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Grenzwert bald erreichtBAG stellt Zunahme von Fällen aus Kroatien fest

Ein Teil des Neuanstiegs in der Schweiz ist offenbar auf Reiserückkehrer aus Kroatien zurückzuführen. Noch ist das Land nicht auf der Risikoliste des Bundes.

Kroatien verzeichnet derzeit etwa 175 Ansteckungen pro Tag: Ausländische Touristen in der kroatischen Hafenstadt Rijeka.
Kroatien verzeichnet derzeit etwa 175 Ansteckungen pro Tag: Ausländische Touristen in der kroatischen Hafenstadt Rijeka.
Foto: Antonio Bat (EPA/Keystone) 

Am Wochenende veröffentlichte die kroatische Zeitung «Večernji List» («Abendblatt») eine Karikatur, die einen eilig abreisenden Touristen zeigt. Drei Kroaten versuchen, ihn aufzuhalten: «Gehen Sie nicht, zu Hause müssen Sie ohnehin nur in Quarantäne!» Zumindest einen negativen Corona-Test müssen seit Montag Einreisende nach Österreich vorlegen. «Es gibt eine massive Einschleppung des Virus aus Kroatien», sagte Österreichs Kanzler Sebastian Kurz am Wochenende; zuvor war das Virus innerhalb von einem Tag bei 57 Kroatien-Urlaubern festgestellt worden. Das Land sprach sogar die Empfehlung aus, den Urlaub in Kroatien abzubrechen. In Deutschland fordern die Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und Markus Söder angesichts der steigenden Anzahl infizierter Reiserückkehrer, Kroatien auf die Risikoliste zu setzen, wie «n-tv» am Dienstag berichtete.

Auch in der Schweiz stellt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen Anstieg von importierten Fällen aus Kroatien fest, wie ein Sprecher auf Anfrage bestätigt. Konkrete Zahlen nennt das Bundesamt nicht. Noch besteht für Rückreisende keine Pflicht, sich in Quarantäne zu begeben, aber: «Wir beobachten die Situation engmaschig und werden gegebenenfalls Massnahmen treffen, falls diese angezeigt sind», sagt der BAG-Sprecher.

Bei einem anhaltenden Anstieg könnte das BAG, wie bereits bei zahlreichen anderen Ländern, eine zehntägige Quarantänepflicht für Reiserückkehrer anordnen. Voraussetzung dafür ist gemäss der Covid-19-Verordnung des Bundes eine Ansteckungsquote von 60 Neuinfektionen pro 100’000 Einwohnern in den letzten 14 Tagen. Bei täglich etwa 175 Fällen wäre der Grenzwert mit 61,25 Neuinfektionen pro 100’000 Einwohnern schon bald erreicht und eine Platzierung auf der Risikoliste des Bundes angezeigt. (Sehen Sie hier, wer es sonst noch auf die Liste schaffen könnte.)

Während der Kanton St. Gallen einen «deutlichen» Anstieg der Infektionen bei kroatischen Reiserückkehrern verzeichnet, waren in Basel-Stadt seit dem 11. Juli unter insgesamt 148 Neuinfektionen etwa fünf Kroatien-Rückkehrer, wie die Mediensprecherin des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt, Anne Tschudin, auf Anfrage mitteilt. Im Kanton Bern wurden seit Anfang August 19 Rückkehrer aus Kroatien als infiziert gemeldet. Von einer Häufung «importierter» Fälle aus Kroatien könne man dennoch nicht ausgehen, sagt Gabriela Giallombardo von der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern. In Zürich weiss man gar nicht, wie viele der Infizierten Reiserückkehrer aus Kroatien sind. Der Kanton schlüssle seine Corona-Fälle nicht nach einzelnen Ländern auf, erklärt Marcel Odermatt, Mediensprecher der Zürcher Gesundheitsdirektion.

Vor allem junge Menschen stecken sich an

Wie in Spanien und Bulgarien sind es nun vor allem die Orte mit Nachtleben, in denen sich das Virus ausbreitet was dazu führt, dass ganze Regionen als unsicher gelten. Als bekannter Ansteckungsort gilt die dalmatinische Hafenstadt Makarska, wo sich bereits mehrere österreichische und deutsche Touristen angesteckt haben. Auch mehrere Schweizer Party-Gäste sollen infiziert zurückgekehrt sein, wie der «Blick» kürzlich berichtete.

