Kult-Autos

Der Volvo von Roger Moore

In der Detektivserie «Simon Templar» fuhr Roger Moore einen Volvo P 1800. Und der Schauspieler war auch privat von diesem Auto begeistert.

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Simon Templar war der Held einer beliebten Fernsehserie der Sechzigerjahre. Der oftmals unkonventionell agierende Serien-Detektiv, der wegen seiner Initialen «S. T.» auch «The Saint», also der Heilige, genannt wurde und der englischen Version der Serie damit den Namen gab (in Deutschland lief sie unter dem Namen «Simon Templar»), wurde vom Schauspieler Roger Moore verkörpert, und als Einsatzfahrzeug wählten die Fernsehmacher den Volvo P 1800. Fünf Fahrzeuge lieferte Volvo und verschaffte dem kompakten Sportwagen Publizität weit über Schweden und England hinaus. Roger Moore war so begeistert vom Volvo, dass er ihn auch privat nutzte. Und für Volvo war der Auftritt in der Fernsehserie günstige Werbung.

Konzipiert in Schweden, gebaut in England

Die Geschichte des Volvo P 1800 beginnt bereits 1956, als Helmer Petterson dem Volvo-Boss Gunnar Engellau vorschlug, einen «vernünftigen» Sportwagen zu bauen. Bereits ein Jahr später lagen mehrere Entwürfe vor, und ein Vorschlag von Frua machte das Rennen. Nun hatte Volvo aber keine Kapazitäten frei, um den Wagen selber zu fertigen, und es musste daher zuerst ein Karosseriebetrieb – Pressed Steel Co. – und ein Montagebetrieb – Jensen – gefunden werden, notabene in England. Wegen Streiks verzögerte sich der Serienstart weiter, sodass zwar bereits 1959/1960 Prototypen präsentiert werden konnten, das Auto aber erst 1961/1962 an die Kunden ausgeliefert wurde.

Designanleihen in Italien

Gezeichnet wurde der Volvo P 1800 von Per Petterson, der in Diensten von Pietro Frua arbeitete. Designelemente von Ferrari klangen an der Front an, das Heck war eigenständig. Insgesamt wirkte die ganze Karosserie etwas verspielt. Auf Fotos wirkt der Wagen oftmals nicht so attraktiv wie in Wirklichkeit, was Manfred Jantke 1962 in «Auto Motor und Sport» das Auto als «nicht fotogen» beschreiben liess. Dies hatte seine Ursache aber nicht darin, dass Fotograf Julius Weitmann bei den Aufnahmen beinahe von einem wegfliegenden Raddeckel getroffen worden wäre.

Auf Praktikabilität und Sicherheit getrimmt

Als 2+2-Sitzer mit grossem Kofferraum war der Volvo P 1800 auf den gut situierten sportlichen Fahrer ausgerichtet, der auch mal eine Golftasche transportieren musste. Bequeme Sitze und eine vollständige Ausstattung machten lange Reisen angenehm. Mit einem Wendekreis von 8,75/9,25 Metern war das Auto trotz beträchtlichen Aussendimensionen (4,4 Meter lang, 1,7 Meter breit, 1,28 Meter hoch) handlich zu fahren. Dreipunkt-Sicherheitsgurten gehörten zum hohen Standard.

Nicht ganz «bullet proof»

Schnell zeigte sich, dass der Volvo P 1800 nicht ganz die Qualitätsmerkmale seiner Brüder aus dem Volvo-Stall erreichte. Der Testwagen der «Automobil-Revue» – der 1962/1963 durchgeführte Langstreckentest wurde allerdings aus verschiedenen Gründen nie publiziert – zickte auf jeden Fall mit versagenden Schlössern, geräuschvoller Hinterachse, nicht staubsicherem Kofferraum und Wassereinfall. Die Testfahrer notierten, dass Volvo-Equipen durch das Land reisten, um die verkauften Volvo P 1800 abzudichten. Volvo reagierte auf die Probleme durch Verstärkung der Qualitätssicherung und 1963 mit der Übernahme der Produktion in die neue Fabrik in Torslanda in Schweden. Die Karosserien wurden allerdings weiterhin in England gefertigt und erreichten nicht den üblichen Volvo-Standard. Restauratoren haben denn auch damit zu kämpfen, dass kaum eine Ersatztüre auf Anhieb passt.

