ihn auch bei der Geldanlage beraten, aber nicht so, wie er es eigentlich gewollt hätte, sagt Bruni: «Mein Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen: ein eigenes Hüsli mit Gärtchen.» Das Geld hätte gereicht: Nach Steuern seien ihm noch 729 386 Franken übrig geblieben. Stattdessen verkaufte ihm Hauenstein einen Wohnblock mit zwölf Einheiten für 1,9 Millionen Franken. Der frischgebackene Millionär Bruni war mit 1,25 Millionen Franken verschuldet. Hauenstein rechnete ihm eine Bruttorendite von 5,32 Prozent aus. Pro Jahr sollte ein Gewinn von 36 000 Franken resultieren oder ein Zustupf von monatlich 3000 Franken für Bruni.

Zusätzlich verkaufte ihm Hauenstein eine Maisonettewohnung. Bruni ging weiterhin seiner Arbeit nach, denn das tat er am liebsten: Heizungen, Wasserleitungen und Lavabos montieren. «Die Arbeit war mein Hobby», sagt er.

Wegen des Wohnblocks sei er von Anfang an skeptisch gewesen, meint Bruni rückblickend. Aber weil er seinen Chef bewunderte, wagte er nicht zu widersprechen. Schliesslich war aus dem Kleinbetrieb Hauenstein inzwischen eine grosse Immobilienfirma geworden, und Hauenstein galt als einer der grössten Steuerzahler im Berner Oberland.

«Ich habe mich vor dem verflixten siebten Jahre gefürchtet, aber dann war schon nach sechs Jahren fertig», sagt er mit einem gequälten Lächeln. Im Wohnblock gab es Probleme mit den Mietern, einige Wohnungen standen leer. Am Anfang hatte Hauenstein den Block verwaltet, dann übernahm Brunis Frau diese Aufgabe. Doch sie war überfordert, wie es im Buch heisst. Bald war der Block nur noch zur Hälfte bewohnt, die Mieteinnahmen fielen weg. «Wir mussten unseren ganzen Stolz, den Zwölfer, verkaufen», sagt er. Der Preis betrug 1,95 Millionen Franken – genauso viel, wie Brunis einst bezahlt hatten.

Doch mit den Finanzen ging es weiter bergab. In der Ehe haperte es. Frau Bruni hatte sich selbstständig gemacht und in Solarien investiert. Auch Bruni selber gab vermehrt Geld aus. Die unbezahlten Rechnungen summierten sich auf 160 000 Franken. Firmenchef Hauenstein weigerte sich, mit einem Darlehen auszuhelfen. So blieb nichts anderes übrig als der Privatkonkurs. Wohnung und Besitz wurden versteigert.

«Frau weg, Geld weg, Job weg»

Die Tiefschläge setzten Bruni zu. Die Leistung des Krampfers Bruni litt, es kam zu Unstimmigkeiten. Kurz nach dem 25-Jahr-Jubiläum reichte er selber die Kündigung bei der Firma Hauenstein ein. Seine Frau war zu einem neuen Partner gezogen. «Nun hatte ich die volle Bescherung: Frau weg, Geld weg, Job weg», sagt Bruni.

Zuerst machte er sich als Sanitärinstallateur selbstständig, und später fand er einen neuen Arbeitgeber. Dort blieb er sechzehn Jahre – bis er aus wirtschaftlichen Gründen entlassen wurde.

Heute ist er 74-jährig und lebt von der AHV. Die Kontakte zu vielen früheren Freunden und Arbeitskollegen sind abgebrochen. «Noch viel schlimmer als der Krebs ist der Neid. Sie haben mir mein Auto demoliert – Schrauben hinter die Räder gebeizt sowie die Antenne und die Rückspiegel abgerissen. Wer es war, weiss ich nicht.» Neid habe es gegeben nach dem Millionengewinn sowie nach seinen Fernsehauftritten. In Spiez werde noch heute getuschelt, wenn er in einem Restaurant auftauche. «Aber an die Vernissage meines Buches sind viele Spiezer gekommen», sagt er.

Lesungen in Luxushotels

Lange war es ruhig gewesen um den ersten Lottomillionär der Schweiz. Mit seinem Buch bringt er sich selber wieder ins Gespräch – im wörtlichen Sinn: Im Rahmen der Serie «Menschen und ihre Geschichten» wird Werner Bruni im kommenden Januar an Lesungen und Diskussionen in Schweizer Luxushotels teilnehmen (siehe unten): «In Bern, Interlaken, Zürich und Basel werde ich dabei sein – ob auch an den andern Orten, weiss ich noch nicht.»

Lotto spielt Bruni immer noch – mit jenen Zahlen, die ihm die Million einbrachten: 11, 40, 29, 2, 33, 15, Zusatzzahl 31. Der Chef von Swisslos hat ihm einen Gratisschein bis ans Lebensende zugesichert. Möchte er noch einmal eine Million gewinnen? Bruni überlegt lange und beantwortet die Frage mit der Logik des Handwerkers: «Wenn ich als Sanitärinstallateur etwas zum ersten Mal machte, verreckte es ab. Auch das zweite Stück kam noch nicht gut, erst beim dritten Mal klappte es. Mit dem Lottogewinn verhält es sich genau gleich.» Doch er möchte sich nicht mehr an einer zweiten oder dritten Million versuchen: «Nein, ich möchte keine Million mehr gewinnen. Aber ein Sackgeld von 20 000 oder 30000 Franken, mit dem man sich das eine oder andere leisten könnte, wäre schon noch willkommen.»

Werner Bruni: Lottokönig. Einmal Millionär und zurück. Ghostwriter Markus Maeder. Wörterseh-Verlag 2010. 192 Seiten. Fr. 36.90.

Literatur in Luxushotels: Lesung und persönliche Gespräche mit Caroline Bono, Monica Kissling, Nicole Dill, Barbara Bosshard und Werner Bruni.
6. 1. 2011 Bellevue Palace Bern, 7. 1. Victoria Jungfrau Interlaken, 15. 1. Grand Resort Bad Ragaz, 18. 1. Grand Hotel Kronenhof Pontresina, 21. 1. Widder Hotel Zürich, 22. 1. Grand Hotel Les Trois Rois Basel, 25. 1. Tschuggen Grand Hotel Arosa, 28. 1. Grand Hotel Zermatterhof Zermatt, 29. 1. Palace Luzern. Moderation Daniel Dunkel, «Schweizer Familie», Vorleser Frank Baumann. Eintritt: 25 Fr. (mit Espace Card 15 Fr.), mit Essen 95 Fr. (mit Espace Card 80 Fr.).
Alle Details unter www.lesetour.ch
(Der Bund)

Erstellt: 21.12.2010, 07:52 Uhr

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