«Mit Üben allein kommt man nicht an diesen Punkt»

Der 40-jährige Weltrekord-Jongleur Mario Berousek stammt aus einer alten tschechischen Zirkusfamilie. Seine Kunst ist jetzt im Circus Knie zu bewundern.

Schneller, als das Auge sehen kann: Jongleur Mario Berousek.

Schneller, als das Auge sehen kann: Jongleur Mario Berousek. Bild: zvg

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Manchmal wird der Jongleur Mario Berousek mit Karel Gott verwechselt, der goldenen Stimme aus Prag. Wie ist das nur möglich? Zwar wohnt auch Berousek in der tschechischen Hauptstadt, ist aber erst 40-jährig. Vielleicht erinnert die Jonglierkunst des Meister­artisten entfernt an den Flügelschlag der Biene Maja im Trickfilm, zu dem der schnulzige Karel Gott den Soundtrack beisteuerte. Was Berousek mit sieben Keulen vollbringt, ist nicht nur rekordverdächtig – es ist Weltrekord.

Man hat es mit Zeitlupenaufnahmen von Hochleistungskameras bewiesen und ins Guiness-Buch der Rekorde eingetragen. Im Moulin Rouge in Paris fing er beim Jonglieren mit fünf Keulen innert 30 Sekunden 128 Stück. Und am selben Ort zählten die Beobachter bei fünf Keulen in einer Minute 735 Rotationen. Alles Übung? «Das auch», sagt Berousek, «aber mit Üben allein kommt man nicht auf diese Geschwindigkeit.» Er habe ein besonderes Geschwindigkeitstalent, weder sein Vater noch sein Bruder hätten dieses Tempo erreicht.

Als Jüngling trat Mario mit Bruder ­Robert und den Eltern Ferdinand und Sonja unter dem Namen Fredys auf. Der Name Berousek ist in Tschechien so eng mit Zirkus und Artistik verbunden wie Knie in der Schweiz. Die Dynastie lässt sich bis ins Jahr 1756 zurückverfolgen. Da gab es Komiker, Puppenspieler, Hochseiltänzer und Bärendompteure. Der Grossvater zog in der Vorkriegszeit mit dem eigenen Zirkus durch die Tschechoslowakei. 1951 wurde der Betrieb nationalisiert – enteignet. Ein Teil der Verwandtschaft emigrierte bereits 1938, ein anderer verliess die kommunistische CSSR 1964 und machte unter dem ­Namen Berosini in den USA Karriere.

Keiner ist schneller – bis jetzt

Marios Familie reiste viel, auch in westliche Länder, und der devisenhungrige kommunistische Staat hielt die Hand auf und behielt die Hälfte der Gage. Der junge Berousek lernte die Welt kennen – und Fremdsprachen. Russisch, das Idiom des grossen Bruders, war im Ostblock Pflicht. Doch die Mutter wollte, dass der Sohn auch Deutsch, Englisch und Italienisch lernt, weshalb sie ihn in Privatschulen in Prag schickte, die es eigentlich offiziell gar nicht geben durfte.

Ist man als Weltrekordhalter nicht ständig besorgt, dass irgendwo jemand auftaucht, der noch schneller ist? Bis jetzt habe er nichts dergleichen gehört, sagt Berousek, «und heute mit dem Internet würde man das sofort erfahren». Berousek, der schon 2001 und 2008 im Circus Knie auftrat, ist streng mit sich: «Wenn ich mein Niveau nicht mehr halten kann, höre ich auf.»

Wann auch immer dieser Moment eintreten wird: Berousek und seine Frau, die ebenfalls der weit verzweigten Berousek-Familie entstammt, haben vorgesorgt – mit der zehnten Berousek-Generation. Die bereits erwachsene Tochter Sharon verbindet Keulenjonglage mit Tanzchoreografie, Vanessa praktiziert rhythmische Gymnastik kombiniert mit Fussballjonglage, Nicole lässt beim Jonglieren Hula-Hoop-Reifen rotieren. Nur die kleinsten – Priscilla und Mario junior – sind noch nicht einschlägig aktiv.

