«Wir stehen nahe am Durchbruch»

Amag-Chef Morten Hannesbo glaubt, dass in weniger als zehn Jahren jedes zweite von der Amag verkaufte Neufahrzeug rein elektrisch fahren wird.

«Desksharing» am Amag-Hauptsitz in Cham: Wenn Morten Hannesbo seinen Platz räumt, steht dieser als Sitzungszimmer zur Verfügung. Foto: PD

«Desksharing» am Amag-Hauptsitz in Cham: Wenn Morten Hannesbo seinen Platz räumt, steht dieser als Sitzungszimmer zur Verfügung. Foto: PD

Am 3. Januar 1945 übernahm Walter Haefner vom Konkursamt Riesbach die finanziell angeschlagene Amag Automobil- und Motoren AG und gründete die Neue Amag Automobil- und Motoren AG. Seine Vision: hochwertige Automobile in die Schweiz zu importieren. Die Kennzahlen damals: 59 Mitarbeiter und 1,7 Millionen Franken Umsatz.

75 Jahre später präsentierte Firmenchef Morten Hannesbo am vergangenen Freitag im neuen Hauptsitz der Amag Group AG in Cham die aktuellen Zahlen: 6641 Mitarbeitende erarbeiteten 2019 einen konsolidierten Umsatz von 4,7 Milliarden Franken. Damit stieg der – nicht ganz ernst gemeinte – Pro-Kopf-Umsatz der Mitarbeiter von 28'800 Franken (1945) auf 707'725 Franken im Vorjahr.

«2019 war für die Amag-Gruppe ein sehr gutes Jahr», bestätigte Hannesbo. «Mit 29,4 Prozent Marktanteil konnten unsere Marken wieder deutlich zulegen. Das ist in Anbetracht der angespannten Marktsituation, der verschärften CO‹sub›2‹/sub›-Ziele, der Umstrukturierung bei den Betrieben und des Umzugs des Hauptsitzes in die Zentralschweiz – von der Züglete war der Grossteil der Mitarbeitenden an den Amag-Standorten Schinznach-Bad, Buchs, Baden und Zürich betroffen – keine Selbstverständlichkeit. «Mit neuen Arbeitsformen und kurzen Entscheidungswegen wollen wir agiler werden», verspricht Hannesbo. «Und das spürt man bereits nach drei Monaten.»

Mobilitätskonzepte etabliert

Doch mit dem Umzug sollen nicht nur die Entscheidungswege verkürzt und die Steuern optimiert werden, sondern die Amag will auch eine neue Firmenkultur aufbauen. «Unsere Arbeitswelt formt unsere Kultur», heisst es im Guide zum neuen Hauptsitz «Helix»: «Deskharing bringt die Umstellung vom ‹Ich› zum ‹Wir› für alle Mitarbeitenden.» Keine Phrase, sondern konsequent umgesetzt: Wenn der Chef seinen Platz geräumt hat, steht auch dieser zur Verfügung – als Sitzungszimmer. «Immerhin habe ich gleich auf zwei Stockwerken einen Spind, in dem ich meine persönlichen Sachen aufbewahren kann», sagt Hannesbo lachend.

Aber auch sonst geht die Amag neue Wege: Am Hauptsitz sind drei verschiedene Car-Sharing-Optionen für Einsatzwagen vorhanden, die Pendler unter den Mitarbeitenden organisieren sich in der hauseigenen Car-Pooling-Plattform «Carployee», und für Kurzstrecken stehen in der Tiefgarage E-Bikes parat. Kostenlos, versteht sich. Wem das nicht reicht, der kann sich im hauseigenen Gym austoben oder Kurse (Yoga, Pilates etc.) von Mitarbeitenden besuchen. Und verpflegt wird im Personalrestaurant Timeout, «gekocht wird mit lokalen Produkten».

Hannesbo will die Amag zum führenden Dienstleister für Mobilität umbauen und setzt dabei auf Diversifizierung. 

Doch trotz Wohlfühlcharakter in den kahlen Büros sollen die Mitarbeiter im Helix nicht nur fit bleiben oder ihre Mitte finden, sondern auch dafür sorgen, dass die Amag ihre Ziele erreicht. «Die Branche ist im Umbruch. Neue Technologien, neue Mobilitätsbedürfnisse und die Digitalisierung verändern das klassische Automobilgeschäft», so Hannesbo, der trotzdem fordert: «Wir wollen der bevorzugte Mobilitätsdienstleister der Schweiz sein!»

Dabei verlässt sich die Amag nicht mehr nur auf den Import und Verkauf der Fahrzeuge der VW Group, sondern diversifiziert. «Im 2018 gegründeten Innovation & Venture Lab in Zürich werden digitale Transformationsprojekte und die Beteiligungen und Engagements in neuen Mobilitätsformen gebündelt», erklärt Hannesbo weiter.

Zu den ersten marktaktiven Ergebnissen gehört das Joint Venture «autoSense» mit Swisscom und Zurich-Versicherung: Der mobile Fahrzeugassistent wird heute in rund 40'000 Fahrzeugen eingesetzt. Seit Herbst 2019 bietet die Amag mit «Clyde» auch ein Abomodell für Autos an. «Bei Clyde können die Kunden ein Fahrzeug auf Monatsbasis mieten», erklärt Hannesbo. Zudem soll Clyde den risikofreien Einstieg in die Elektromobilität ermöglichen. «Der Nutzer kann für einige Monate ein Elektroauto fahren und Erfahrungen sammeln, bevor er ein Auto kauft.»

Das dritte Start-up «noviv» entwickelt nachhaltige Mobilitätskonzepte für Unternehmen und Immobilienverwalter. «Unser Lab hat spannende Lösungen entwickelt und neue Angebote rund um die Mobilität ausgearbeitet. Eine perfekte Erweiterung unserer bestehenden Produkte und Dienstleistungen», zeigt sich Hannesbo überzeugt.

Lade-Infrastruktur zu dürftig

Überzeugt ist der passionierte Rennvelofahrer auch von der Elektromobilität. «Wir stehen nahe am Durchbruch», so Hannesbo. «Aber noch nicht 2020. Denn leider ist die Lade-Infrastruktur in der Schweiz noch zu schlecht, und das ist vor allem für Mieter ein Problem.» Trotzdem ist er überzeugt, dass in weniger als 10 Jahren jedes zweite von der Amag verkaufte Neufahrzeug rein elektrisch fahren wird. Und welche Probleme muss der Chef kurzfristig lösen? «Die Sonne hält sich nicht an unsere Berechnungen», sagt Hannesbo. «Wir brauchen Vorhänge an unserem neuen Hauptsitz. Und Ständer für die Regenschirme.»

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