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Das sagt die Psychologin zu Corona«Belastungen des Alltags fallen ab»

Die Krise hat nicht nur Nachteile: Die Corona-Zwangspause kann uns zur Besinnung bringen, sagt Psychologin Anne Berthold.

Linus Schöpfer
Braucht es eine Pandemie, damit wir die wahren Prioritäten des Lebens entdecken?  Berlin, Prenzlauer Berg
Braucht es eine Pandemie, damit wir die wahren Prioritäten des Lebens entdecken? Berlin, Prenzlauer Berg
iStock/Getty Images

Schätzungen zufolge haben 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine psychische Erkrankung. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf diese Menschen aus?

Die aktuelle Situation ist auch für Menschen belastend, die keine Diagnose einer psychischen Erkrankung haben. Wir können daher davon ausgehen, dass Menschen, die schon vor Corona durch eine psychische Erkrankung eingeschränkt waren, momentan eine besonders grosse Belastung erleben. Und damit sind nicht nur Patientinnen mit Angststörungen oder verstärktem Kontrollverlusterleben gemeint. Es leiden auch Depressive, Demente und Menschen mit psychosomatischen Störungen. Diese Krise funktioniert höchstwahrscheinlich wie ein Katalysator: Symptome werden verstärkt oder werden verstärkt wahrgenommen.

Warum?

Weil die Menschen nicht mehr ihrem gewohnten Alltag nachgehen können und weil sie nicht mehr durch Ablenkungsreize ausserhalb der eigenen Wohnungwie zum Beispiel andere Menschen im Tram oder das Essen in der Kantineaus dem Fokus auf sich selbst herausgeholt werden. Durch die Krise sind Neuerkrankungen zu erwarten. Weil die Unsicherheit beispielsweise bezüglich einer unsicheren Existenzgrundlage einen starken Einfluss auf die psychische Gesundheit haben kann.

Was kann helfen?

Für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind Beratungsangebote hilfreich, der Austausch im Internet und die Solidarität anderer Menschen, etwa wenn es um Besorgungen geht. Auch Beratungs-Hotlines oder Telefonate können helfen. Der entscheidende Punkt ist, dass Betroffene um diese Möglichkeiten wissen müssen. Und es braucht immer auch eine Portion Willenskraft, das Telefon in die Hand zu nehmen.

Ein konkretes Problem: Viele können ihren Psychiater respektive ihre Psychologin nicht mehr besuchen. Ist die Videoschaltung ein gleichwertiger Ersatz?

Face-to-face dürfte bei einer psychologischen Beratung oder Therapie immer besser respektive angenehmer sein. Dennoch ist die Möglichkeit, sich digital zu unterhalten, eine grosse Hilfe in einer Zeit, in der wir uns alle vor Infektionen schützen sollen. Selbst Gruppentherapien sind heute digital möglich, solange alle ein bisschen flexibel sind.

Macht uns die Corona-Krise nur depressiver? Oder hat sie auch ihre guten Seiten?

Sie kann beides sein. Manche Menschen lebten bisher ihr Leben Tag für Tag im Hamsterrad. In dieser Ausnahmesitutation erkennen sie nun, was wirklich wichtig ist. Diese Menschen spüren sich erst jetzt wieder selbst. Für sie kann diese Situation auch eine Chance sein. Das erzwungene Innehalten kann uns helfen, zu uns selbst zu finden. Die Belastungen des Alltags fallen von manchen ab, die bis dato einfach nur noch funktioniert haben. Das schafft Platz für Veränderung.

In dieser Ausnahmesitutation erkennen sie nun, was wirklich wichtig ist.

Anne Berthold

Das klingt überraschend positiv.