Weder hungrig noch übersättigt

Berousek, der fast so schnell deutsch spricht wie er jongliert, muss das Gespräch mit dem «Bund» beenden: Die Arbeit ruft. Jonglieren ist kein Jux, sondern Spitzensport, für den man sich warmlaufen muss. Auch achtet Berousek auf eine ausgewogene Ernährung. Besonders wenn er täglich zwei Vorstellungen bestreitet, legt er die Mahlzeiten so, dass er nie mit vollem Bauch, aber auch nicht hungrig arbeitet. Und schon fliegen sie wieder, die sieben Keulen, 245 Gramm leicht, um die Gelenke nicht unnötig zu belasten – eine Konstruktion aus Eichenholz, Bambus und einem Überzug aus Alufolie, Handarbeit aus ­einem Prager Holzschnitzeratelier.

Das Programm «Phénoménal» des Circus Knie hat heute Freitag um 20 Uhr auf der Berner Allmend Premiere. Das Gastspiel dauert bis 26. August. Morgen Samstag ?9–12 Uhr: Elefanten-Matinee im Zirkuszelt. Sonntag (16./23. August, 10–11.30 Uhr: Kommentierte Dressurproben «Tiere gehen zur Schule». Tickets: www.knie.ch, Vorverkauf und Tageskasse. (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2015, 15:28 Uhr

«Phénoménal»

Abschiedstournee der Elefanten

Lange galt im Schweizer Nationalcircus die Regel: Die Nachkommen von Fredy senior (1920–2003) – Fredy junior, Géraldine Katharina, der 13-jährige Ivan Frédéric und die 4-jährige Chanel Marie – arbeiten mit Pferden. Die Nachkommen von Bruder Rolf Knie (1921–1997) – Franco senior, Franco junior und der 7-jährige Chris Rui – sind für die Elefanten zuständig. Diese Dualität findet bald ihr Ende: Die Elefanten werden 2016 nur noch im neuen Elefantengehege im sankt-gallischen Rapperswil zu bewundern sein, aber nicht mehr in der Zirkusmanege («Bund» vom Mittwoch). Noch sind die Dickhäuter da, wie immer beeindruckend und mächtig, wenn auch in einer nicht so spektakulären Nummer wie in manch vergangenen Jahren.

Fredy Knie junior integriert ins aktuelle Programm ein Proben-Intermezzo mit andalusischen Hengsten, «Teenager» mit Flausen im Kopf, um zu zeigen, wie die Tiere auf ihre Aufgabe im Sägemehlrund vorbereitet werden. Man darf also hoffen, dass dieses Knie-«Steckenpferd» längerfristig erhalten bleibt. Das hofft bestimmt auch «Prinzessin» Chanel Marie, der die Manegenluft sichtlich behagt: Sie verbeugt sich so tief, dass sie mit ihren langen Haaren beim Aufrichten eine Wolke aus Sägemehl aufwirbelt.

Puppe mit frechem Mundwerk

Der Humor ruht auf den Schultern zweier Herren. In den Pausen bringt der Amerikaner Rob Torres die Menge zum Lachen, mit feinem, fast harmlosem ­Humor, aber mit einer poetischen Note. Dass der Clown auch jonglieren kann, ist löblich, doch dafür ist schon ein Weltstar zuständig (siehe Haupttext). Von ­robusterer Machart sind die Spässe von Bauchredner Willer Nicolodi und dessen vorlauter Puppe Josellito («Chhhoselitto mit Chchchche»). Zuschauer in der privilegierten ersten Reihe haben eine reelle Chance, in der Manege als krachende Lachnummer zu fünfminütiger Berühmtheit zu gelangen.

Artistisch ist Branchenprimus Knie kaum zu schlagen. Das ukrainische Circus-Theater Bingo, das eine Intro-Funktion wahrnimmt, wäre in manch einem anderen Betrieb die Hauptattraktion. Bezaubernd ist die Luftakrobatik des russischen Ehepaars Sychev-Abakarova, das den Traum vom Fliegen im Chapiteau verwirklicht. Ein Paukenschlag zum Programmende ist die russische ­Sokolov-Truppe, die zu leichter Mozart-Musik Schleuderbrettartistik vom Feinsten bietet, scheinbar aller physikalischen Gesetze spottend – und dies mit neckischen Perücken auf dem Kopf.

Nicht vergessen darf man die Fratelli Errani. Der eine, Maycol, macht sich als Knie-Schwiegersohn in allen Sparten nützlich: koreanische Wippe, Pferdedressur, Equilibristik oder Jonglage, ein toller Allzweckartist, unterstützt von seinen Brüdern Guido und Wioris. (mdü)

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