Als Brunnenfigur in der Gegenwart

Beim Postgassbrunnen gibt es «keine Brunnenfigur» – oder immer eine andere. Denn das Werk von Carlo E. Lischetti fordert die Menschen auch heute noch auf, Stellung zu beziehen.

Jede Brunnenfigur gibt dem Lischetti-Brunnen in der Postgasse eine neue Form.

Jede Brunnenfigur gibt dem Lischetti-Brunnen in der Postgasse eine neue Form. Bild: Adrian Moser

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Sehr einsam, obwohl im Mittelpunkt, kann die Gegenwart sein. So etwa als Brunnenfigur, auf Augenhöhe mit der blinden «Justitia» oder dem «Chindli-frässer». Es fühlt sich widersprüchlich an, eine Brunnenfigur zu sein – gefangen auf einem Steinsockel in luftiger Höhe und trotzdem frei. Auch wer nicht schwindelfrei ist, kann frei schwindeln. Die Redefreiheit beginnt auf dem Sockel. Alle oder keiner kann hier oben sprechen. In der Gasse warten leere Zuschauerreihen. Doch was verkünden? Wie die Trägheit des Denkens überwinden und treffende Worte in die morgendliche, menschenleere Postgasse spucken? Denn laut Carlo E. Lischetti sind «die Gedanken nicht frei, sie sind dem Zwang, Form anzunehmen, unterworfen».

«Bern ist ein müder Furz!»

Lischettis Brunnenskulptur «Keine Brunnenfigur» findet je nach Gestalt und Rede der jeweiligen Figur immer wieder eine neue Form. Gleichzeitig ist sie beständiger Ausdruck für ein Lebenswerk, das sein Schöpfer immer und überall fortgesetzt hat. Lischetti, ein unermüdlicher Produzent von Gesellschaftsspiegeln. Ein rastloser Künstler, der sich selbst zum Werk machte, um seine Mitmenschen an- und aufzuregen. Lischetti kam in den 1960er-Jahren nach Bern und konfrontierte die Stadt mit sich selbst. So zum Beispiel am 21. März 1988, als er Flugblätter mit folgender Aufschrift verteilte: «Bern ist eine blöde Stadt, Bern hat einen Bahnhof, Bern ist ein müder Furz!»

Aus seiner Wohnung machte er in seinen Berner Anfangszeiten das «Laboratorium für angewandte Umweltgestaltung», ein Zentrum für die alternative Szene. 1971 gründete er das «Büro Lischetti», in dem er täglich von 13.45 bis 17.45 Uhr sass und nichts tat. «Es ist einfach schön, im eigenen Büro zu sitzen und nichts zu tun, aber auch nicht zu warten», beschreibt er diesen Zustand in Anspielung auf die Beamtenstadt Bern.

Unbeirrbarer Schöpfer

Auch in der Politik brachte er sich ein. Allein seine Wahl in den Stadtrat war eine Kunstaktion, die noch heute jeder kennt. Als «Härdlütli» posierte er mit Margrit Probst, Pier Hänni und Urs Hofer (Pfadiname Polo) «füdliblutt» auf einem Plakat. 1973 bis 1976 war er Stadtrat. «Ich fühlte mich nie richtig wohl und schwänzte viel», sagte er über diese Zeit.

Viele seiner Ideen konnte er nie verwirklichen, trotzdem schöpfte er unbeirrt weiter und fühlte sich als «der Gegenwart» stets der Gegenwart verbunden. So auch bei der Umsetzung von «Keine Brunnenfigur» beim Postgassbrunnen. Trotz Einsprache des Vereins «Heit Sorg zu Bärn» konnte Lischetti die Rednerplattform über dem Kopfsteinpflaster der Postgasse – als bernische Variante zum Hyde Park Corner in London gedacht – 1992 realisieren. Über eine Metalltreppe mit Geländer kann man sich dort selbst in luftige Höhen emporheben und als Brunnenfigur verweilen. «Keine Brunnenfigur» war ein Geschenk der SP zur 800-Jahrfeier der Stadt Bern. Seither heisst der Postgassbrunnen im Volksmund auch «Lischetti-Brunnen». Die Idee ging auf eine Aktion zurück, die er schon im Herbst 1974 durchführte. Damals liess er sich als lebende Brunnenfigur auf dem Postgassbrunnen fotografieren. In der rechten Hand trug er einen zerbrochenen Krug mit einer Eule, in der linken eine Scherbe. Aus der Übergabe seines Werks an die Öffentlichkeit machte er – konsequent sich selbst treu geblieben – einen Akt der «Abrüstung». In Ritterausrüstung und mit Schwert stieg er die Metalltreppe hinauf und schälte sich aus seiner Eisenrüstung heraus. Dazu erklärte er, das sei die Abrüstung oder der «Ritterstripper». So wie er sich selbst enthüllte, zwang er auch seine Mitmenschen, ihre Hüllen fallen zu lassen.

«Weiter als weg kann man nicht gehen», liess er einmal verlauten. Lischetti ist auch gegangen. Im November 2005 starb der Lebenskünstler an der «Nutzlosen-Selbstvorwurf-Seuche». Er hinterlässt ein zeitloses Werk, verhaftet in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Lischetti: «Die Vergangenheit kann uns einholen. Die Zukunft kann uns abholen. Der Gegenwart putzt nach allen Seiten.» (Der Bund)

Erstellt: 16.08.2010, 14:50 Uhr

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