Als Hitler den «Bund» verbieten liess

Die Redaktionsprotokolle der 30er-Jahre zeigen, dass der «Bund» das Gemüt des deutschen Diktators erregte. Während des Kriegs machte Nazideutschland zusätzlich Druck auf die freie Schweizer Presse.

Das «Bund»-Haus an der Effingerstrasse in Bern. Die Redaktion wollte sich den Auflagen aus dem Deutschen Reich nicht beugen. («Bund»-Archiv)

Das «Bund»-Haus an der Effingerstrasse in Bern. Die Redaktion wollte sich den Auflagen aus dem Deutschen Reich nicht beugen. («Bund»-Archiv)

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Ab dem 18. Juli 1934 war im Deutschen Reich kein «Bund» mehr zu haben: Als Reaktion auf die Berichterstattung über den sogenannten Röhm-Putsch wurden der «Bund», die Basler «National-Zeitung» und die «Neue Zürcher Zeitung» damals für sechs Monate verboten. Nach Ablauf dieser sechs Monate wurden die Verbote auf unbestimmte Zeit verlängert.

Darauf besprachen sich Vertreter der drei Zeitungen in Bern mit Bundesrat Giuseppe Motta. Im darauffolgenden Protokoll der «Bund»-Redaktionssitzung wurde festgehalten, dass der «Bund»-Chefredaktor Ernst Schürch am Treffen mit dem Bundesrat geltend machte, «dass die nationalsozialistische Propaganda die demokratischen Grundlagen des schweizerischen Staates unterhöhle und die deutsche Staatstheorie die Deutschschweizer einbeziehe», weshalb «eine kritische Abwehr» nötig sei.

Die Vertreter der drei Zeitungen forderten vom Bundesrat als Reaktion das Verbot weiterer deutscher Zeitungen in der Schweiz. Doch Motta lehnte dies ab, weil die Massnahme Schwierigkeiten im Wirtschaftsverkehr hätte bereiten können, «was im Hinblick auf die steigende Einreise von Wintersportgästen aus Deutschland unangenehm werden könnte», wie das Protokoll der «Bund»-Redaktionssitzung vom 28. Dezember 1934 festhält. Am 30. Dezember veröffentlichte der «Bund» eine gemeinsame Stellungnahme der drei Zeitungen zu ihrem Verbot in Deutschland. Darin wurde die eigene Haltung bekräftigt und mitgeteilt, dass man sich nicht imstande sah, sich den deutschen Auflagen anzupassen, welche den Vertrieb in Deutschland wieder erlaubt hätten.

Diplomaten intervenieren

Gemäss Informationen der Redaktion war die deutsche Diplomatie mit dem Verbot des «Bund» nicht einverstanden. «Die Versuche der deutschen Gesandtschaft in Bern, den Kontakt mit der Redaktion aufrechtzuerhalten, waren für diese Einstellung bezeichnend.» Der damalige Berlin-Korrespondent des «Bund» war der spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Ernst Lemmer. Er teilte «Bund»-Redaktor Alfred Keller bei einem Treffen im Saarland im Januar 1935 mit, «der ‹Bund› im Juli 1934 auf Befehl Hitlers verboten worden, der sich durch einen im ‹Bund› veröffentlichten Artikel persönlich betroffen gefühlt habe». Das Auswärtige Amt habe sich erfolglos gegen das Verbot gestellt und habe sich auch nach dem Ablauf der Frist wieder um eine Zulassung des «Bund» bemüht.

Zu diesem Zweck habe das Amt einen Vertreter nach Bern geschickt, der sich dort mit dem deutschen Gesandten Ernst von Weizsäcker (Vater des späteren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker) besprechen sollte. Darauf habe das Auswärtige Amt beantragt, den «Bund» und die NZZ wieder zuzulassen. «Der Antrag sei aber auch diesmal von Hitler selbst abgelehnt worden, und zwar wiederum mit einer persönlichen Bemerkung über den ‹Bund›. Dabei sei es geblieben.» Werner Dankwort, deutscher Gesandtschaftsrat in Bern, bestätigte dem Redaktor Keller später diesen Sachverhalt und sagte gemäss dem Redaktionsprotokoll, «Hitler habe erklärt, solange der ‹Bund› den Ton gegenüber Deutschland und der Reichsregierung nicht ändere, bleibe er in Deutschland verboten». Gesandtschaftsrat Dankwort beklagte sich gegenüber Keller ausserdem darüber, dass der «Bund» ein Treffen mit von Weizsäcker ausgeschlagen habe. Das Verbot des «Bund» im Deutschen Reich wurde nie mehr fallen gelassen und während des Zweiten Weltkriegs auf den gesamten Einflussbereich der Achsenmächte ausgeweitet.

