Auf den Spuren des Zaffaraya

Besetzer sind daran, auf dem Gaswerkareal eine «Utopiestadt» einzurichten. Die Eigentümerin EWB zeigt sich gesprächsbereit.

Das Gaswerkareal ist vom Kollektiv «Anstadt» besetzt worden.

Das Gaswerkareal ist vom Kollektiv «Anstadt» besetzt worden. Bild: Franziska Rothenbühler

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Prominent weisen Transparente darauf hin: Die Brache auf dem Berner Gaswerkareal ist offenbar besetzt. Das geht aus einer Medienmitteilung des «Kollektivs Anstadt» hervor. Es sei eine «kleine Utopiestadt» geplant, schreiben die Besetzer. Die Mitteilung war aus der Sicht des Gaswerkareals geschrieben und beginnt so: «Ich bin gross, grün, umzäunt und seit Jahren einsam – ich bin die grosse Wiese im Gaswerkareal.» Weiter heisst es, das Gelände solle «jetzt belebt werden, und nicht erst in ein paar Jahren». Wie das Online-Magazin «Journal B» schreibt, welchem die Besetzer ein Vorabgespräch gewährten, sollen eine Tausch- und Leihwerkstatt sowie ein Nähatelier und ein Bootskaffee entstehen.

Besetzer geben sich wortkarg

Die Stadt teilt auf Anfrage mit, dass die momentane Besitzerin des Areals Energie Wasser Bern (EWB) sei. Die Medienverantwortliche von EWB, Claudia Kohlschütter, sagt, dass man von den Besetzern informiert worden sei. «Wir haben mit den Verantwortlichen Kontakt aufgenommen und Gesprächsbereitschaft signalisiert», sagt Kohlschütter. Nun warte man auf eine Rückmeldung.

Auch die Kantonspolizei Bern hat bereits Kenntnis von der Besetzung. «Eine unserer Patrouillen hat am Mittwochmorgen um 8 Uhr selber festgestellt, dass auf dem Areal verschiedene Fahrzeuge abgestellt worden sind», schreibt die Polizei. Man habe deshalb, wie es gängige Praxis sei, den Besitzer informiert. An diesem sei es nun, über die weiteren Schritte zu entscheiden. Eine Anzeige sei noch keine eingegangen. Bei einem Augenschein vor Ort wollten die Besetzer keine Auskunft erteilen und verwiesen – mit vermummten Gesichtern – auf die verschickte Medienmitteilung. Sie haben sich mit diversen Zelten und Wohnwagen auf dem Gelände eingerichtet. Es waren einige jugendliche Personen sichtbar.

Den Zaun haben sie aufgeschnitten und mit einer Kette wieder geschlossen. Leute mit einem Anliegen sollen sich doch bemerkbar machen, steht auf einem Schild. Die Stadt Bern möchte auf dem Areal unter anderem gemeinnützige Wohnungen bauen – man ist aber noch in der Planungsphase (siehe Box). Aktuell werden grosse Teile des Areals als Lagerfläche und Parkplatz zwischengenutzt.

Bis Ende 2018 sollen laut dem Gemeinderat Ergebnisse über das Nutzungsmass und die Anbindung an den öffentlichen Verkehr vorliegen. Bis 2020 sollen die giftigen Altlasten beseitigt werden. Vor 2021 dürften die Bauarbeiten aber nicht beginnen. 2020 ist eine Abstimmung über den Bau der geplanten Wohnungen vorgesehen.

Erinnerung an Jugendunruhen

Auf dem Gaswerkareal stehen das Jugendzentrum Gaskessel und die Ryff-Fabrik. Es war bis in die 1970er-Jahre Standort für die Produktion von Gas für die städtische Energieversorgung. Die Besetzung weckt Erinnerungen: In den 1980er-Jahren war das Areal mehrmals besetzt worden, etwa 1985 von der Gemeinschaft Zaffaraya, welche auf dem Areal ein Hüttendorf errichtete. Ende 1987 riss der Stadt der Geduldsfaden, nachdem drei Ultimaten zur Räumung wirkungslos geblieben waren. Die gewaltsame Räumung hatte zahlreiche Proteste in der Stadt zur Folge – die letztlich zur Duldung der Reitschule führten. Das Zaffaraya existiert bis heute: Es steht auf einem Areal beim Autobahnanschluss Neufeld. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2018, 09:45 Uhr

Altlasten Was die Stadt plant

Der Boden des Gaswerkareals ist durch giftige Altlasten wie Teer verunreinigt. Der Grundeigentümer Energie Wasser Bern (EWB) wollte diese schon 2012 entfernen lassen. Der Energieversorger beauftragte die Firma Losinger Marazzi mit dem Planungsverfahren, da er selbst überlastet war. Wie später publik wurde, erhielt Losinger Marazzi auch die Möglichkeit, ein detailliertes Projekt für eine Baueingabe zu planen. Dies führte zu heftiger Kritik im Berner Stadtrat, da befürchtet wurde, dass man so die Planung aus der Hand geben und die Kontrolle über die Entwicklung des Areals verlieren würde.

Die Kandidatur von Alec von Graffenried (GFL) zum Stadtpräsidenten brachte noch weitere Komplikationen mit sich. 2015, vor seiner Wahl, war von Graffenried selbst für die Planung des Areals bei Marazzi Losinger mitverantwortlich. Bei Verhandlungen würde er als Stadtpräsident deshalb in den Ausstand treten, sagte er damals.
Seit Ende 2016 will die Stadt das Areal der EWB abkaufen. Der Preis für das Land und die Entschädigung für Losinger Marazzi für den Planungsaufwand sind noch nicht festgelegt. (cse)

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