Wo Trump auftaucht, hinterlässt er Kleinholz

Der US-Präsident macht in Europa das, was er am besten kann: Alte Regeln brechen. Das hat mit seinem Weltbild zu tun.

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In Washington wurde in den vergangenen Tagen ernsthaft eine Frage diskutiert: Hat der Präsident das Recht, einseitig den Austritt der USA aus der Nato zu beschliessen? Oder muss der Kongress zustimmen, der auch den Beitritt ratifiziert hat? Es war eine typische Washingtoner Debatte: Juristen wurden befragt, Politiker, pensionierte Diplomaten. Die einen sagten Ja, die anderen sagten Nein. Anders ausgedrückt: Es war eine Debatte über die Regeln, die in der Politik gelten sollen.

Der Anlass dieser Debatte freilich war ein Regelbruch durch einen Mann, der sich um Regeln nicht schert, mehr noch, der das Brechen von Regeln zum Prinzip gemacht hat – Donald Trump. Beispiel Nato: Der Präsident beschimpfte die Verbündeten beim Gipfeltreffen der Allianz öffentlich, er warf mit falschen Zahlen um sich und drohte den Europäern damit, dass Amerika auch sein «eigenes Ding» machen könne. Beispiel Grossbritannien: In einem Interview trat Trump seiner britischen Kollegin Theresa May, kurz bevor die ihn zum Galadinner empfing, in die Kniekehle. May habe den Brexit verbockt, so Trump, ihr Rivale Boris Johnson würde doch eigentlich einen «grossartigen Premierminister» abgeben.

Das bisherige Fazit von Trumps Europareise: Wo der Amerikaner auftauchte, hinterliess er Kleinholz. Und das Bemerkenswerteste daran ist: Er tat das mit voller Absicht. Dass Trumps Besuche bei der Nato und in Grossbritannien zu Desastern wurden, war nicht schlechter Vorbereitung geschuldet. Trump wollte Krawall schlagen. Er wollte die Regeln brechen, die einem US-Präsidenten eigentlich ein völlig anderes Benehmen vorschreiben, wenn der Amerikas Partner trifft.

«Das Chaos ist der Zweck»

Was treibt Trump zu diesem Verhalten? Diese Frage treibt Europäer wie Amerikaner gleichermassen um. Ein Teil der Antwort liegt ganz einfach darin, wie Trump mit Geschäftspartnern – und als solche sieht er die Staats- und Regierungschefs, mit denen er zu tun hat – umgeht. «Trump mag es, Leute aus dem Gleichgewicht zu bringen», sagt eine Person, die im Weissen Haus arbeitet. «Das Chaos, das er veranstaltet, ist kein Mittel. Es ist der Zweck.»

Ein weiterer Teil der Antwort liegt in Trumps Weltbild. Der Präsident hat nicht viele feste Überzeugungen, gelegentlich ändert er seine Meinung zu einem bestimmten Thema mehrmals am Tag. Aber von einer Idee ist Trump seit Jahrzehnten geradezu besessen – dass die Verbündeten der USA in Wahrheit nur Schmarotzer sind, die Amerika ausnutzen. Freunde, Partner oder Alliierte im politischen Sinn gibt es in diesem Weltbild nicht, sondern nur Länder, die geschickt genug waren, sich bei früheren Präsidenten einzuschmeicheln, um die Vereinigten Staaten dann über den Tisch zu ziehen.

Video - Trump wird beim Golfen ausgebuht

Hunderte demonstrierten vor dem Golf-Resort des US-Präsidenten im schottischen Turnberry Video: AFP/Tamedia

Das beste Beispiel für diese Sicht sind Trumps ständige Klagen über die Deutschen. So wie der Präsident es sieht, lässt sich Deutschland seinen militärischen Schutz via Nato von amerikanischen Bürgern bezahlen, zugleich exportiert es massenhaft Waren in die USA und raubt eben diesen Bürgern die Arbeitsplätze. Und dann hat Berlin noch die Impertinenz, Milliarden an Russland für Gaslieferungen zu zahlen, an das Land also, vor dem die USA Deutschland auf ihre Kosten schützen.

Diese Sichtweise, die in grossen Teilen, aber eben nicht in Gänze falsch ist, beeinflusst sowohl Trumps Handels- als auch seine Sicherheitspolitik erheblich. Sie ist der Grund, warum Trump immer wieder wütend sagt, die Zeit, in der Amerika «das Sparschwein der Welt» war, sei vorbei; und warum er ständig von «Fairness» und «Reziprozität» in den internationalen Beziehungen spricht. Trump bemisst den Wert, den ein Land als Bündnispartner für die USA hat, anhand von zwei Kennziffern: der Handelsbilanz mit Amerika und der Verteidigungsausgaben. Fallen diese nicht zu seiner Zufriedenheit aus, dann gibt es ein Problem.

Sieg vs Vertrauensverlust

Das ist ein Bruch mit allen Regeln, nach denen Amerikas Politik gegenüber Europa seit dem Zweiten Weltkrieg funktioniert hat. Und es gibt in Washington immer noch sehr viele traditionell gesinnte Politiker, die mit Schrecken sehen, wie der Präsident die älteste und wichtigste Allianz der USA untergräbt.

Aber Trumps Anhänger und die ihm hörigen konservativen Medien klatschen dem Präsidenten laut Beifall. Der Tenor der Berichterstattung über Trumps Auftritt bei der Nato war in diesen Kreisen durchaus positiv: Endlich zeige ein US-Präsident mal Führungsstärke, hiess es, endlich zwingt mal jemand die Europäer dazu, selbst etwas für ihre Verteidigung zu tun. Selbst die linksliberale New York Times kam am Freitag zu dem Schluss, dass Trump bei der Nato erreicht habe, worum sein Vorgänger Barack Obama immer nur vergebens bat – eine deutliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Dass die USA für diesen Sieg mit einem erheblichen Vertrauensverlust in Europa bezahlt haben, fiel unter den Tisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2018, 21:03 Uhr

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