Auf der anderen Seite ist es sehr wahrscheinlich, dass Depressionssymptome nun zunehmen. Wegen des Mangels an direktem sozialem Austausch, wegen fehlenden Körperkontakts, wegen der Unsicherheit der Situation. Gerade den älteren Menschen, die nun als Risikogruppe definiert sind, wird momentan viel abverlangt. Einerseits, weil sie besonders gefährdet sind. Andererseits, weil Einsamkeit auf die Gesundheit auch einen Einfluss hat. Viele wundern sich ja, dass so viele ältere Leute noch draussen anzutreffen sind. Sie bedenken dabei nicht, wie schlimm Isolation und Einsamkeit sein können.

Wie wichtig ist Körperkontakt, das Physische, das nun fehlt?

Direkter, auch physischer Kontakt ist zentral für die Gesundheit und das Wohlbefinden. Bezeichnend finde ich die Studien, die zeigen, dass Affenkinder sich lieber einer kuscheligen Mutterattrappe zuwandten als einer Mutterattrappe, die Futter spendete. Körperkontakt ist wichtig. Wie sich der heutige Mangel an physischem Kontakt auf die Gesellschaft langfristig auswirken wird, lässt sich noch nicht beurteilen. Entscheidend ist, ob diese besondere Situation nun noch lange andauert.

Gibt es psychische Erkrankungen, die durch Isolationszustände erst ausgelöst werden?

Menschen, die im Alltag nur sehr ungern unter Leute gehen, sind durch die aktuelle Isolation nicht mehr gezwungen, sich ihren Ängsten zu stellen. Für sie wird es nach der Krise besonders schwierig. Für jene Menschen wiederum, die sehr gern soziale Kontakte aufsuchen und das nun nicht mehr tun können, ist der Istzustand problematisch. Ob sich dadurch ernsthafte psychische Erkrankungen entwickeln, lässt sich nicht genau abschätzen. Ich persönlich finde es übrigens nicht hilfreich, allein in diesen zwei Kategorien «psychisch krank» und «psychisch gesund» zu denken. Entscheidend ist doch, wie hoch der Leidensdruck des Einzelnen ist. Wenn das Grosi im Sterben liegt und man sich nicht verabschieden darf, wenn der Kontakt zu Freunden massiv eingeschränkt wird, wenn Geburtstage und Hochzeiten nicht mehr gefeiert werden können. Viele Rituale, die das menschliche Leben strukturieren, fallen weg. Das kann auch für einen ansonsten psychisch gesunden Menschen als sehr beeinträchtigend erlebt werden.

Alltägliche Ausnahmesituation: Sohn und Mutter beim gemeinsamen Homeoffice. (Bern, 18. März 2020)
Alltägliche Ausnahmesituation: Sohn und Mutter beim gemeinsamen Homeoffice. (Bern, 18. März 2020)
Keystone

Können auch Familien betroffen sein? Oder immunisiert das permanente Zusammensein gegen Depressionen?

Jetzt kann man sich zu Hause nicht mehr so einfach aus dem Weg gehen. Der Druck durch die Unsicherheit der Situation ist hoch und steigt. Es geht jetzt darum, wer wie viel Selbstkontrolle, Verträglichkeit und Optimismus hat. Ich fände es hilfreicher, zu fragen, was wir jetzt brauchen, um gut durch die Zeit zu kommen. Die Berichterstattung ist derzeit fast nur negativ, was diese Krisenstimmung nicht unbedingt verbessert.

Kann die Corona-Krise Menschen längerfristig traumatisieren? Oder kann im Gegenteil das Überstehen der Krise für das künftige Leben hilfreich sein, die Resilienz stärken?

Wir waren alle noch nie in einer solchen Situation. Keiner weiss, wann wieder Normalität oder zumindest eine Art Alltag einkehrt. Natürlich kann man davon ausgehen, dass wir etwas daraus lernen werden. Ob es eine Traumatisierung gibt und wenn ja, wie stark diese sein wird –, ist zum jetzigen Zeitpunkt aber weder gesellschaftlich noch auf das Individuum bezogen abschätzbar.