12-Jährige müssen in den Kindersitz

Ab heute gilt das Kindersitz-Obligatorium für Kinder bis 12 Jahre, die kleiner sind als 1,50 Meter. Taxi-Unternehmen, Sportvereine und Schulen sind auf die neue Regel vorbereitet – die betroffenen Kinder freut es aber nicht.

Gleich alt, aber nicht gleich gross: Giada (rechts) muss in den Kindersitz, ihre Schwester Laura nicht. (Franziska Scheidegger)

Gleich alt, aber nicht gleich gross: Giada (rechts) muss in den Kindersitz, ihre Schwester Laura nicht. (Franziska Scheidegger)

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«Es nervt mich ein bisschen», sagt die 11-jährige Giada. Sie muss ab heute im Auto wieder in einem Kindersitz sitzen. So will es die entsprechende Verordnung, angelehnt an EU-Richtlinien. Sie verlangt, dass Kinder bis 12 Jahre, die kleiner sind als 1,50 Meter, in einem Kindersitz oder auf einer Sitzauflage im Auto mitfahren. Bisher galt dies für Kinder bis 7 Jahre. Besonders unfair ist für Giada, dass ihre Zwillingsschwester Laura von der neuen Regelung nicht betroffen ist, weil sie bereits 1,51 Meter gross ist. Giada misst 1,45 Meter. Eigentlich fahren beide Mädchen gerne im Auto mit. «Auf langen Reisen kann man besser gut schlafen», sagt Laura. «Jetzt fahre ich aber nicht mehr gerne Auto», sagt Giada. Obwohl sie genau weiss, wozu der Sitz gut sein soll – «für die Sicherheit», wie sie sagt –, hält sich ihr Verständnis dafür in Grenzen. Sie hofft deshalb, schnell zu wachsen und bald die 1,50-Meter-Marke zu erreichen. «Ich bin 1,50 Meter, bevor ich 12-jährig bin», sagt sie zuversichtlich. Giada und Laura haben im November Geburtstag.

Alte Sitze sind nicht mehr erlaubt

Viele Eltern mit Kindern über 7 Jahre graben jetzt ihre alten Kindersitzli wieder aus. Das stellt auch Ingrid Bodmer fest, die Geschäftsinhaberin des Mac-Baby-Fachcenters in Heimberg: «Viele kommen zu uns und fragen, ob die alten Kindersitze noch taugen.» Als Fachfrau weiss sie, dass nur noch Kindersitze der Serie 03 und 04 des ECE-Reglements (Economic Commission for Europe) erlaubt sind; die beiden ersten entscheidenden Ziffern der Genehmigungsnummer sind auf dem Kindersitz zu finden. «Die Produkte wurden in den letzten Jahren erheblich verbessert», begründet der Touring-Club Schweiz (TCS) diese Massnahme. Oft kämen Leute mit bis zu zehnjährigen Kindersitzen, zum Teil aus Börsen, die nun nicht mehr akzeptiert seien, sagt Bodmer. «Wir verkaufen auch sonst sehr viele Kindersitze, Babyschalen oder Sitzerhöhungen, aber mit den neuen Regelungen kam schon noch etwas dazu», sagt sie.

Die Sitzerhöhung, als einfachste und günstigste Variante für rund 30 Franken, wird vom TCS aber nicht empfohlen. «Um ältere Kinder auch bei einem Seitenaufprall zu schützen, sollten für diese Alterskategorie vollwertige Kindersitze mit Rückenstützen und Seitenwangen verwendet werden», heisst es. Genau gleich lauten auch die Empfehlungen der Kindersitzmarke Maxi Cosi – wohl nicht zuletzt in eigenem Interesse, denn die Sitzerhöhung gibt es nicht im Angebot. Die Herstellerfirma von Maxi Cosi, Dorel, registriere zurzeit eine Nachfragesteigerung von 25 Prozent, sagt Kilian Borter, der Verantwortliche für Kommunikation.

