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Kanon der QuarantäneBachs «Johannespassion»

Diese Musik erzählt von Schmerz, Erlösung, Wahrheit – an jedem Karfreitag wieder von neuem.

Bachs «Johannespassion» wurde am Karfreitag 1724 in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt.
Bachs «Johannespassion» wurde am Karfreitag 1724 in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt.
Foto: Ullstein via Getty Images

Ein Strom von Streicher-Sechzehnteln wälzt sich durch den Raum, Bläserlinien winden sich darüber. Und nachdem der Chor dreimal den Herrn angerufen hat, lässt auch er sich in diesen Sog hineinziehen, der einen zehn unendliche Minuten lang nicht mehr loslässt.

Wer den Eingangschor zu Johann Sebastian Bachs «Johannespassion» je gespielt oder gesungen hat, wird diese Erfahrung nie wieder vergessen. Es ist, selbst für nicht religiös ausgerichete Gemüter, eine Erfahrung von Grösse und Wahrheit, von Kraft und Demut. Von Schönheit, Schmerz, Erlösung. Von all dem, was in den zwei Stunden danach in der Passionsgeschichte erzählt wird.

Am Karfreitag 1724 wurde diese Musik erstmals aufgeführt, in einem Gottesdienst in der Leipziger Nikolaikirche. In den Jahren danach hat Bach das Werk immer wieder umgearbeitet, hat Arien gestrichen oder hinzugefügt, Texte umformuliert, Choräle ausgetauscht, die Instrumentation erweitert, dann doch wieder aufs Original zurückgegriffen. Geistliche Musik war Gebrauchsmusik damals, Bach war es sich gewohnt, seine Werke den jeweiligen Umständen anzupassen.

Ergreifend und schockierend zugleich

Dennoch scheint diese Musik für die Ewigkeit geschrieben. Sie hat romantische Bearbeitungen überlebt, auch diverse Eingriffe in die als judenfeindlich empfundenen Texte und endlose Diskussionen um die historisch korrekte Besetzung. Hört man sie, betritt man eine musikalische Kathedrale – und trifft darin auf Menschen, auf wütende, traurige, hoffnungsvolle, zweifelnde. Wer wissen will, wie ein Mob funktioniert, muss sich nur die Turba-Chöre anhören, in denen das Volk gegen Jesus hetzt.

Auch das macht Bachs Musik aus: Dass er das Niedrigste ebenso eindrücklich in Töne übersetzen konnte wie das Höchste. Er tat es in seinem ganz eigenen Stil, floskelfrei; nicht nur in der Todesszene klingt das ergreifend und schockierend zugleich.

Gleichzeitig fügte er sich in den Chorälen ohne jede Eitelkeit in die Tradition – und schloss das so radikal begonnene Werk mit einem aus heutiger Sicht ziemlich süsslichen «Ach Herr, lass dein lieb Engelein». Auch das gehört zu dieser «Johannespassion», die im Vergleich zu Bachs noch berühmterer «Matthäuspassion» als weniger perfekt und ausbalanciert gilt. Gerade deshalb ist sie umso wahrer.