Als Ali 1971 auf Pole und Regula traf

Pedro Lenz und der Pianist Patrick Neuhaus alias «Hohe Stirnen» lassen uns Muhammad Alis Zürcher Kampf im Dezember 1971 in einem gänzlich neuen Licht sehen. Jetzt gibt es die Buchfassung und die CD.

26. Dezember 1971: Muhammed Ali gegen Jürgen Blin in Zürich. (Archivbild)

26. Dezember 1971: Muhammed Ali gegen Jürgen Blin in Zürich. (Archivbild)

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In seiner Stammbeiz Sternen in Oerlikon schlägt Pole nur Unglauben entgegen, als der «Chef Haustechnik im Hauestadion» den illustren Gast ankündigt. Und doch ist es wahr: Muhammad «I Am the Greatest» Ali boxte am 26. Dezember 1971 im Zürcher Hallenstadion gegen den Deutschen Jürgen Blin. Es war ein ungleiches Duell: Der begnadete Stilist, der tänzelte wie ein Schmetterling und zustach wie eine Biene, traf auf einen ehrlichen und couragierten, in seinen Mitteln aber beschränkten «Chrampfer».

Als der 29-jährige Champ aus Louisville, Kentucky, der gerade seine dreijährige Zwangspause wegen Verweigerung des Kriegsdienstes in Vietnam hinter sich gebracht hat, mit seiner Entourage einer Limousine entsteigt, empfängt ihn Hausherr Pole stolz in seinem besten Englisch: «Welcome, Champion! / My name is Pole / my English ist not the best / but whatever you want / I am here for you.»

«Hei Boxer überhoupt e Frisur?»

Ja, Ali ist in der Limmat-Stadt, der Bürgerrechtler und Champion, Showman und Black Muslim, der «für nes augägewärtigs Läbesgfüeu / für nes Gfüeu vo Freiheit und Ufbruch / für nes Gfüeu vore nöie Zit» steht. Auch in der Schweiz ist dieses Gefühl des Aufbruchs wenige Jahre nach den Forderungen der 68er-Bewegung, die Fantasie an die Macht zu lassen, und wenige Monate nach Einführung des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene spürbar.

Neben Pole kommt auch eine andere Oberaargauerin Muhammad Ali während dessen Aufenthalts in Zürich nahe und wird vom Willen zur Selbstbestimmung angesteckt: Giger Regula aus Madiswil führt einen Coiffeurladen in Oerlikon und reagiert auf die Anfrage von Pole, ob sie dem berühmten Boxer vor dem Kampf nicht die Haare schneiden könne, zuerst skeptisch: «Hei Boxer überhoupt e Frisur?» Und überhaupt, die Kommunikation scheint ihr ein unüberwindliches Hindernis: «Ig weiss jo nid emou / wi me Cotelette uf Änglisch seit.»

Allein, beim 45-jährigen Berner Schriftsteller, Kolumnisten und Performer Pedro Lenz – kürzlich mit dem Mundartroman «Dr Goalie bin ig» für den Schweizer Buchpreis nominiert – ist diese vermeintliche Sprachbarriere kein Problem, denn Ali spricht hier auch lupenreines Oberaargauer Berndeutsch.

Und so nimmt die denkwürdige Dreiecksgeschichte zwischen Ali, Pole und Regula ihren Lauf. Mit dem Bühnenprogramm «Tanze wi ne Schmätterling» sind Pedro Lenz und der Pianist Patrick Neuhaus – besser bekannt unter dem Namen «Hohe Stirnen» – bereits seit einigen Monaten ausgiebig und erfolgreich in der Deutschschweiz unterwegs.

Jetzt ist die leicht überarbeitete Buchfassung erschienen, ein fulminanter Sprechgesang in 19 Kapiteln, ein Heldenepos, das ohne Sentimentalität zwischen balladesken und alltagspoetischen Tonlagen changiert. Wer den geschmeidig zwischen Klassik und Blues wechselnden Soundteppich von Patrick Neuhaus – in der Bühnenversion eine eigenständige Erzählstimme – hören möchte, der ist mit der CD gut bedient.

Pedro Lenz verknüpft unangestrengt die Geschichte der Lichtgestalt Ali mit der Lebenswelt und den Hoffnungen von Pole und Regula, angefangen mit einem wunderschönen Prolog, «Summertime». Als Ali noch Cassius Clay hiess und in Louisville aufwuchs in einfachen, aber geordneten Verhältnissen, fragte er einmal seinen Vater, der stets Heiligenbilder mit einem weissen Jesus malte: «Vatter, säg Vatter / isch ächt der Liebgott / ganz zinnerscht inne / nid ou chli gäg die Schwarze?» Die Sympathie von Lenz gehört aber nicht nur Muhammad Ali, dessen legendäre Kämpfe er sich als Primarschüler von glücklicheren Klassenkameraden, die nachts aufbleiben und die Live-Übertragung sehen durften, auf dem Pausenplatz bis ins Detail nacherzählen liess – nein, auch dem in der 7. Runde k. o. gegangenen Jürgen Blin, dieser Lenz-Verliererfigur par excellence, setzt er ein Denkmal: «Är hets gschafft / isch gross usecho / aus Boxer und aus Mönsch / läbt hütt z Hamburg / het en Imbissbude (...) e guete Boxer / e guete Typ / eine, wos im Griff het / bis hütt.»

Poles Triumph in Kinshasa

Die Geschichte der platonischen Liebesgeschichte zwischen der weissen Coiffeuse und dem schwarzen Boxer lebt von vielen kunstvoll eingefügten Episoden und Anekdoten. Ali erzählt seinen Schweizer Freunden etwa, wie ihn als Jugendlicher sein gestohlenes Fahrrad in den Boxkeller brachte. Wir erfahren, dass die Berufsbezeichnung «Facility Manager» ursprünglich Poles Bemühen entsprang, Ali seinen Job auf Englisch verständlich zu machen. Poles Husarenstreich aber fand in Kinshasa statt, wo er auf Einladung Alis 1974 in der ersten Reihe Alis mirakulösen Sieg über den als unbesiegbar geltenden George Foreman erlebte. Und ja, Löiebärger Poles «Schrubeschlüssu» hatte an diesem Triumph eines lange in den Seilen hängenden Ali und zahllose Schläge einsteckenden Ali keinen unerheblichen Anteil: «Wöu ig doch mit em Rouagschlüssu / es paar Stung vor em Mätsch / im Uftrag vom Ali persönlech / d Verankerig vo de Ringseili / a jedem Egge ha glockert gha.»

Pedro Lenz: Tanze wi ne Schmätterling. Cosmos Verlag, Muri bei Bern, 2010. 100 S. ca. 25 Fr. Im Cosmos-Verlag ist auch die CD mit Wort und Musik erschienen. Nächster Auftritt: 30. 10., 20.30 Uhr in Oberdiessbach. (Der Bund)

Erstellt: 20.10.2010, 07:52 Uhr

«Hohe Stirnen» kämpferisch: Patrick Neuhaus und Pedro Lenz. (zvg)

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