Polizei setzt auf Prävention

Nicht alle können teure Maxi Cosis anschaffen oder alte Kindersitze vom Estrich holen, weil sie zu viele benötigen. Deshalb hat etwa Bären-Taxi 80 Sitzerhöher angeschafft. Einen Teil davon habe Bären-Taxi an jene Kinder ausgeliehen, die es per Taxi in die Schule fahre, sagt Paul Studer, Geschäftsleiter von Bären-Taxi. Aber auch in jedem Taxi sei nun ein Sitzerhöher vorhanden. Wer mehr als ein Kind dabeihabe, müsse dies vorgängig bei der Zentrale melden. Zusätzliche Sitzerhöher werden ebenso wie Kindersitze für kleinere Sitze vom Taxichauffeur bei der Zentrale geholt – allerdings kostet dieser Service einen Aufpreis von 25 Franken. Halte unterwegs jemand mit mehreren oder zu kleinen Kindern ein Taxi an, dürften die Chauffeure die Kundschaft im Prinzip gar nicht transportieren, sagt Studer. Denn dies sei illegal und werde von der Polizei gebüsst. «Die neue Kindersitzregelung hat für uns keine Priorität», sagt Frank Rüfenacht, Fachbereichsleiter Verkehr bei der Kantonspolizei: Es werden keine speziellen Kontrollen gemacht, aber vom Legalitätsprinzip her sei es jedem Polizisten überlassen, eine Busse auszusprechen. Diese betrage 60 Franken, gleich viel wie für eine nicht angegurtete erwachsene Person, sagt Rüfenacht. «Wir wollen die Änderung präventiv aufarbeiten», sagt er. Deshalb werde die Polizei an der BEA Ende April bis Anfang Mai mit diesem Thema vertreten sein.

Kindersitzli selber mitbringen

Hans Schuler, Geschäftsleiter von NovaTaxi, dessen Unternehmen ebenfalls aufgerüstet hat, appelliert auch an die Kundschaft: Leute mit Kindern sollten sich vorgängig bei der Zentrale melden und nach Möglichkeit gleich selber Kindersitze mitbringen. So funktioniert das Konzept auch beim Carsharing-Unternehmen Mobility. «Es ist unmöglich, unsere 2300 Autos mit Kindersitzen auszustatten», sagt Alain Barmettler, Mediensprecher von Mobility. Deshalb biete man den Genossenschaftern für 90 Franken den Sitsac an – einen Sitzerhöher und Rucksack in einem, den das Kind selber tragen kann.

Selber mitnehmen lautet die Devise auch bei Sportvereinen. «Wir haben den Eltern einen Brief geschrieben», sagt Thomas D’Ascoli, Assistenztrainer beim FC Länggasse. Jedes Kind müsse selber einen Kindersitz oder einen Sitzerhöher mitbringen, sonst könne es nicht zum Auswärtsspiel mitfahren. «Das ist ein Problem, gerade weil in unserem Quartier viele Eltern kein Auto besitzen», sagt D’Ascoli. Die neue Regelung sei zudem nicht gerade umweltfreundlich: Weil mit den Kindersitzen nicht mehr gleich viele Kinder in einem Auto Platz hätten, müssten mehr Autos fahren. Auch beim SC Bern habe man sich Gedanken zu dieser Problematik gemacht. Weil die Saison aber erst im September beginne, habe man noch etwas Zeit, eine Lösung zu finden, sagt Marc Weber, verantwortlich für den Nachwuchs. Gelöst ist die Angelegenheit hingegen für die Vereine der Gemeinde Rüderswil. Diese teilte mit, sie werde 80 Kindersitze anschaffen. Die Sitze sollen zum Teil in den Schulhäusern deponiert werden, aber auch Vereinen würden Sitze zur Verfügung gestellt. Teurer wird für Gemeinden das Umbauen von Schulbussen, wie etwa das Beispiel aus Köniz zeigt. Köniz besitzt fünf Schulbusse, allein der Umbau der drei kleineren 16-Plätzer koste je 9000 Franken, hiess es bei der Gemeinde.

Überprüfung ist angekündigt

Obwohl sich die meisten der Regelung beugen – auch mit der Begründung, nichts für die Sicherheit der Kinder unterlassen zu wollen –, gibt es grossen Widerstand gegen die Kindersitzpflicht. Vor eineinhalb Wochen ist eine Petition eingereicht worden, die von 20 110 Personen unterschrieben wurde. Die Bittschrift verlangt, der Bundesrat solle auf die Kindersitzpflicht verzichten. Der Bundesrat hat mittlerweile Schwierigkeiten eingeräumt – etwa beim Transport von Kindern durch Dritte – und versprochen, Ausnahmen zu prüfen. (Der Bund)

Erstellt: 01.04.2010, 11:14 Uhr

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