«Auf IV-Rentenbezüger könnte eine Neubeurteilung zukommen»

Psychisch Kranke fürchten, dass sie wegen der 6. Revision der Invalidenversicherung ihre Ansprüche verlieren. Dieter Widmer, Stellenleiter der IV Kanton Bern, bezieht Position.

Dieter Widmer, Leiter der IV-Stelle des Kantons Bern, glaubt nicht, dass psychisch Kranke bei der IV benachteiligt sind.

Dieter Widmer, Leiter der IV-Stelle des Kantons Bern, glaubt nicht, dass psychisch Kranke bei der IV benachteiligt sind. Bild: Manu Friederich

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Herr Widmer, wer Invalidität hört, denkt eher an körperliche Gebrechen als an psychische Krankheiten. Wie häufig haben Sie auf der IV-Stelle des Kantons Bern mit psychisch Kranken zu tun?

Grundsätzlich gibt es jedes Jahr weniger Leute, die neu eine IV-Rente beziehen. Die Gesamtzahl von Bezügerinnen und Bezügern ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Der Anteil psychisch Kranker hat dabei stetig zugenommen. 2001 machten sie 33 Prozent aller IV-Rentnerinnen und -Rentner in der Schweiz aus, 2010 41 Prozent. Dasselbe Bild zeigt sich bei Neubezügern.

Weshalb dieser relative Zuwachs?

Das ist schwierig zu beantworten. Es ist möglich, dass der Druck im Arbeitsmarkt zugenommen hat und damit mehr und mehr Leute Mühe bekunden.

Von Burn-outs hört man heute vergleichsweise häufig. Über Depressionen sprach man bisher nicht so offen.

Das stimmt. In der Gesellschaft gibt es bestimmt einen Wandel. Ob sich das in den medizinischen Diagnosen niederschlägt, kann ich aber nicht fundiert beantworten. Bei uns kommen jegliche Arten von psychischen Krankheiten vor. Naturgemäss muss es sich um schwerwiegendere Probleme handeln, wenn eine Rente gesprochen wird. Nur wer wirklich in der Erwerbsfähigkeit eingeschränkt ist, hat Anspruch darauf.

Für psychisch Kranke sei es schwierig, die ihnen zustehenden Leistungen zu erhalten, kritisieren Lobby-Organisationen.

Der These, dass es Leute mit psychischen Problemen schwieriger hätten, ihren Anspruch auf eine Rente zu stellen, kann ich mich nicht anschliessen. Denn die genannten Zahlen deuten eher auf das Gegenteil hin. Dass das subjektive Empfinden und das, was objektiv feststellbar ist, nicht übereinstimmt, gibt es immer. Nicht nur bei Leuten mit psychischen Erkrankungen.

Diese müssen aber damit rechnen, dass ihre Leistungen gekürzt werden. Über die 6. IV-Revision wollen Bundesrat und Räte bis 2018 17 000 IV-Renten abbauen und die Bezüger in den Arbeitsmarkt schleusen.

Es ist nicht das Ziel, IV-Rentner fallen zu lassen, sondern sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dass die IV ihr Hauptaugenmerk auf die Eingliederung legt, ist vielen nicht bekannt. Man stellt sich eine Rentenversicherung vor, da hat die IV ein Imageproblem. Was auf Rentenbezüger also möglicherweise zukommt, ist eine Neubeurteilung, ob sie nicht doch vermittelbar sind. Dies wird für die meisten nicht bedeuten, dass sie keine Rente mehr erhalten, sondern möglicherweise eine kleinere.

Ist der Fahrplan der nationalen Politik realistisch?

Im laufenden Jahr hat unsere Stelle bis Ende September 226 Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu einer neuen Anstellung verholfen. Bis Ende Jahr werden es mehr sein, als im Vorjahr – da waren es 262. Ich denke, dass wir auf gutem Wege sind. Unser Ziel ist es, dass wir für die Leute, die in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt sind, schon dann Lösungen finden, wenn sie noch eine Stelle haben.

Wie gross ist die Bereitschaft von Arbeitgebern, psychisch Kranke zu unterstützen?

Es gibt sowohl bei Grossunternehmen als auch bei kleineren solche, welche sich sehr engagieren und solche, die das nicht so tun. Aber die Bereitschaft ist grundsätzlich vorhanden. Wir wünschen uns selbstverständlich, dass sie noch grösser wäre.

Von den Unternehmen fordert das aber mehr Aufwand und Flexibilität.

Ja, aber die Versicherung hat auch viel anzubieten. Noch nach einer erfolgreichen Eingliederung kann die IV bis zu drei Jahre die Personen mit Coaching begleiten. Hinzu kommt eine umfassende finanzielle Absicherung, falls es doch wieder zu gesundheitlichen Problemen kommen sollte. Mit der neuen Revision gibt es für die Arbeitgeber eigentlich keine Ausreden mehr, jemanden nicht aufzunehmen. Die Wirtschaftsverbände haben sich im Hinblick darauf schon positiv geäussert. Wir werden sehen, ob sie Wort halten.

Bei den Sozialversicherungen fordert die Politik mehr Kontrollen, um Missbrauch zu verhindern. Was tut die IV-Stelle Kanton Bern?

Die IV-Stelle hat heute eigene Leute, welche sich um diese Fälle kümmern. Sie haben es da teilweise mit Leuten zu tun, die kriminelle Energie aufbringen, um in den Genuss einer nicht berechtigten Rente zu kommen. Die Kontrolle und die Verfolgung von Missbrauch sind vertrauensbildende Massnahmen. Sie sollen aber nicht die Hauptaufgabe der IV ausmachen. Auch intern sage ich: Die Erteilung einer Rente für jemanden, der sie braucht, ist gleich wichtig, wie die Abwehr einer nicht begründeten Rente.

Doch die Rufe nach noch mehr Sanktionen und noch mehr Kontrolle scheinen nicht verhallen zu wollen.

Selbstverständlich vernehmen wir diese Rufe auch. Nur richten wir unsere Arbeit ja nicht nach Parteislogans, sondern nach dem Gesetz. Und mit der Bekämpfung dieser einzelnen Fälle von Missbrauch saniert man noch keine Sozialversicherung.

Sie haben es erwähnt: Die Zahl der neuen IV-Renten ist in den letzten Jahren effektiv stark gesunken.

Ja. In zehn Jahren um 39 Prozent.

Frustriert es Sie als Stellenleiter denn, dass ihre eigentliche Arbeit kaum wahrgenommen wird?

Frustrierend ist es nicht; es ist eine Herausforderung. «Tue Gutes und rede darüber» ist wohl der beste Rat (lacht). Im Ernst: Das Image der IV wird sich wegen ihrer grossen Bedeutung in den nächsten Jahren bestimmt verbessern. (Der Bund)

Erstellt: 10.10.2011, 06:56 Uhr

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Podium: Nägeligasse 4, Bern, 19.30 Uhr www.psychischgesund.ch

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