360 Polizisten gesucht

Die bernische Kantonsregierung sieht in vielen Sicherheitsfragen Handlungsbedarf und will daher bei der Kantonspolizei aufrüsten. Das könnte aber schnell zur Kostenfrage werden.

Bis 2030 sollen Berner Polizisten 360 neue Arbeitskollegen bekommen.

Bis 2030 sollen Berner Polizisten 360 neue Arbeitskollegen bekommen.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Es dauerte eine knappe Stunde. So lange brauchten Philippe Müller (FDP) und Stefan Blättler, um den Bericht des Regierungsrates zum Personalbestand der Kantonspolizei den Medien vorzustellen. Die meiste Zeit setzten der Polizeidirektor und der Polizeikommandant dafür ein, um aufzuzeigen, was für Gefahren im Kanton Bern lauern. Mit Bezug auf den jährlichen Lagebericht des Nachrichtendiensts des Bundes zeichnete Müller dabei düstere Bilder von einem Kanton, in dem «Menschen davor Angst haben, abends durch die Stadt zu gehen». Er begründete das mit Sätzen wie: «Die Gewalt ist so brutal wie noch nie.» Oder: «Es sind viele Schläger mit Kampfsportausbildung unterwegs.» Auch den Terrorakt in Neuseeland band er in seine Präsentation ein. Neuseeland werde oft mit der Schweiz verglichen. «Terroranschläge waren dort bis vor kurzem auch kein Thema.»

Aus Sorge um die kantonale Sicherheit will der Regierungsrat den Personalbestand der Kantonspolizei «spürbar erhöhen», wie Müller sagt. Konkret: In einem ersten Schritt soll das Korps bis 2025 um 170 Beamte vergrössert werden, bis 2030 sollen nochmals 190 dazukommen. Der Regierungsrat will die Kantonspolizei also in den nächsten zehn Jahren um insgesamt 360 Einsatzkräfte vergrössern. Was nach ehrgeizigem Ausbau klingt, ist jedoch bloss eine Annäherung an den schweizerischen Durchschnitt. Denn bisher liegt die Polizeidichte im Kanton Bern auf tiefem Niveau. Auf 521 Einwohner kommt ein Polizist. Der schweizerische Mittelwert liegt bei 454 Einwohnern pro Polizist. In Graubünden (406), Waadt (412) oder Zürich (372) wird diese Zahl beispielsweise unterboten.

«Es gibt viele Angestellte bei der Polizei, die anderswo vermutlich mehr verdienen würden»Fabian Amonn, Jurist, Cybercrime-Experte und ehemaliger Polizist

Überstunden en masse

Der Plan zur höheren Polizeidichte ist mit entsprechenden Kosten verbunden. Wenn bis 2030 das Korps um 360 Mitarbeitende erweitert wird, zählt dieses insgesamt 2348 Polizisten. Diese wären mit jährlichen Zusatzkosten von 61,9 Millionen Franken verbunden.

Ob die polizeiliche Aufstockung erfolgen wird, darüber wird der Grosse Rat entscheiden. Adrian Wüthrich, Präsident des Berner Polizeiverbands und SP-Nationalrat, geht von einer Debatte aus, bei der sich vieles um Geld drehen wird. Jede Diskussion um das Thema ist ihm aber recht. Denn genau diese wollte er anstossen, als er 2016 per Motion vom Regierungsrat verlangte, den Personalbestand der Kantonspolizei zu überprüfen. Mit dem nun vorliegenden Bericht ist er zufrieden. «Er bietet eine gute Diskussionsgrundlage.»

Wüthrich ist sehr dafür, die bernische Polizeidichte an den schweizerischen Durchschnitt anzugleichen. Das nicht nur aus dem Blickwinkel der Sicherheit, sondern auch aus Arbeitnehmersicht. «Polizisten liefern immer noch zu viele Überstunden.» So hat sich bei der Polizei 2018 ein Überschuss an Zeitguthaben von rund 553000 Stunden angesammelt, was 26 Tagen pro Kopf entspricht. «Durch neu geschaffene Stellen könnte die Belastung des Personals gelindert werden.»

Der moderne Bankräuber

Wüthrich wird den Regierungsrats-Bericht mit dem Vorstand des Polizeiverbandes noch detailliert analysieren, eines ist ihm aber bereits in das Auge gestochen: Der Kampf gegen Verbrechen im Internet soll personell verstärkt werden. «Da wurde bisher zu wenig gemacht», sagt Wüthrich. Ab 2030 sollen laut Bericht 100 zusätzliche Beamte gegen das Verbrechen im virtuellen Raum eingesetzt werden. Auch Regierungsrat Müller hat der Internetkriminalität während seines Referats Gewicht verliehen. Die Schäden seien oft diffus und die Täter nirgendwo. «Für die meisten Menschen ist die Internetkriminalität abstrakt und deshalb auch nicht wirklich bedrohlich.»

Für Fabian Amonn sind Delikte im Internet sehr konkret. «Alle Bürger, die sich im Internet bewegen, sind potenzielle Opfer», sagt der Jurist mit Spezialisierung auf Cybercrime. Das habe mit einer Verlagerung der Kriminalität zu tun. «Ein moderner Bankräuber braucht keine Sturmhaube und Pistole mehr, sondern agiert von einem Computer in einem ausländischen Keller.» Amonn geht zudem davon aus, dass viele Onlinedelikte gar nicht ans Tageslicht kommen. «Die Mehrheit der von uns beratenen Personen wollte das Delikt aus Scham- oder Imagegründen nicht melden.» Er vermutet eine hohe Dunkelziffer.

Teure Fachkräfte

Laut Amonn zielen die häufigsten Internet-Delikte auf Vermögen oder aber Daten ab, die auch gleich online weiterverkauft werden. Das digitalisierte Verbrechen habe in den letzten Jahren massiv zugenommen. Deshalb fordert er ein Umdenken. «Es fehlen unseren Strafverfolgungsbehörden schlicht die Mittel, um der Cyberkriminalität präventiv sowie repressiv adäquat entgegenzutreten», sagt Amonn, der 2007 bis 2017 bei der Kantonspolizei gearbeitet hat. Die geplante Stellenaufstockung sieht er jedoch als Schritt in die richtige Richtung.

Die Anwerbung von geeignetem Fachpersonal könnte jedoch schwierig werden. Besonders wenn die finanziellen Mittel beschränkt sind. «Qualifizierte Fachkräfte sind teuer», sagt Amonn. Doch Geld muss nicht unbedingt ein unüberwindbares Kriterium sein. «Es gibt viele Angestellte bei der Polizei, die anderswo vermutlich mehr verdienen würden.» Aktiv zum Schutz der Bevölkerung einzustehen, wiege für diese schwerer. «Motivation kann nicht mit Lohn gekauft werden.»

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