Abschied von der Bethlehembrücke

Stadt Bern

Viele Schaulustige haben in der Nacht auf Donnerstag Abschied von der Bethlehembrücke genommen. Der 50-jährige Betonkoloss über den BLS-Gleisen wurde in Einzelteile zerschnitten und abtransportiert. Anfang November soll die neue Brücke stehen.

Ein 30 Tonnen schweres Element der Brückenplatte wird in den Nachthimmel gehoben und abtransportiert. Die Platte wurde in zwölf Elemente zerschnitten. (Franziska Scheidegger)

Ein 30 Tonnen schweres Element der Brückenplatte wird in den Nachthimmel gehoben und abtransportiert. Die Platte wurde in zwölf Elemente zerschnitten. (Franziska Scheidegger)

Riesige Fräsräder fressen sich Millimeter um Millimeter in den Stahlbeton; wenn die diamantbestückten Zähne auf Armierungseisen beissen, stieben die Funken. Der Funkenregen erzeugt eine Stimmung wie am Nationalfeiertag. Statt Krachen von Feuerwerk hört man ein Rattern und Kreischen; statt Rauch liegt Staub in der Luft. Zahlreiche Schaulustige wollen sich die grosse Zerlegung der Bethlehembrücke nicht entgehen lassen. Sie suchen sich einen Platz auf der provisorischen Holzpasserelle, die in den kommenden Monaten den Stöckacker mit Bethlehem verbindet. Bis spät in die Nacht herrscht auf dem Steg reger Fussgängerverkehr. Stadt Bern und Tram Bern West AG haben Anwohnende und Medien zur Baustellennacht eingeladen.

Ein Zuschauer mit Lederhut, Jeansjacke, Koteletten und Bierbauch kommentiert das Geschehen: «Alles ist vorbereitet. Es geht ganz schnell.» Dann deutet er mit seinen Armen eine Wellenbewegung an: «In San Francisco fahren die Trams auch Berg und Tal.» Das Trassee der künftigen Bethlehembrücke wird mehr als einen Meter höher liegen als das alte. Das Tram Bern West wird eine Steigung von fünf Prozent überwinden müssen.

Ein kleines Zeitfenster von drei Stunden steht den Bauarbeitern für die Entfernung der Brückenelemente offen: von 1.20 Uhr, wenn der letzte Zug unter der Brücke durchbraust, bis zum ersten Güterzug um 4.20 Uhr. In dieser Zeit bleiben die Fahrleitungen abgeschaltet, und in dieser Zeit befinden sich die Anwohnenden im Tiefschlaf. Ausgerechnet dann werden auf der Baustelle die lautesten Arbeiten ausgeführt. Die Abbrucharbeiten mit hoher Lärmbelastung dauern bis Dienstag nächster Woche. Dann kehrt des Nachts wieder Ruhe ein.

«Die Platzverhältnisse hier sind äusserst eng», sagt Baustellenchef Reto Kummer. Die einzige Möglichkeit für den Rückbau sahen die Planer im Zerschneiden der Brückenplatte in zwölf Teile. Ein einziges Teil wiegt 30 Tonnen. Ein Pneukran, auf dem Untermattweg stationiert, hebt Element um Element von den Widerlagern und hievt sie auf den Tieflader. Dieser transportiert sie in eine Deponie in der Nähe von Thun, wo sie zu Betongranulat zerkleinert werden. Während des kleinen Zeitfensters reicht es gerade für den Rückbau von vier Elementen.

Die Frage, weshalb die Brücke angehoben werden muss, brennt vielen Leuten auf der Zunge. Hans Zeltner, Projektleiter des Baustellenabschnitts Bethlehem, erklärt: Das so genannte Lichtraumprofil, die Distanz vom Gleis bis zur Brückenunterkante, muss gemäss Vorschrift des Bundesamts für Verkehr (BAV) mindestens 6 Meter betragen. Bei der alten Brücke beträgt sie nur 5,40 Meter. Die künftige Brücke muss wegen des Trams und des Tramtrogs auch mehr Gewicht tragen als die alte.

Im Domicil Schwabgut bleibt das Restaurant bis spät in die Nacht offen. Betagte wagen sich mit dem Rollator hinaus. Für sie ist das Geschehen auf der Baustelle wie TV live. Gewerbler nutzen die Gunst der Stunde: Auf einem Parkplatz beim Brückenkopf ertönt aus lautstarken Boxen Elvis’ Stimme. Das Trike Center Bern hat eines seiner besten Fahrzeuge hinausgestellt. Die Imbissbude verkauft Trike-Burger mit Pommes. Die Bude hat bereits einen Namen: «Zur Brücke».

Der Bund

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