Alle lieben Müslüm, selbst die Bären

Er hat einen struppigen Schnauz, eine ausgefallene Garderobe – und einen einmaligen Kult ausgelöst: die Satirefigur Müslüm. Schöpfer und Darsteller ist der Berner Komiker Semih Yavsaner. Der weiss selbst noch nicht genau, wie ihm geschieht.

Semih Avsaner über Müslüm: «Er hat ein emotionales ADS: Er liebt alle Menschen.» (Franziska Scheidegger)

Semih Avsaner über Müslüm: «Er hat ein emotionales ADS: Er liebt alle Menschen.» (Franziska Scheidegger)

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So schaut einer, der die Welt nicht mehr versteht. Abgekämpft hängt Semih Yavsaner im Aufenthaltsraum des Berner Alternativradios RaBe auf einem Sofa, den Blick starr auf die Wand gerichtet. Es scheint, als suchte er dort nach Erklärungen. Aber er findet keine. Er atmet ein und wieder aus, ein und wieder aus. Wie soll einer seine Gedanken ordnen können, wenn alle Ordnung aus der Welt verschwunden ist? Jetzt dreht er den Kopf zur Seite. Semih Yavsaner sagt: «Eine Woche dauert das jetzt schon.» Seine müden Schultern fragen: Wie lange noch?

Jetzt bräuchte er einen Masseur oder einen Mentalcoach. Jemanden, der ihn wieder aufbaut nach einem Tag wie diesem – mit Videodrehs für das Schweizer Fernsehen, mit Anrufen von Radiostationen, Zeitungen, Künstlern und Plattenfirmen, mit Hunderten Facebook-Anfragen, mit wildfremden Menschen, die ihn in der Stadt anhauen, ihm auf die Schulter klopfen, einen Witz hören möchten. Plötzlich wollen alle ein Stück von ihm. Bis jetzt hat er allen immer gegeben, was sie wollten. Nun fürchtet er sich, dass plötzlich nichts mehr von ihm übrig ist.

Semih Yavsaner, 30, hat keinen Masseur und keinen Mentalcoach. Woher auch? Er hat auch keinen Manager und keinen Agenten. Er hat nur Müslüm. Und stellt vielleicht gerade jetzt fest, dass sie zu zweit doch zu wenige sind, um das zu meistern, was da auf sie zurollt. Nein, auf ihn zurollt. Denn Semih Yavsaner ist Müslüm. Und Müslüm ist so etwas wie die grösste Schweizer Sensation des Jetzt, der Star der Stunde. Gerade hat ihm eine Plattenfirma drei Verträge zur Unterschrift vorgelegt. Yavsaners Problem: «Ich weiss nicht, welchen ich unterschreiben soll.»

Ein Award von Youtube

80 000 Mal wurde Müslüms Videoclip «Erich, warum bisch du nid ehrlich» in der letzten Woche auf Youtube angeklickt. Am Freitag rangierte der Song gar auf Platz 35 der meistgesehenen Beiträge bei Youtube – weltweit. Dafür hat Yavsaner sogar einen Award erhalten. In den Schweizer iTunes-Charts ist die Single inzwischen auf Platz 11 geklettert. Tendenz: stark steigend. Ziemlich viel Aufsehen für eine Berner Lokalgeschichte.

Damit hätte er nicht gerechnet. «Niemals», sagt Yavsaner, der immer noch versucht, herauszufinden, wie es so kommen konnte. Der immer noch versucht, diese veränderte Welt zu begreifen. Fünfzehn Jahre arbeitet er schon als Künstler. Und nun hat ein dreiminütiger Videoclip sein Leben auf den Kopf gestellt. Das soll mal einer verstehen.

«Die Geschichte kommt mir bekannt vor», sagt Yavsaner. «From zero to hero – wie Rocky Balboa.»

Andererseits: Wer das Video sieht, versteht alles. Müslüm, ein linkischer Immigrant mit starkem Akzent, struppigem Schnauzer und einer Vorliebe für aussergewöhnliche Klamotten erfrecht sich da, dem Fraktionspräsidenten der Stadtberner SVP Erich Hess mal so richtig die Knöpfe reinzutun. «Du bisch immär deprässiv, immer sind di andere schuld», singt Müslüm über einen lüpfigen Türk-Pop-Beat. Und: «Wir sind cheine Drögeler, Erich, warum sagsch du das? Wir sind für de Liebä und gegä de Fremdenhass.» Das ist sein Statement zur Abstimmung über die Reitschul-Initiative der SVP: allerfeinste Satire, die zu grossen Vergleichen nötigt. Man denkt an Giacobbos Harry Hasler, an Müllers Mergim Muzzafer und natürlich an den deutsch-türkischen Vorzeige-Komödianten Kaya Yanar. Das Umwerfende daran: Müslüm ist besser. Er bringt die Leute nicht nur zum Lachen. Er bringt sie zum Tanzen.

