Masse mit Klasse

Jubiläum in Stuttgart-Zuffenhausen: Der einmillionste Porsche 911 lief vom Band. Die Sportwagen-Ikone bestimmt noch immer das Markenimage.

Auch für Rennfahrer geeignet: Werbung für den Porsche 911 in den 60er-Jahren. Foto: PD

Auch für Rennfahrer geeignet: Werbung für den Porsche 911 in den 60er-Jahren. Foto: PD

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Wenn ein Regisseur in den ersten Minuten eines Films nur ein Auto über Landstrassen, durch Alleen und alte franzö­sische Dörfer schickt, wenn sich das dann hinzieht und sich die pathetische Titelmusik des Films dabei vermischt mit den röhrenden Motorgeräuschen, dann ist das schon ein Hinweis darauf, wer die eigentliche Hauptrolle spielt.

In der Eingangsszene des Rennfahrerdramas «Le Mans» von 1971 ist es ein dunkler Porsche 911 S. Dass mit Steve McQueen ein Schauspieler und Amateur-Rennfahrer am Steuer sass, war da wohl auch nicht ganz unwichtig.

Denn es war schon immer Teil dieser 911er-Geschichte, dass sich viele sehr unterschiedliche Menschen mit dem Sportwagen identifizieren konnten und auch darüber sprachen. Etwa Grossdirigent Herbert von Karajan oder eben King of Cool Steve McQueen. Die jungen und die alten Reichen, die Investmentbanker aus London, Frankfurt und Zürich und ungezählte Zahnärzte und dazu noch die weniger wohlhabenden Liebhaber und Schrauber, die ihr letztes Hemd für dieses Auto mit gezogener Haube und nach unten geschwungenem Heck hergegeben haben.

Ein Sportwagen für alle

Der beste Satz, der wahrscheinlich jemals über den 911er gesagt wurde, ist deshalb wohl dieser hier von Ferry Porsche, dem Sohn des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche: «Der 911 ist das einzige Auto, mit dem man von einer afrikanischen Safari nach Le Mans, dann ins Theater und anschliessend auf die Strassen von New York fahren kann.»

Wer einen 911er hat, braucht sich über Wiederverkaufswertein der Regel keine Sorgen zu machen.

Statt New York ginge natürlich auch jede grössere Strassenkreuzung in Zürich oder eine x-beliebige Passstrasse, für deren Kurven solch ein Elfer ja wie gemacht zu sein scheint. Der Porsche 911 ist, anders als die exklusivere Bolidenriege der Lamborghini oder Maserati, so etwas wie das Massenauto in der Sportwagenklasse. Kein Sportwagen verkaufte sich über einen so langen Zeitraum so oft wie der 911er. Er ist grösser und wuchtiger geworden in den fast 55 Jahren seiner Geschichte. Aber selbst wenn nach sieben Generationen am letzten Donnerstag in Stuttgart-Zuffenhausen der einmillionste 911er vom Band gelaufen ist: Er schaut noch immer ein bisschen so aus, wie ein 911er damals aussah.

911er war eine Zufallsbezeichnung

Wahrscheinlich wäre mit dieser Firma aus Baden-Württemberg einiges anders gelaufen, wenn nicht Ferry Porsches ältester Sohn Ferdinand Alexander Porsche, genannt Butzi, Anfang der 60er-Jahre nach einem Nachfolger für den Porsche 356 gesucht hätte. Der 911er, der erstmals bei der Frankfurter Automobilausstellung IAA am 12. September 1963 auf die Bühne gerollt wurde, war ein Auto mit sechs Zylindern und damals sagenhaften 130 PS sowie Platz für zwei Personen; plus zwei Notsitzen für zusätzliche Fahrgäste.

Butzi, ein Cousin des inzwischen entmachteten VW-Langzeit-Patriarchen Ferdinand Piëch, nannte seine Kreation damals 901er, zum 911er wurde er nur zufällig. Weil es damals schon einen Autobauer gab, der Autos mit einer Null in der Mitte verkaufte und sich diese Bezeichnung auch schützen liess, nämlich der französische Autobauer Peugeot, machte Porsche aus dem 901er den 911er. Auf eine Null und eine Eins mehr oder weniger kam es nicht an. Der nächste 911er hatte schon 160 PS, Anfang der 70er-Jahre kam man auf 190 PS bei einer Spitzengeschwindigkeit von 230 Kilometern pro Stunde. 1997 die grosse Revolution, als der Hersteller von Luft- auf Wasserkühlung umstellte. Plötzlich klang der Motor anders, und es gab Ärger mit den Fans, dabei kamen auf den Sportwagen noch ganz andere Veränderungen zu.

Heute sind Porsches mit Infotainment-Anwendungen und Touchplays ausgestattet, was man in Zuffenhausen «Porsche Communication Management» nennt. Ob ein 911er USB- und Bluetooth-Schnittstellen, AUX-Eingänge und SD-Kartenleser braucht? Alt-911er-Fahrer und Puristen würden dazu wohl sagen: Wozu brauch ich Infotainment? Ich fahre doch Auto. Andererseits gibt es Menschen, die fragen, ob solche Autos überhaupt noch ins 21. Jahrhundert passen. Ökologisch, sozial, und überhaupt. Wenn heute jemand «Porsche-Fahrer» genannt wird, ist das nicht immer unbedingt nett gemeint.

Vor allem Geländewagen

Aber auch sonst hat sich vieles verändert seit 1963. Porsche ist nicht mehr die eigenständige Sportwagenmarke von einst, sondern gehört inzwischen als zwölfte Marke zum VW-Konzern und ist hier mit seiner Umsatzrendite von 18,5 Prozent die grosse Gewinnschleuder. Dass es eigentlich die kleine feine Sportwagenschmiede aus dem Südwesten war, die vor ein paar Jahren zuerst den Volkswagen-Konzern schlucken wollte, gehört zu den eher kuriosen Episoden deutscher Wirtschaftsgeschichte.

Porsche ist längst mehr als nur der 911er; die Zuffenhausener verdienen ihr Geld vor allem auch mit Geländewagen wie dem Cayenne oder dem Macan. Fahrzeuge, die sich für ein Film-Opening mit Steve McQueen wahrscheinlich weniger eignen würden. Aber ein Grossteil der seit 1963 gebauten 911er ist immer noch irgendwo unterwegs, und wer einen hat, braucht sich, anders als bei anderen Autos, über Wiederverkaufswerte in der Regel keine Sorgen zu machen. McQueens 911 S aus «Le Mans» wurde vor einigen Jahren für 1,35 Millionen Dollar versteigert. Das mag auch an dem Vorbesitzer gelegen haben. Aber wahrscheinlich nicht nur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2017, 18:27 Uhr

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