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Hat der Pilot im letzten Moment noch den Aufstieg versucht?

So geschah wohl der Absturz der F/A-18 am Susten: Was sich aus dem Stand der Ermittlungen rekonstruieren lässt.

Erst neun Tage sind seit dem Flugzeugunglück im Sustengebiet vergangen, und schon verfügt die Öffentlichkeit über bemerkenswert detaillierte Informationen dazu. Die Militärjustiz lieferte am Dienstag an einer Pressekonferenz in Bern die Zwischenresultate ihrer Untersuchung, nachdem deren Essenz in verschiedenen Medienberichten der letzten Tage bereits vorweggenommen worden war. Die neuen Informationen betreffen in erster Linie den Funkverkehr zwischen dem Piloten der F/A-18-Maschine und den Fluglotsen. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen lässt sich für den Unglücksnachmittag des 29. August der folgende Ablauf rekonstruieren:

  • Kurz nach 16 Uhr startet eine Pa­trouille mit zwei einsitzigen F/A-18-Jets vom Flugplatz Meiringen BE aus zu einer Luftkampfübung. Wegen der starken Bewölkung folgt der 27-jährige Pilot der zweiten Maschine, dem Leader, mithilfe seines Bordradars; Sichtkontakt hat er keinen.
  • Aus noch unbekannten Gründen verliert der Pilot des zweiten Jets wenige Augenblicke nach dem Start die Radarverbindung zum Leader.
  • Wie es den Vorschriften in dieser Situation entspricht, kontaktiert der Pilot den Flugverkehrsleiter, der in der Regel nur mit dem Leader kommuniziert. Da sich die F/A-18 noch in der Startphase befindet, ist die von der Firma Skyguide betriebene Flugsicherung des Flugplatzes Meiringen zuständig. Der Pilot erbittet sich die Freigabe einer Flughöhe.
  • Der Flugverkehrsleiter in Meiringen – gemäss Angaben der Militärjustiz seit 2015 dort beschäftigt – ordnet eine Flughöhe von 10'000 Fuss an. Dies entspricht 3050 Meter über Meer. Gemäss Militärjustiz beträgt die sichere Mindestflughöhe für den betreffenden Startsektor 14'300 Fuss, also 4360 Meter über Meer. Weshalb der Skyguide-Mitarbeiter die zu tiefe Höhe übermittelt hat, wird den Richtern zufolge untersucht – ebenso die Reaktion des Piloten.
  • Gleich anschliessend an die möglicherweise verhängnisvolle Order übergibt der Lotse von Meiringen, wie standardmässig vorgesehen, die Verantwortung an die Flugsicherung in Dübendorf. Der Pilot stellt seine Frequenz entsprechend um.
  • Zwischen Dübendorf und dem F/A-18-Piloten kommt es laut Militärjustiz zu einem Funkkontakt. Zum Inhalt des Gesagten gaben die Richter gestern keine Informationen. Somit bleibt vorerst unklar, ob die Flugsicherung in Dübendorf die Gefahr erkannt und dem Piloten korrigierte Angaben zur Flughöhe ge­liefert hat.
  • Kurz darauf bricht der Funkkontakt zum Piloten ab. Wie sich später zeigt, ist der Kampfjet am Hinter Tierberg auf einer Höhe von 3300 Metern über Meer zerschellt. Der Pilot hat das Unglück nicht überlebt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er noch versucht hätte, den Schleudersitz zu betätigen.

Kein Hinweis auf Technikfehler

Die Indizien scheinen im Moment also auf die Fehlanordnung des Meiringer Lotsen als Unfall(mit-)ursache hinzudeuten. Zwar betonte Militärrichter Gionata Carmine, dass für den Flugverkehrsleiter die Unschuldsvermutung gelte, und Mediensprecher Tobias Kühne warnte vor «Vorverurteilungen». Mehrfach hoben die Vertreter der Behörde gestern auch hervor, dass derzeit in alle Richtungen ermittelt werde und niemand speziell im Fokus stehe. Allerdings halten sie in ihrem Communiqué auch fest, dass es «keine Hinweise auf technisches Ver­sagen» gebe. Bliebe also menschliches Versagen.

Unter den zu klärenden Fragen dürften vor allem zwei von Interesse sein. Erstens: Haben der Pilot oder die Dübendorfer Lotsen die Gefahr im letzten Moment noch realisiert? Einen Hinweis darauf gibt die Absturzstelle. Sie liegt auf 3300 Metern über Meer und damit 250 Meter über der Flughöhe, die der Flugverkehrsleiter in Meiringen anordnete. Normalerweise würde sich ein Pilot über eine solche Anweisung nicht hinwegsetzen. Er könnte im letzten Moment, womöglich aufgrund des Kontakts mit Dübendorf, den Aufstieg auf eine sichere Höhe versucht haben – freilich zu spät oder zu wenig konsequent.

Eine zweite bedeutsame Frage: War der Fluglotse eventuell desorientiert? Wäre der Pilot 180 Grad in die umgekehrte Richtung gestartet, hätten die angeordneten 3050 Meter über Meer dem Standardabflugverfahren entsprochen. Richter Carmine bestätigte dies gestern auf Nachfrage, wollte aber keine «Spekulation» über eine allfällige Verwechslung anstellen.

Zur Person des Flugverkehrsleiters lieferten die Behörden aus Datenschutzgründen nur wenige Angaben. Es handle sich um einen Fachmann mit zehnjähriger Erfahrung, der 2015 in seiner jetzigen Funktion lizenziert worden sei.

Gestern drückte überdies der Grosse Rat des Kantons Waadt der Familie des Piloten sein Beileid aus. Der Verunglückte war mit einem Mitglied des Kantonsparlaments verwandt.

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