Das Spiel mit der Provokation

Der neue C-HR setzt auf Hybridantrieb und ein überraschend mutiges Design. Toyota ist überzeugt, dass der Crossover damit zum «Game Changer» wird.

Kompakt-SUV für Städter: Der Toyota C-HR ist wendig und – mit Hybridantrieb unter der Haube – extrem sparsam. Fotos: Toyota

Kompakt-SUV für Städter: Der Toyota C-HR ist wendig und – mit Hybridantrieb unter der Haube – extrem sparsam. Fotos: Toyota

Bis zum heutigen Tag bleibt es ein Rätsel, was damals vor sich ging, als sich die Nissan-Verantwortlichen zur Besprechung eines Mini-Crossovers trafen. Denkbar ist aber, dass der derjenige, der den Designentwurf zeigen sollte, versehentlich eine Manga-Zeichnung seines Sohnes präsentierte, worauf ein anderer «Soll das ein Witz sein?» respektive «Is this a joke?» rief, was ein Dritter wiederum als Modellname «Juke» verstand. Dann nahm die Geschichte ihren Lauf. Und die führte für viele Kritiker sodann zum nächsten Rätsel: nämlich über eine halbe Million Käufer seit 2010 und ein regelrechter Kultstatus.

Bei Toyota scheinen sie lange darüber gebrütet zu haben, denn bis sich die Verantwortlichen für eine Antwort entschieden, vergingen Jahre, und was bei diesem Treffen vor sich ging, weiss auch keiner so genau. Feststellen lässt sich aber, dass der auf Ende 2016 geplante C-HR ein ähnliches Spiel spielt wie der Juke: Statt Geländetauglichkeit vorzutäuschen, gibt er den urbanen Abenteurer, empfiehlt sich mit seiner platzkompromittierenden Coupé-Silhouette mehr als Accessoire denn Gebrauchsgegenstand und fordert den Betrachter dazu heraus, entweder in Begeisterung zu verfallen oder sich peinlich berührt abzuwenden.

Die exaltierte Optik mit schnippisch hochgezogener Nase, aufgesetzten Rückleuchten und unendlich vielen Kanten, Sicken, Falzen und Spoilern polarisiert. Und zwar bewusst, wie sie bei Toyota betonen.

Futuristisches Cockpit

Als geschickter Zug lässt es sich werten, dass der 4,36-Meter-Wagen den Juke um 23 Längenzentimeter überragt und damit eher gegen Nissan Qashqai und andere zurückhaltender designte Kompakt- SUV antritt. Seine 377 Ladeliter sind gewiss kein Kaufargument, und der Hersteller tut gut daran, die schlechte Rundumsicht im C-HR ab der zweiten Ausstattungsstufe mit einer Rückfahrkamera zu entschärfen, doch der Einstiegspreis ab 24'900 Franken ist sehr attraktiv, die Beinfreiheit im Fond überraschend gut und die Serienausrüstung mit Notbremssystem, Fussgängererkennung, Spurhalte- und Fernlichtassistent sowie Müdigkeitserkennung auf der Höhe der Zeit.

Das fahrerorientierte Cockpit mit freistehendem 8-Zoll-Display, farbigem Dekor und hochwertig anmutenden Materialien setzt – weg von der Plastik-Tristesse, hin zu einem futuristischen Ambiente – für Toyota sogar neue Massstäbe und gibt bei der Bedienung keine Rätsel auf. Bloss die Hinterbänkler kommen wohl ins Grübeln: Wo ist der Türgriff? Aha, unter dem Dach versteckt. Und was soll man in der dunklen Höhle von einem Fond? Na schön, blinde Kuh spielen. Verträumt aus dem Fenster zu blicken, macht jedenfalls keinen Spass, wenn man sich wegen der sichtversperrenden C-Säule vorlehnen muss.

Sparspass garantiert

Spass soll der rund 1,4 Tonnen wiegende 5-Türer denn vor allem dem Fahrer bereiten. Wobei es bei jener ab 31'900 Franken erhältlichen Motorisierung, die hierzulande gut die Hälfte ausmachen soll, vor allem um Sparspass geht. Mit dem Hybridantrieb aus dem aktuellen Prius verspricht der C-HR nämlich einen Durchschnittsverbrauch, der je nach Rädergrösse zwischen 3,6 und 3,8 Liter variiert. Das Zusammenspiel von 1,8-Liter-Benziner und E-Motor erfolgt dabei harmonisch, die Gesamtleistung von 122 PS sorgt für ein gutes Vorankommen, und wen die recht hohen Windgeräusche und zwar dezente, nach wie vor aber gewöhnungsbedürftige Akustik des stufenlosen Getriebes stört, ordert einfach für 2200 Franken die JBL-Audioanlage mit 576-Watt-Verstärker und neun Lautsprechern.

Als Alternative gibt es den aus dem Auris bekannten, durchaus lebendigen 1,2-Liter-Turbo mit 116 PS, der entweder manuell geschaltet mit Frontantrieb oder – ausschliesslich in Kombination mit stufenlosem Getriebe und darum vorzugsweise auch mit besagtem Audiosystem – als Allradler (ab 32 500 Franken) vorfährt. Im einen wie im anderen Fall lässt sich der Toyota C-HR dank agilem Handling und einem relativ tiefen Schwerpunkt freudvoll durch den Stadtverkehr bugsieren und wartet mit einem gut abgestimmten Fahrwerk auf, das alle Strassenunebenheiten sehr geschickt wegbügelt.

100'000 Stück in Europa

Bleibt also nur noch das Rätsel, was damals vor sich ging, als sich die Verantwortlichen für den Namen «Coupé High-Rider», kurz C-HR, entschieden. Beim Ratespiel, von welcher Marke das Kürzel stammt, dürften viele nämlich auf Honda tippen. Gut möglich ausserdem, dass der Schweizer Kunde an einen Witz glaubt, wenn der Händler wie vom Werk angewiesen vom «Sii-Äitsch- Aar» spricht.

Ob die Geschichte dennoch ihren Lauf nehmen wird, ist für Kommunikationschef Fabio Capano aber keine Frage. Er sieht den Crossover nicht als Nischen-, sondern Kernmodell und will allein in Europa jährlich 100'000 Stück verkaufen, davon 2550 in der Schweiz, was doppelt so viel ist, wie Nissan 2015 vom Juke absetzte. Im Visier: «Kunden, die wissen, was cool ist.» Solche vor allem, die bislang keinen Toyota fuhren. Der C-HR – und somit ist es mit der Spielterminologie nicht weit hergeholt – werde ein «Game Changer» sein, ist Capano überzeugt.

Nina Vetterli fuhr den neuen Toyota C-HR vom 31. Oktober bis 1. November auf Einladung der Toyota AG Schweiz in Spanien.

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