Allzeit bereit

Porsche hat den Cayenne S in seiner Neuauflage mit viel Hightech derart perfektioniert, dass er nunmehr auch als Offroader, Sportwagen und Reiselimousine in einem gelten kann.

Mit vier Geländeprogrammen hält der Cayenne S für jeden Untergrund den richtigen Antrieb bereit. Foto: Manuel Hollenbach

Mit vier Geländeprogrammen hält der Cayenne S für jeden Untergrund den richtigen Antrieb bereit. Foto: Manuel Hollenbach

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Angenommen, die Eiszeit wäre zurückgekehrt. Alles würde unter einer weissen Decke schlummern. Alles, bis auf den neuen, gegenüber dem Vorgänger um 20 auf 440 PS erstarkten, bis zu 265 km/h schnellen Cayenne S, der laut Porsche auch ein Offroader ist – und das wütende Mammut, das hinter ihm her wäre. Würde man in kalten Angstschweiss ausbrechen, wenn der Fluchtweg statt über die deutsche Autobahn über einen schwindelerregend steilen Schneehang verliefe? Nein. Denn erstens fände sich in der schönen, wenngleich fingerabdruckgefährdeten Black-Panel-Bedieneinheit unterhalb des 12,3-Zoll-Touchscreens ein Regler zur Erhöhung der Innenraumtemperatur. Und zweitens eine leise klickende Sensortaste, um aus vier Geländeprogrammen den Modus «Sand» auszuwählen.

Antrieb, Fahrwerk und Sperren wären damit auf den losen Untergrund angepasst und die 4,92-Meter-Karosserie dank optionaler 3-Kammer-Luftfederung um einige Millimeter angehoben. Man würde souverän hinauf- und mittels Bergabfahrhilfe kontrolliert wieder hinabfahren. Kein bäriges Dieseldrehmoment vermissen. Nicht darüber fluchen, dass der Hersteller infolge eines Skandals vorläufig auf Selbstzünder verzichtet. Man wäre komplett zufrieden mit den vollvariabel zwischen den Achsen verteilten 550 Nm des zweitstärksten V6-Benzi­ners. Das zwar wütende, aber auch träge Mammut sähe das neu gestaltete Heck mit dem LED-Leuchtband hinter dem Hügel verschwinden.

Nützliche Optionenpakete

Dieselbe Eiszeit, leicht anderes Szenario auf einer weiten Ebene. Alles würde unter einer weissen Decke schlummern. Alles, bis auf den neuen, gegenüber dem Vorgänger zwar um bis zu 65 Kilo abgespeckten, allerdings immer noch gut zwei Tonnen schweren Cayenne S, der laut Porsche auch ein Sportwagen ist – umzingelt von Mammut, Säbelzahntiger, Wollnashorn, Höhlenbär und Riesenhirsch. Würde man die Konfrontation suchen? Nein. Denn erstens hinge man am Lack seines über 121 700-fränkigen Nobelgefährts. Zweitens fände sich auf dem Black Panel auch eine Sensortaste zum Deaktivieren des ESP. Mit einem Büffeltritt auf die Bremse zwänge man den hecklastigen Allradler zum Übersteuern. Würde blitzschnell gegenlenken und bliebe auf dem Gas, damit sich die Vorderräder weiter durch den Schnee schaufelten.

Man würde so leichtfüssig, so spielerisch, ja geradezu 911er-like im Kreis herumdriften, dass Mammut, Säbelzahntiger, Wollnashorn, Höhlenbär und Riesenhirsch in der riesigen weissen Wolke die Orientierung verlören und den Rückzug anträten. Oder so ähnlich.

