Kanton Bern

AKW Mühleberg strahlt am stärksten

Einige Einwohner Mühlebergs führen private Krebsregister. Unter Experten ist derweil höchst umstritten, ob ein Zusammenhang zwischen Atomkraftwerken und Krebs besteht.

Hauptgründe für die höhere Belastung rund um das AKW Mühleberg sind der Siedewasserreaktor und eine Filterpanne. (Adrian Moser)

Hauptgründe für die höhere Belastung rund um das AKW Mühleberg sind der Siedewasserreaktor und eine Filterpanne. (Adrian Moser)

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Die meisten der vielen Frauen, die in ihrer Nachbarschaft an Krebs gestorben sind, haben das 60. Altersjahr nicht erlebt; die Mehrzahl der Männer ist nicht älter als 62 geworden. «In meinem Quartier, der Oberei, gibt es 15 Häuser. Allein in den letzten zehn Jahren sind dort zwölf Menschen an Krebs erkrankt oder bereits gestorben», sagt Katharina Heim*, die vor 40 Jahren nach Mühleberg zog. Schon seit 20 Jahren sei Krebs in ihrer Umgebung «erstaunlich» häufig. «Das hat mich stutzig gemacht.» Seit Jahren führt Heim deshalb eine Liste, auf der sich Namen und Quartiere aneinanderreihen. Mauss: sieben Fälle in einem Jahr. Dorf Mühleberg: etliche Fälle. Vergleichszahlen zu Orten weiter weg vom AKW Mühleberg kann Heim jedoch nicht vorweisen.

Auch andere Menschen aus der Gegend, die ebenfalls anonym bleiben wollen, führen Buch über die in ihren Augen häufigen und seltsamen Krebserkrankungen. «Wer sie mit dem Atomkraftwerk Mühleberg in Zusammenhang bringt, wird aber belächelt», sagt Heim. Ohne das AKW wären die Steuern in Mühleberg viel höher, heisse es jeweils.

Filterpanne als Grund

Tatsache ist, dass kein Schweizer AKW die Umgebung und die Menschen, die in seinem Innern arbeiten, so stark mit radioaktiven Strahlen belastet wie Mühleberg. 0,0051 Millisievert (mSv) hätte jemand, der am Zaun des AKW wohnt und sowohl Lebensmittel als auch Wasser von dort bezieht, im Jahr 2007 abbekommen. Auf dem zweiten Platz folgt das AKW Leibstadt mit 0,0029 mSv. Die Belegschaft Mühlebergs war 2007 insgesamt 1320 mSv ausgesetzt. Auch hier schafft es Leibstadt mit 612 mSv auf den zweiten Rang. Diese Zahlen finden sich im Aufsichtsbericht 2007 des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). Laut einer internationalen Studie müssen AKW-Angestellte zudem nirgendwo auf der Welt so hohe Strahlendosen in Kauf nehmen wie in der Schweiz.

«Ein Grund für die hohen Werte in der Umgebung ist die Filterpanne von 1986, bei der radioaktiver Staub entwich», sagt Jürg Aerni, Präsident von Fokus Anti-Atom. «Dabei ist vor allem Cäsium, das eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat, ausgetreten.» Auch die Tatsache, dass es sich bei Mühleberg um einen Siedewasserreaktor handle, spiele eine Rolle. «In diesen Reaktoren gibt es nur einen Dampfkreislauf. Radioaktivität erreicht deshalb auch Turbine und Kondensator.» In der Schweiz hat nur noch Leibstadt einen solchen Reaktor – allerdings neuerer Generation. Weltweit gehört Mühleberg zu den 17 ältesten Reaktoren. «Beim Bau vor rund 40 Jahren stand die Strahlenbelastung nicht so im Mittelpunkt wie heute», sagt Patrick Miazza, Leiter des AKW. Die höhere Belastung der Belegschaft erkläre sich auch dadurch, dass Mühleberg aus Altersgründen oft umfassend überprüft werde.

Personal weiss nicht Bescheid

Gemessen am Grenzwert von 1 mSv sind die Mühleberger Strahlendosen jedoch winzig klein. Zum Vergleich: Schon das einmalige Röntgen des Brustkorbs bringt eine zehnmal höhere Strahlendosis mit sich als Mühleberg. Dasselbe gilt für einen Flug von Zürich nach San Francisco. Jährlich ist jeder Mensch in der Schweiz durchschnittlich 2,5 mSv an natürlicher und 1,5 mSv an künstlicher Strahlung ausgesetzt. Die Strahlung sei denn auch kein Thema für das Personal, sagt ein AKW-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Über die höheren Werte in Mühleberg habe er gar nicht Bescheid gewusst. «Die Kernkraft-Branche hat nicht mehr und nicht weniger Schwierigkeiten, Ingenieure zu rekrutieren, als andere Industriezweige», sagt Horst-Michael Prasser, Professor am Institut für Energietechnik der ETH Zürich.

«Es ist unwissenschaftlich, eine Verbindung zwischen Krebs und AKWs herzustellen», sagt Markus Straub, Sprecher des Ensi. Eine deutsche Studie habe zwar zeigen können, dass Kinder unter fünf Jahren, die im Umkreis von fünf Kilometern eines AKW aufwachsen, eher an Krebs erkranken als andere. Es habe aber kein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der Strahlendosis nachgewiesen werden können. «Radioaktivität sollte nicht verharmlost werden, aber unterhalb der Grenzwerte besteht kein gesundheitliches Risiko.»

«Grenzwerte zehnmal zu hoch»

Ganz anders sieht dies Martin Walter von der Organisation Ärzte für soziale Verantwortung. «Die Behörden müssten den Krebserkrankungen in Mühleberg nachgehen», sagt er. Ein wichtiger Schritt zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Radioaktivität und Krebs sei die Studie des Bundesamts für Gesundheit, die herausfinden will, ob Kinder in der Nähe eines Schweizer AKW ein höheres Krebsrisiko haben. «Dies ist nur dank dem Krebsregister bei Kindern möglich.» Es brauche nun auch für Erwachsene ein nationales Register. «Zudem sollten die Grenzwerte zehnmal tiefer sein als heute.» In den letzten 30 Jahren sei das Gesundheitsrisiko durch radioaktive Strahlung mit jeder Publikation höher eingeschätzt worden. «Eine gering höhere Dosis könnte durchaus einen Unterschied machen; vielleicht auch nur dann, wenn gewisse genetische Gegebenheiten hinzukommen.» Dass Atomkraftbefürworter den Zusammenhang zwischen Krebs und AKWs bestritten, gleiche der Haltung Asbest gegenüber vor 20 Jahren. «Grundsätzlich gilt: je tiefer die Strahlendosis, desto besser», sagt auch Prasser.

Auch wenn sich die Experten noch lange uneinig sind: Katharina Heim zumindest wird ihr privates Krebsregister weiterführen.

* Name der Redaktion bekannt (Der Bund)

Erstellt: 04.05.2009, 12:27 Uhr

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