Eher zum Reisen als zum Rennen

Obschon als Sportwagen geplant, lässt sich der P 1800 eher dem Genre «Gran Turismo» zuordnen. Für den sportlichen Einsatz war die Federung zu weich, das Auto zu schwer und es fehlte an Leistung. Mit den von der «Automobil Revue» gemessenen 15,6 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h jedenfalls konnte man sich von der meist deutlich günstigeren Konkurrenz nicht absetzen, und auch die Höchstgeschwindigkeit von 166 km/h reichte am Stammtisch nicht für beeindruckte Blicke. Immerhin überzeugte die Bremsleistung. Mit 30,8 m zum Erreichen des Stillstandes aus 80 km/h setzte sich der AR-Volvo P 1800 wohltuend von Konkurrenten wie Alfa Romeo Giulietta Sprint oder Mercedes-Benz 190 SL ab. Die Zeitschrift «Auto Motor und Sport» liess den Volvo P 1800 S im Jahre 1963 gegen Alfa Romeo Giulia Sprint, Porsche S90 und MG B antreten. Der Volvo war dabei mit 1135 kg das schwerste Auto und preislich nur wenig günstiger als der teure Porsche, während der Alfa und besonders der MG deutlich weniger kosteten. Insgesamt hielt der Volvo aber ganz wacker mit, gewann die Fahrkomfort-Wertung und errang bei den Fahreigenschaften den zweiten Platz. Nur bezüglich Handlichkeit und Wendigkeit konnte der schwere Schwede nicht überzeugen. Im Verbrauch bewegten sich die Fahrzeuge auf ähnlichem Niveau, beim Volvo wurden pro 100 km 12,2 Liter Treibstoff nachgefüllt. Im Test der «Automobil Revue» hatte sich der leistungsmässig damals noch 6 PS schwächere Volvo nur 10,9 Liter genehmigt.

Der geheimnisumwobene DP 208

Im Jahre 1963 wurde ein Volvo P 1800 mit einem Vierzylinder-Versuchsmotor von Aston-Martin ausgerüstet. Dieser Aluminium-Motor wies einen Hubraum von 2499 cm3 auf und leistete mit zwei obenliegenden Nockenwellen 151 PS bei 5500 U/min. Mit diesem Motor waren rund 210 km/h Spitze und eine Beschleunigung von 0 bis 100 km/h in weniger als 9 Sekunden möglich. Volvo wollte das Projekt aber wegen fehlender Gewichtsvorteile des Aston-Motors nicht weiterverfolgen. Das Fahrzeug verschwand, der Motor kam später aber wieder zum Vorschein und wurde durch die Firma Roos in der Schweiz restauriert und wieder in einen P 1800 S eingebaut.

Kein offizielles Cabriolet

Während Volvo nie die Absicht hatte, den P 1800 als Cabriolet anzubieten, griffen Firmen wie die Harold Radford Coachbuilding Limited in England oder Volvoville in den USA zur Blechschere und öffneten die Coupés nachträglich. Man geht von kaum mehr als 20 Cabriolets aus, die auf diese Weise entstanden.

Ständig verbessert und lange produziert

Während seiner langen Bauzeit von 12 Jahren wurde der Volvo P 1800 immer wieder verbessert, die Motorleistung stieg von 100 auf 135 SAE-PS, die Vergaser wichen einer Einspritzanlage von Bosch, Stossstangen und Zierleisten änderten ihre Form. Insgesamt blieb er aber derselbe, die Karosserieform wurde weitgehend unverändert belassen, das Auto wurde einfach immer besser.

Trendsetter P 1800 ES

Eine grosse Neuerung gab es allerdings. 1971 wurde mit dem P 1800 ES eine neue Art Fahrzeug vorgestellt. Dieser hatte ein Kombiheck und grosse Glasflächen erhalten und verfügte nun über einen überaus einladenden Kofferraum. Doch auch dieses letzte Aufbäumen konnte das Ende der Produktion im Jahre 1973 nicht verhindern.

Ohne direkten Nachfolger

Der P 1800 hinterliess keinen Nachfolger. Es sollte noch bis in die Achtzigerjahre gehen, bis mit dem in den Niederlanden produzierten Volvo 480 ES ein Teil der P-1800-Gene wieder Eingang in einen Sportwagen fanden. Während vom P 1800 rund 38'000 Coupés und gut 8000 Sportkombis gebaut wurden, schaffte der Nachfolger in etwa die doppelte Zahl.

Als Oldtimer beliebt und wertvoll

Bei Oldtimer-Fans und Sammlern sind die Volvo P 1800 sehr beliebt, nicht nur wegen ihrer robusten Technik und der guten Teileversorgungslage, solange man nicht gerade Chromleisten oder andere relativ selten verbaute Spezialteile sucht. Die Form wirkt sympathisch und die Fahrzeuge sind breit einsetzbar, selbst gegen einen gelegentlichen Stau hat der langlebige Schwede nichts einzuwenden. Sehr gut erhaltene oder restaurierte Volvo-Coupés erreichen annähernd den doppelten Kaufpreis von damals und selbst restaurationsbedürftige Exemplare wechseln selten für weniger als 5000 Franken/Euro die Hand. Aber aufgepasst, Reparaturen am Blechkleid gehen ins Geld, sogar die Kotflügel waren angeschweisst, und die Karosserie hat dem Rost nicht immer widerstanden. Auch Reparaturen am Overdrive können aufwendig sein. Gut erhaltene Exemplare verwöhnen heutige Besitzer aber mit vergleichsweise tiefen Unterhalts- und Spritkosten, und die Motoren halten oft 300’000 und mehr km. Einen Volvo P 1800 zu finden, gleicht auch nicht der Suche einer Nadel im Heuhaufen, denn viele der über 40’000 Fahrzeuge haben überlebt, wenn auch ein erklecklicher Anteil in den USA.

Roger Moore hat seinen letzten mit Minilite-Felgen ausgerüsteten P 1800 S wohl irgendwann verkauft, aber er bedauert es sicher heute noch.

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Erstellt: 26.04.2011, 11:49 Uhr

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