Dass Hitler den «Bund» selbst gelesen haben soll, mag erstaunen. Doch da die Deutschschweizer Zeitungen zu dieser Zeit die einzigen freien Zeitungen im gesamten deutschsprachigen Raum waren, wurde ihnen in Berlin Beachtung geschenkt – allen voran den grossen politischen Zeitungen «Bund», «National-Zeitung» und NZZ.

Zweifelhafte Rolle des Verlegers

Aus den Redaktionsprotokollen ist zudem ersichtlich, dass es im August 1936 zu einen Disput zwischen Verleger Fritz Pochon-Jent und dem Chefredaktor Ernst Schürch kam: Der Verleger hatte sich über die «Hetze gegen Deutschland» im «Bund» beschwert. Der Chefredaktor bekräftigte darauf, es sei notwendig, «auf die Gefahren des Eroberungsgeistes aufmerksam zu machen».

Wenig Standhaftigkeit zeigte Pochon-Jent auch bei der «Aktion Trump», der Intervention des deutschen Presseattachés Georg Trump bei den Verlegern von «Bund», «National-Zeitung» und NZZ. Es war Juli 1940, der Krieg war in vollem Gange. Trump verlangte von den drei Verlegern die Absetzung ihrer Chefredaktoren. Andernfalls würde Deutschland die Zeitungen von sämtlicher Information von deutscher Seite ausschliessen. «Bund»-Verleger Pochon-Jent entliess Chefredaktor Schürch zwar nicht, legte ihm aber den Rücktritt nahe. Schliesslich wurde Schürch im Jahr darauf im Alter von 66 Jahren pensioniert.

Wie der Chefredaktor stand auch die Redaktion den in den 30er-Jahren aufkommenden nationalsozialistischen Strömungen in der Schweiz, den Frontisten, von Anfang an kritisch gegenüber. Gemäss dem «Bund»-Chronisten Max Grütter nahm die Redaktion eine konsequente Haltung gegen die faschistischen Regimes in Italien und Deutschland ein: Der «Bund» habe 1935 «den Faschisten die ‹Verdrehung der Wahrheit› vorgehalten, als sie Abessinien angriffen, und 1940 die ‹ganze Argumentation›, mit der Hitler seinen Überfall auf Holland und Belgien zu bemänteln suchte, als ‹heuchlerisch› ins richtige Licht gestellt. Er hat im Herbst 1934 gegen die Misshandlung der Juli-Putsch-Gefangenen in österreichischen Gefängnissen die Stimme erhoben, im Herbst 1942 die Fesselung von Kriegsgefangenen in Deutschland als ‹an asiatische Zustände› erinnernd bezeichnet.»

Zu Kriegsbeginn wurde in der Schweiz die Pressekontrolle eingeführt. Die Redaktion erhielt bis 1945 zwei Verwarnungen sowie eine «scharfe Verwarnung» mit Androhung der Vorzensur. Ausserdem wurde 1944 die Beschlagnahmung einer Ausgabe angeordnet, in der Kritik über die geistige Erziehung in der Armee geäussert wurde. Diese Massnahme wandelte die Berufungsinstanz aber nachträglich in eine Verwarnung um. (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2010, 08:57 Uhr

Die «Bund»-Chefredaktoren

Abraham Roth (de facto) 1850–1864
Johann Karl Tscharner 1866–1874
Franz Limacher 1875–1882
Konrad Eggenschwyler 1882–1890
Michael Bühler 1890–1925
Ernst Schürch 1925–1941
Walter Egger 1941–1964
Paul Schaffroth 1964–1984
Hans Stark 1985–1987
Andreas Christoph Kurz 1987–1989
Peter Ziegler 1989–1995
Konrad Stamm 1995–2000
Hanspeter Spörri 2001–2006
Artur K. Vogel seit 2007

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