Vielleicht ist es kein Wunder

Und zum Ausflippen. So wie am Mittwoch, als er mit dem Filmteam der SF-Peoplesendung «Glanz & Gloria» am Bärengraben war. Tausende Leute säumten das Gehege. Da verkündete Müslüm den Besuchern, er verfüge über die Fähigkeit, mit den Bären zu kommunizieren. Zum Beweis stellte er sich an die Brüstung und stiess einen Urlaut aus. Die Bären drehten augenblicklich die Köpfe nach ihm um, setzten sich in Bewegung und trabten in seine Richtung, 70 Meter weit. Dann, unmittelbar vor seiner Nase, blieben sie stehen und glotzten ihn an. Die Besucher trauten ihren Augen kaum, sie klatschten, johlten und jubelten. Semih Yavsaner strahlt vor Glück, als er die Geschichte erzählt. Vielleicht war es kein Wunder. Vielleicht ist das ein Gesetz in dieser neuen Welt des Semih Yavsaner: Was Semih auch tut, es gelingt ihm.

Das war nicht immer so. Semih Yavsaner wird 1979 in Bern als zweites Kind einer türkischen Gastarbeiterfamilie geboren. Die Mutter arbeitet in der Pflege, der Vater ist Abwart, kombiniert zeitweise mehrere Jobs, um die Familie durchzubringen. Semih interessiert sich nicht besonders für die Schule. Nach den obligatorischen neun Jahren verzichtet er darauf, eine Lehre zu machen. Wozu auch, er will ja Künstler werden. Seinen Eltern bereitet er viel Kummer in diesen Jahren. Zwischendurch absolviert er noch die Handelsschule, von seinem Künstlertraum bringt ihn diese indes nicht ab. Um sich über Wasser zu halten, jobbt er mal als Pizzabäcker, mal als Call-Agent. Seine Leidenschaft gilt dem Rap und dem Mikrofon des Berner Radios RaBe. Hier wird er später auch die Figur Müslüm entwickeln. Doch vorerst sammelt er schlechte Erfahrungen.

Wenn er sich bei Radiostationen bewirbt, wird er nach seinem Abschluss, seinem Hochschuldiplom, seiner Erfahrung gefragt. Semih Yavsaner hat nichts vorzuweisen. Wenn er den Chefs sagt: «Ich bin ein guter Unterhalter», kriegt er fünf Minuten Zeit, sie davon zu überzeugen. Aber lustig sein auf Befehl, das liegt ihm nicht. Später steckt Semih Yavsaner seine Energie in den Soundtrack zum Schweizer Film «The Ring Thing». Die Persiflage auf «Lord of the Rings» wird zum grössten Flop der Schweizer Filmgeschichte. Und Semih Yavsaner verliert allmählich den Mut.

Die Mächtigen am Draht

Erst als er zum Radio RaBe zurückkehrt, geht es aufwärts. Yavsaner kriegt eine eigene Sendung: Semih’s Supreme Show. Er macht Interviews, Sketche und Telefonscherze. Und hier hat Müslüm seine ersten grossen Auftritte. Müslüm ruft in einer Käserei an und schlägt dem Besitzer vor, das Geschäft gemeinsam zur Kebab-Bude umzubauen. Müslüm erkundigt sich beim Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank, warum die Zürcher Langstrasse nicht als Sujet für die neue 20-Franken-Note taugt. Müslüm bewirbt sich bei der Berner Kantonspolizei. Sein Problem, die Sache mit dem Tankstellenüberfall vor vier Jahren. Drei Menschen seien dabei gestorben. «Aber meine Chollege hat geschossen», sagt Müslüm der Personalleiterin. Und dass er ein besserer Mensch geworden sei. Den Job als Polizist kriegt er trotzdem nicht.

Die Lacher aber hat er auf seiner Seite. Das Geheimnis der Telefonscherze: Müslüm ruft die Mächtigen an, die Respektierten und die Angesehenen. Und dann spricht er mit ihnen, als wären sie seinesgleichen.

Aber: Was will er denn genau, dieser Müslüm? Semih Yavsaner denkt lange nach. «Müslüm hat ein emotionales ADS. Er liebt alle Menschen und will es ihnen zeigen. Müslüm will die Leute glücklich machen. 364 Tage im Jahr sind die Menschen grob. Dann kommt Weihnachten und sie sind nett zueinander. Müslüm versteht das nicht. Er möchte, dass immer Weihnachten ist.»

Was, wenn nichts kommt?

Ein gutes Stichwort. Eine Woche dauert Semih Yavsaners Weihnachten nun schon. Später im Interview fragt er gleich selbst: «Wie lange noch?» Der Rummel könnte schnell wieder vorbei sein. Es herrscht eine doppelte Unsicherheit in Semih Yavsaners neuer Welt. Was kommt als Nächstes? Und was, wenn als Nächstes gar nichts kommt? Klar, er hat jetzt einen Hit, aber immer noch keine Hochschuldiplome. Semih Yavsaner spricht von Theaterkursen, die er besuchen will. Vielleicht auch mal in eine Vorlesung gehen. Drehbücher schreiben, das fände er toll. «Aber wie soll das gehen? Ich habe in meinem Leben drei Bücher gelesen. Maximal.»

Die Drehbücher verschiebt Semih dann doch auf später. Im Dezember soll das erste Album von Müslüm erscheinen. Natürlich: ein Weihnachtsalbum. Semih Yavsaner muss sich nur noch einen Manager zulegen und sich für den richtigen Plattenvertrag entscheiden. Tönt eigentlich ganz einfach. (Der Bund)

Erstellt: 13.08.2010, 07:41 Uhr

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