So schnell zurück wie möglich: Nach einer Reisewarnung des österreichischen Aussenministeriums staute sich am Sonntag der Verkehr beim Karawankentunnel an der slowenisch-österreichischen Grenze.
So schnell zurück wie möglich: Nach einer Reisewarnung des österreichischen Aussenministeriums staute sich am Sonntag der Verkehr beim Karawankentunnel an der slowenisch-österreichischen Grenze.
Foto: Johann Groder (Apa/Expa/Keystone) 

Kroatien mit seinen unzähligen Inselchen im Mittelmeer erscheint eigentlich ideal, um Massen zu entgehen und sich vor dem Virus zu verstecken. Ferienwohnungen sind verbreiteter als Bettenburgen. Als Paradies für Camping-Urlauber und Segler ist es eher bekannt denn als Party-Destination. Dass das Land nun auf immer mehr rote Listen geraten könnte, ist für den Tourismus ein enormes Problem die Sparte trägt 25 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei.

Ende Mai hatte sich Kroatien zum sicheren Urlaubsland erklärt und die Saison eröffnet. Um Urlaubern die Einreise zu erleichtern und sie im Notfall erreichen zu können, wurde unter https://entercroatia.mup.hr ein Online-Formular eingerichtet. Die Zahl der Infektionen in Kroatien war zunächst sehr gering, lange Zeit kamen kaum neue hinzu.

Das hat sich mit dem Reiseverkehr geändert. Seit Ende Juni steigt die Kurve stetig an. Vor allem junge Menschen stecken sich an, das Durchschnittsalter liegt bei 34. Am Dienstag wurden 199 Neuinfektionen bestätigt. Insgesamt sind seit Ausbruch der Pandemie 6855 Infektionen gezählt worden bei vier Millionen Einwohnern. Betroffen von steigenden Infektionszahlen sind vor allem die Hauptstadt Zagreb und Umgebung sowie Dalmatien. Weite Teile der beliebten Küstenregionen verzeichnen indes extrem niedrige Fallzahlen; Istrien meldete 20 neue Fälle am Dienstag.

Die oberste Infektiologin des Landes, Alemka Markotić, gibt sich entsprechend zuversichtlich. «Wir haben es unter Kontrolle», sagte sie dem Fernsehsender HRT. Das Gesundheitssystem werde alles Nötige bereitstellen können. Kroatien, sagte sie, habe Kriege und Epidemien erlebt und werde auch im Kampf gegen Corona erfolgreich sein. Für die jungen Menschen zeigt sie Verständnis: «Die Jugend ist fröhlich und freier und hat weniger Angst.» Der Lockdown sei schwer für sie gewesen, doch auf Appelle, vorsichtig zu sein, würden die Jungen nun sicher hören, auch «weil sie die Senioren lieben», die sie nun gefährden könnten. Die Regierung hat bisher auf drastische Schritte verzichtet. Lediglich müssen alle Lokale nun um Mitternacht schliessen, Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen sind nicht erlaubt.

Keine Topdestination der Schweizer

Noch sieht es betreffend Schweizer Touristen jedoch gut aus für Kroatien. «Bisher merken wir noch nichts von den steigenden Fallzahlen», sagt eine Mediensprecherin des Reiseanbieters TUI Suisse. Auch Kuoni stelle keine abnehmenden Tendenzen fest, bestätigt ein Sprecher. Zu den Topdestinationen gehört Kroatien laut Angaben der Reiseanbieter derzeit ohnehin nicht, sondern Länder wie Griechenland, Spanien, Italien, Zypern oder die Türkei.

Infektiologin Alemka Markotić warnte jedoch vor dem Herbst. Im Sommer sei die Erkrankung leichter in Schach zu halten, 90 Prozent der Verläufe in Kroatien seien milde. Im Winter aber kämen weitere Infektionen dazu. Italien, Slowenien und Österreich sollten sich Gedanken um den Wintertourismus machen. «In Skigebieten wird die Situation viel riskanter sein.»

21 Kommentare
    Hans Klein

    Wie dumm ist die Frage " Wo warst du in Ferien "? Ferien sind nicht irgendwo, man geht nicht in die Ferien um diese zu finden, man hat sie einfach. Sind Ferien nicht, sich fern vom Arbeitsplatz halten und sich erholen ? Kann man nicht wie unsere Väter und Mütter nirgends verreisen und zu Hause bleiben ? Einfach so die Zeit über sich ergehen lassen ? Ohne braune Haut, ohne Stress, ohne im Restaurant anstehen, ohne um eine Liege kämpfen, ohne Stau . Ist das Erholung ? Sind das Ferien ?