Am Puls des Lebens

Hebammen

Der Alltag einer Hebamme beschränkt sich nicht nur auf Geburtshilfe. «Wenn wir wollen, dass es dem Kind gut geht, müssen wir schauen, dass es der Mutter gut geht», sagt die Hebamme Carole Lüscher.

Geprägt von gegenseitigem Vertrauen: Carole Lüscher führt eine Schwangerschaftskontrolle durch. (Adrian Moser)

Geprägt von gegenseitigem Vertrauen: Carole Lüscher führt eine Schwangerschaftskontrolle durch. (Adrian Moser)

Es ist alles vorbereitet im «Bewegungsraum». Drei blaue Gymnastikmatten, Stillkissen und kleine Kirschsteinkissen mit Batikmuster sind auf dem Parkettboden ausgelegt. «Ich weiss nie so genau, wie viele Frauen tatsächlich erscheinen», sagt Carole Lüscher. Der Kurs «Einstimmung auf die Geburt» richtet sich an werdende Mütter ab der 30.Schwangerschaftswoche. Gut möglich, dass seit dem Treffen von vor letzter Woche die eine oder andere Frau bereits Mutter geworden ist. An diesem Morgen geht die Planung der Hebamme aber auf. Drei Hochschwangere finden sich am Bollwerk in Bern ein. Während eineinhalb Stunden bereitet Lüscher die schwangeren Frauen mit Atemübungen und Massagen auf die baldige Geburt vor. Immer wieder greift die Hebamme Fragen auf und beantwortet diese geduldig. Die Stimmung unter den Frauen gleicht der vor einer Prüfung: Die Schwangeren scheinen letzte Unklarheiten und Fragen ausräumen zu wollen, bevor es ernst gilt.Nicht nur zur «schweren Stunde»Wie zu Jeremias Gotthelfs Zeiten ist die Hebamme auch heute noch «eine weise Frau mit guten Räthen ehe die schwere Stunde kömmt». Dabei steht nicht oder zumindest nicht nur das heranwachsende Kind im Zentrum. «Im Mittelpunkt steht für uns die Mutter und mit ihr das Kind. Wenn wir wollen, dass es dem Kind gut geht, müssen wir schauen, dass es der Mutter gut geht», sagt Lüscher, die seit neun Jahren als Hebamme tätig ist. Dabei richte sich das Augenmerk einer Hebamme bei Weitem nicht nur auf die Geburtshilfe im engeren Sinne. Nebst Schwangerschaftsberatungen und -kontrollen bietet Lüscher in ihrer Hebammengemeinschaft Kurse und Informationsveranstaltungen für werdende Eltern an und führt zusammen mit zwei Berufskolleginnen einen Hebammenladen. Dessen Sortiment erstreckt sich von Stramplern, Tragetüchern und Wickeltaschen über Kuscheltiere, Still-BHs und Teemischungen. «Ziel ist es, unsere Tätigkeit und das Angebot so auszurichten, dass die Frauen letztlich sagen können, sie seien gut auf die Geburt vorbereitet.»Das Zwischenmenschliche zählt Eine, die «guter Hoffnung ist» und sich auch gut auf die bevorstehende Geburt vorbereitet fühlt, ist Anna Meier*. Im fünften Monat schwanger, kommt sie regelmässig zur Schwangerschaftskontrolle. Damit gehört Meier nur gerade zu zwei Prozent aller Schwangeren, die in der Schweiz die Dienste einer Hebamme in Anspruch nehmen. «Es geht mir gut, auch wenn mir das Treppensteigen allmählich nicht mehr ganz so leicht fällt», sagt Meier. Lüscher fragt nach Wasser in den Beinen, tastet die Grösse der Gebärmutter, misst den Blutdruck, testet den Hämoglobin-Wert und überprüft die Herztöne des Fötus. Antworten und Ergebnisse werden fein säuberlich in ein Journal eingetragen. Technik setzt die freischaffende Hebamme bei ihren Untersuchungen zurückhaltend ein. Sie setzt mehr auf Atmosphäre. «Das Zwischenmenschliche ist sehr wichtig in unserem Beruf», sagt Lüscher. Die «Chemie» müsse stimmen. Nur so könne sich eine Beziehung zwischen der Schwangeren und der Hebamme entwickeln. «Vertrauen ist etwas sehr Wichtiges in einem Prozess, bei dem sich innert so kurzer Zeit so viel verändert.» Damit sich die Frauen dem Prozess hingeben könnten, müssten sie sich sicher fühlen. Es sei Aufgabe der Hebamme, dem Schutz- und Sicherheitsbedürfnis der Frau gerecht zu werden. «Wo dabei jeweils genau die Bedürfnisse liegen, muss individuell abgeklärt werden.» Die einen seien beispielsweise unsicher, welches die ideale Geburtshaltung sei, andere plagten Sorgen im familiären Umfeld.Die eigenen Grenzen kennenLüschers Credo bei der täglichen Arbeit ist Achtsamkeit und Respekt. «Eine gute Hebamme kennt ihre Grenzen und respektiert die Grenzen der anderen, ohne dabei den Kontakt zu verlieren», sagt Lüscher. Wenn sich die Eltern nicht an die Hebamme erinnerten, sei das immer ein gutes Zeichen. «Die Frauen sollen nicht von uns abhängig werden, sondern kompetent.»*Name der Redaktion bekannt

Der Bund

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