Und das liesse sich jetzt beliebig weiterspinnen. Beispielsweise nach Ende der Eiszeit in einem Renneinsatz. Würde man sich gegen die leichtere, windschlüpfrigere Konkurrenz blamieren? Nein. Zumindest dann nicht, wenn man erstens alles an Bord hätte, was die Optionenliste zu bieten hat – vom Sport-Chrono-Paket mit Sport-Plus-Modus über die agilitäts- und stabilitätsfördernde Hinterachslenkung bis hin zur Mischbereifung und elektromechanischen Wankstabilisierung. Und zweitens würde es natürlich nicht schaden, anstelle des Cayenne S den Cayenne Turbo mit 550-PS-V8 sowie das Talent von Walter Röhrl oder sonst einer Rennfahrerlegende zu haben. Wagenladungen von Geld brächte einem der Sieg ein, sodass man dankbar für den um 100 auf 770 Liter vergrösserten Kofferraum wäre.

Unzählige Groupies, von denen man die attraktivsten vier mitnehmen würde. Und einen Pokal, so gross und schwer, dass man dafür einen Anhänger brauchte und somit froh wäre, dass Porsche bei seinem SUV nach wie vor ein geeignetes Automatik- statt ein Doppelkupplungsgetriebe verbaut.

Die höchste Form von Luxus

Ja, all das kann einem schon mal durch den Kopf gehen – während man im neuen, gegenüber dem Vorgänger effizienteren Cayenne S im komfortablen Normal-Modus zur Arbeit fährt und allenfalls von Features wie dem Navi mit Echtzeitverkehrsinformation, Stau- Park- und Spurwechselassistent Gebrauch macht.

Und das ist nicht zynisch gemeint. Im Gegenteil. Was vor 16 Jahren, zwei Modellgenerationen und fast 800'000 verkauften Exemplaren mit einem Kompromiss begonnen haben mochte, ist spätestens jetzt, in der dritten Generation des Bestsellers, zu einem glaubwürdigen Konjunktiv geworden. Gibt es ein Porsche-Modell, überhaupt ein anderes Auto, das dieses Man-könnte-wenn-man-wollte-Spiel besser beherrscht?

Müssen tut hier niemand etwas. Mehr noch als die feinen Materialien im Interieur stellen die theoretischen Möglichkeiten schliesslich einen Luxus dar – vielleicht in seiner höchsten Form. Porsche hat sie erprobt, weiterentwickelt und mit derart viel Hightech perfektioniert, dass der Weg in den Indikativ, ins wahre Leben so einfach wäre. Oder, wie sich in den eingangs geschilderten Situationen minus Mammut, Säbelzahntiger und Co. erfahren liess: auch tatsächlich ist.

* Nina Vetterli fuhr den neuen Porsche Cayenne am 26. Februar auf Einladung der Porsche Schweiz AG in der Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2018, 17:26 Uhr

Porsche Cayenne S

Allrounder auf der Höhe der Zeit

Modell: 5-türiger SUV mit 5 Plätzen

Masse: Länge 4918 mm, Breite 1983 mm, Höhe 1696 mm, Radstand 2895 mm

Kofferraum: 770–1710 Liter.

Motor: 2,9-Liter-V6-Biturbo mit 440 PS (324 kW) und bis zu 550 Nm.

Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 5,2 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 265 km/h.

Verbrauch: 9,2–9,4 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe)

CO²-Ausstoss: 209–213 Gramm pro Kilometer

Markteinführung: Ab sofort

Preis: Ab 121'700 Franken (Basismodell ab 99'300 Fr.)

Infos: www.porsche.ch

Artikel zum Thema

Ein BMW für SUV-Einsteiger

Die Bayern erweitern 2018 ihr SUV-Angebot um zwei neue Modellreihen. Ab März buhlt der trendige X2 vor allem um junge Kunden, Ende Jahr folgt der X7. Mehr...

Range Rover zuckelt in die Zukunft

Mit dem PHEV als Plug-in-Hybrid drücken die Briten den CO2-Ausstoss auf dem Papier auf politisch korrekte 64 Gramm pro Kilometer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Bildungsreise
Wettermacher Der Name der Hose

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...