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Rule, Britannia!

Mit dem «kleinen» Jaguar hat der britische Hersteller Grosses vor: Der neue XE soll das Establishment stürmen und zum meistverkauften Modell der Marke werden.

Elegantes Design, Leichtbau, effiziente Antriebe und moderne Assistenzsysteme: Der Jaguar XE soll zum meistverkauften Modell der Marke werden. Fotos: Jaguar
Elegantes Design, Leichtbau, effiziente Antriebe und moderne Assistenzsysteme: Der Jaguar XE soll zum meistverkauften Modell der Marke werden. Fotos: Jaguar

Keine Dekade ist es her, seit die Traditionsmarke in der Mittelklasse ihr Waterloo erlebte – ein dunkles Kapitel in der Jaguar-Geschichte. Die Raubkatze im Emblem, die elegante Formgebung, das noble Interieur waren eine Täuschung. Unter dem Blech steckte Ford-Technik, und für einen aufgemotzten Mondeo war der X-Type schlichtweg zu teuer. 2009, nach acht Baujahren und 350'000 verkauften Exemplaren, traten die Briten darum den Rückzug an.

Doch seit der Ford-Ära ist viel passiert. Unter indischer Tata-Herrschaft ist die Marke wieder erstarkt, und wenngleich es 2014 auf Schweizer Boden ein Minus von 30 Prozent einzustecken gab: Weltweit legte der Hersteller um sechs Prozent zu, verkaufte 81'570 Fahrzeuge und verzeichnete das beste Geschäftsjahr seit fast zehn Jahren – eine gute Ausgangslage, um einen erneuten Angriff auf jenes Gebiet zu wagen, das vom Triumvirat BMW 3er, Audi A4 und Mercedes C-Klasse beherrscht wird. Dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, sollen allein die Milliardeninvestitionen in neue Fertigungsanlagen und ein eigenes Motorenwerk sorgen.

«Ohne Kompromisse»

Die Operation XE startet im Juni. Noch sind die Jaguar-Truppen in der Vorbereitung, versuchen die Medien bei einer Vorab-Präsentation aber bereits auf ihre Seite zu holen. «Historischer Moment!», «Meilenstein!», «bahnbrechendes Modell! » und «entwickelt ohne Kompromisse! », lässt der Entwicklungschef Jon Darlington siegessicher verlauten. Die 4,67 Meter lange Limousine, die als erster Jaguar auf der modular aufgebauten Fahrzeugarchitektur des Konzerns aufbaut, besteht zu 75 Prozent aus Aluminium und drückt das Leergewicht auf bis zu 1474 Kilo; die Karosserie soll zudem extrem verwindungssteif sein. Mit der vorderen Doppelquerlenkerachse und hinteren Integral-Einzelradaufhängung ist vom «raffiniertesten Fahrwerk des Segments» die Rede, ebenso «Best in Class» sei die Geräuschdämmung.

Anders als zuvor stammen die Motoren nicht aus einem Bündnis: Die vier 4-Zylinder-Benziner und -Diesel der sogenannten Ingenium-Baureihe sind eine Eigenentwicklung, wobei der von Hand geschaltete 163-PS-Diesel einen CO2 von nur 99 Gramm verspricht – wichtig, um dem Schadstoff- Regime der EU nachzukommen. Einzig das Topmodell XE S wird von einem 340 PS starken V6-Kompressor befeuert, der bereits aus dem F-Type bekannt ist. «Ich betrachte den XE als unser jüngstes Sportmodell», meint Darlington dazu. Alles nur Parolen? Zeit, sich mit einem Schlüssel zu bewaffnen, den tief platzierten Fahrersitz zu besetzen und die Strasse ins Visier zu nehmen.

Mal friedlich, mal stürmisch

Beim Druck auf den Startknopf erklingt ein Donnergrollen. Dann beruhigt sich die Lage wieder. Man kann es friedlich angehen. Feststellen, dass das feindliche Schlagloch-Terrain dem Komfort nichts anhat und eine Mercedes-artige Ruhe geniessen – bevor es mit dem Sturm auf die BMW-Fahrfreude weitergeht. Wenn der Schalter im Mitteltunnel in den Dynamic Mode geschickt wird, ändert der XE S nämlich die Taktik. Das Fahrwerk wird straffer, die Gasannahme direkter, die 8-Gang-Automatik dreht die Gänge länger aus, und bis zu 450Newtonmeter fallen über die Hinterräder her. Die erste elektromechanische Lenkung des Herstellers erweist sich als feinfühliges Instrument, um die Sportlimousine präzis auf Spur zu halten; gezielte Bremseingriffe am kurven-inneren Rad halten die Kraft im Zaum.

Wer es darauf anlegt, der sprintet in 5,1 Sekunden auf Tempo 100 – mit furiosen Schlachtrufen aus der Doppelrohr-Auspuffanlage. Aber wie sagt doch der Engländer? «Nice to have.» An der Alltags- Front tut es auch der ab 45'500 Franken erhältliche 2-Liter-Diesel, der seine Kraft elegant zur Verfügung stellt. Und der Respekt des Volkes ist auch ihm gewiss. Ob die Schaulustigen den am grösseren XF orientierten XE tatsächlich als «bahnbrechendes Modell» erkennen, ist allerdings unklar – die grossen Augen könnten auch von den «Prototype»-Aufklebern herrühren. Diese Aufkleber erinnern denn auch daran, mit der Interieur- Verarbeitung nicht zu hart ins Gericht zu ziehen. Denn dort, wo derzeit noch ein Notbremshebel montiert ist, dürfte ab Marktstart vornehmeres Dekor zu sehen sein.

Zeitgemässe Assistenzsysteme

Mit fünf Motoren und fünf Ausstattungslinien ist der XE breit aufgestellt. Um Schweizer Berggebiet zu erobern, fehlt zwar noch der Allradantrieb, Abhilfe im Winter soll aber «All Surface Progress Control» schaffen, das bis zu 30 km/h automatisch Traktion aufbaut, ohne dass der Fahrer ein Pedal bedient. Hinzu kommt mit Laser-Head-up-Display, Totwinkelwarner, Parkassistent, Spurwechselwarne rund City-Notbremsassistent eine Heerschar von elektronischen Helfern – bislang Jaguars verwundbarste Stelle. Schneller und viel intuitiver lässt sich zudem der neue, Smartphone- kompatible 8-Zoll-Touchscreen bedienen. Ob die Briten etwas vergessen haben? Kaum. Sie scheinen alles richtig gemacht zu haben, um mit dem XE ein neues Kapitel aufzuschlagen, möglicherweise das ruhmreichste ihrer Geschichte. Absatzziele nennen sie keine, aber sie verraten, wo sie sich sehen: unter den Supermächten der Mittelklasse.

Nina Vetterli fuhr den Jaguar XE am 23./24. Januar auf Einladung der Jaguar Land Rover Schweiz AG in Portugal.

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