Nach allen Regeln der Fahrspass-Kunst

Der neue Honda Civic Type R ist der radikalste aller Kompaktsportwagen. Das Design kann man mögen oder nicht, aber das Fahrverhalten muss man einfach lieben.

Mit dem schnellsten serienmässigen Fronttriebler kann man die teurere Konkurrenz demütigen. Foto: Honda

Mit dem schnellsten serienmässigen Fronttriebler kann man die teurere Konkurrenz demütigen. Foto: Honda

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Die hohe Kunst des Autojournalismus, so behauptete ein befreundeter Berufskollege, bestehe im Identifikationsvermögen mit der potenziellen Zielgruppe. In meinem Bestreben, diese Kunst zu erlernen, betrachte ich den mit Spoilern, Schürzen, Schwellern, Sicken, Kanten und Finnen übersäten Honda ­Civic Type R daher nicht etwa mit einem kunstwidrigen Stirnrunzeln. Nein, ich schlüpfe in die Rolle eines wahrscheinlich jungen, männlichen, von der Filmreihe «Fast & Furious» begeisterten Sportwagenfans und finde: Geil! Geiler als die nüchterne europäische Konkurrenz! Geiler sogar als der UFO-artige Vorgänger, der nur zwei Jahre lang gebaut wurde, weil er erst gegen Ende der neunten Civic-Generation erschien, während der neue parallel zur zehnten entwickelt wurde.

Form follows function

Und jedem, der die aerodynamischen Anbauteile peinlich schimpft, sage ich: Dude, schon mal was von «form follows function» gehört? Der japanische Kompaktwagen ist immerhin der einzige in seinem Segment, der echten Abtrieb ­generiert! Oder ich verweise auf die 7:43,8 Minuten auf der Nordschleife des Nürburgring. Denn mit dieser Rundenzeit ist der um 10 auf 320 PS erstarkte ­Civic Type R sieben Sekunden schneller als zuvor, und der schnellste serienmässige Fronttriebler überhaupt.

Wie man auch den Anstieg des Norm­verbrauchs von 7,3 auf 7,7 Liter, das nervenaufreibend umständliche Infotainment-System oder die billig wirkenden Schalter in einem ansonsten recht anständig verarbeiteten Cockpit gut finden könnte, übersteigt leider mein Vorstellungsvermögen. Aber als wahrscheinlich junger, männlicher und nicht gerade millionenschwerer Sportwagenfan kommt es mir wohl eher auf das Preis-Leistungsverhältnis an. Immerhin gibt es ab 37'300 Franken einen 4,56 Meter langen Fünftürer mit potentem Zweiliter-Turbo und ernstzunehmender Sportausrüstung, aber auch modernen Assistenzsystemen, überraschend viel Platz in der zweiten Sitzreihe und bis zu 1209 Ladelitern. Und immerhin kann ich bei 272 km/h auf der deutschen Autobahn weit stärkere, teurere Benzen und Beamers demütigen.

Natürlich hat der Type R konstruktionsbedingte Grenzen. Den prestigeträchtigen Null-auf-100-Sprint beispielsweise schafft die vergleichbar starke Konkurrenz dank Allradantrieb und Doppelkupplungsgetriebe in unter 5,8 Sekunden. Aber ein automatisiertes Getriebe würde zu dem Auto nicht passen, so die Honda-Ingenieure. Und jedem, der behauptet, der japanische 1380-Kilogramm-Sportler bringe sein ab 2500 Touren anliegendes, maximales Drehmoment von 400 Newtonmeter nicht sauber auf die Strasse und bleibe beim Bremsen nicht stabil, sage ich: Dude, schon mal was von einer verbreiterten Spur und optimierter Karosseriesteifigkeit gehört? Von einer Doppellenker-Vorder- und Mehrlenker-Hinterachse? Von einem mechanischen Sperrdifferenzial? Von Torque-Vectoring-Bremseingriffen an den kurveninneren Rädern? Oder von speziell angefertigten Continental-Reifen mit gutem Grip? Mir vorzustellen, dass mich der Honda Civic Type R während der Fahrt überzeugt, ist jedenfalls keine Kunst – weder im Stadtverkehr, wo der neue Comfort-Modus für eine leichtgängige Lenkung und eine einigermassen kommode Dämpferabstimmung sorgt, noch auf der Landstrasse im standardmässig straffen Sport-Modus. Und schon gar nicht auf einer Rennstrecke wie dem Lausitzring!

Zugegeben, im schärfsten +R-Modus werden die Dämpfer übertrieben unnachgiebig und trotz des auffälligen, laut Hersteller unerwünschte Frequenzen unterdrückenden Auspuff-Trios klingt der Vierzylinder verhalten. Aber als wahrscheinlich junger, männlicher Sportwagenfan gefährde ich wohl noch nicht allzu viele Zahnplomben und habe keinen Hörschaden, der einen lauteren Motorsound rechtfertigen würde.

Man denkt nur: geil!

Und wie der Motor blitzschnell hochdreht, wie die Lenkung weitgehend frei von Antriebseinflüssen bleibt, die Reifen trotz der ungünstigen Gewichtsverteilung zugunsten der Vorderachse Seitenführungskräfte aufbauen, ja wie die schlanken Sportsitze mit Seitenhalt brillieren und sich das mit einer Zwischengasfunktion versehene, knackige Handschaltgetriebe mit extrem kurzen Schaltwegen bedienen lässt – da denke ich sowieso nicht über Zähne oder Ohren nach. Ich denke nur: Geil. Und bin dann plötzlich etwas verwirrt. Denn war das nun ein wahrscheinlich junges, männliches Sportwagenfan-«Geil» oder aber ein kunstwidriges Autojournalisten-«Geil»? Die hohe Kunst des Automobilbaus, so werde ich dem befreundeten Kollegen das nächste Mal mitteilen, besteht darin, dass man sich mit der potenziellen Zielgruppe gar nicht erst identifizieren muss.

Nina Vetterli fuhr den neuen Honda Civic Type R auf Einladung von Honda Suisse in Deutschland. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 14:59 Uhr

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Modell: 5-türiger Kompaktsportwagen mit 5 Plätzen

Masse: Länge 4557 mm, Breite 1877 mm, Höhe 1434 mm, Radstand 2699 mm

Kofferraum: 420-1209 Liter

Motor: 2,0-Liter-4-Zylinder-Turbo mit 320 PS (235 kW).

Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 5,8 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 272 km/h

Verbrauch: 7,7 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe)

CO2-Ausstoss: 176 Gramm pro Kilometer

Markteinführung: ab September 2017

Preis: ab 37'300 Franken

Infos: www.honda.ch


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