«Wir waren naiv – es gibt keine erfolgreichen Revolutionen»

Trotz der Aufkündigung des Atomabkommens werde es nicht zur Eskalation zwischen den USA und dem Iran kommen, sagt der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan.

Der Autor Amir Hassan Cheheltan schätzt die Widerborstigkeit des iranischen Volkes.

Der Autor Amir Hassan Cheheltan schätzt die Widerborstigkeit des iranischen Volkes. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Cheheltan, Sie waren während der iranischen Revolution vor bald vierzig Jahren ein junger Mann. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Als Student und leidenschaftlicher Leser von Belletristik aus aller Welt lebte ich unter dem Schah-Regime in ständiger Angst. Viele Bücher und Schriften der Opposition waren verboten. Es waren aber gerade diese Bücher und Schriften, die mich faszinierten. Die Revolution brachte für mich ein Ende dieser Angst. Für einige Monate erlebte ich die glücklichste Zeit meines Lebens.

Die Mullahs haben aber bereits in einer sehr frühen Phase der Revolution die Macht an sich gerissen. Wieso war das eine glückliche Zeit?
Bereits vor der Rückkehr Ayatollah Khomeinis aus dem Pariser Exil hat man in Schriftstellerkreisen realisiert, dass wir wohl erneut mit einem autoritären Regime konfrontiert würden. Das hat mich beunruhigt. Aber am Anfang der Revolution war ich mir dessen noch nicht richtig bewusst.

Wie denken Sie heute über die Revolution?
Ich glaube nicht mehr an Revolutionen. Es gibt keine erfolgreichen Revolutionen. Der Begriff ist ein Widerspruch in sich. Eine Gesellschaft kann nicht über Nacht geändert werden, das geht nur Schritt für Schritt. Demokratie entsteht nicht aus dem Nichts, sie entwickelt sich aus einer nicht-autoritären Phase, in der sich eine Zivilgesellschaft artikulieren kann. Wir waren damals aber sehr naiv.

Was geschah mit all den linken Studenten und den übrigen laizistischen Kräften der Revolution?
Was geschieht bei einer Explosion? Einige Leute werden getötet, andere werden verletzt und bleiben geschädigt. Und wieder anderen gelingt es zu entwischen.

Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Ich war und bin unabhängig. Zum Zeitpunkt der Revolution hatte ich bereits zwei Bücher publiziert, das letzte kurz vor dem Sturz des Schahs. Viele politische Gruppen wollten mich für sich gewinnen. Aber ich wollte nichts mit Religion zu tun haben und hatte wenig Ahnung von Marxismus. Ich wollte schreiben.

«Der Anti-Amerikanismus ist wie eine Sucht für die Mullahs. Damit bringen sie die Massen hinter sich.»

Anlässlich der letzten Unruhen im Iran Ende 2017 sagten Sie, dass Revolten nichts brächten. Was denn sonst?
Reformen. Es brauchte ein Referendum im Iran, um die undemokratischen Elemente der Verfassung zu ändern. Undemokratisch ist zum Beispiel die Rolle der Führung. Ich glaube an die Gewaltentrennung.

Glauben Sie, dass das Regime zu einem solchen Schritt bereit sein wird?
Wenn es genug Druck von unten gibt, ist alles möglich. Leider gibt es aber auch beängstigende Szenarien, wenn man an all die Länder im Nahen und Mittleren Osten denkt, die nicht wirklich über funktionsfähige Regierungen verfügen. Denkbar ist auch ein Militärputsch.

Was bewirken die von US-Präsident Donald Trump verhängten Sanktionen?
Sie verschlimmern die Lage der Menschen zusätzlich. Es gibt einen Mangel an Medikamenten. Die Inflation ist enorm, die Arbeitslosigkeit steigt. Wenn die USA wirklich etwas für die Menschen im Iran machen möchten, müssten sie die Missachtung der Menschenrechte international zum Thema machen. Mit den Sanktionen wird nur die Regierung gestärkt. Teile der Regierung freuen sich gar darüber, weil dadurch der Schwarzmarkt gestärkt wird, von dem sie profitieren.

Vielleicht wollen die USA Unruhen provozieren. Ihr Vater sagt in Ihren Erinnerungen «Der standhafte Papagei», dass Unruhen Teil der Normalität im Iran seien. Teilen Sie diese Ansicht?
Seit der konstitutionellen Revolution im Jahre 1906 steckt der Iran in einer Art Dauerkrise. Wir hatten sehr früh eine liberale Verfassung und ein Parlament sowie Gewaltentrennung. Aber bereits kurz danach wurde die Verfassung geschwächt. Eine Phase der Halbfreiheit gab es nurmehr 1951 bis 1953 unter Mohammad Mossadegh, der vom CIA gestürzt wurde. Und während einiger Monate während der iranischen Revolution 1979.

Die Revolution endete mit der Geiselnahme in der US-Botschaft. Sie schreiben, diese hätte die Menschen abgelenkt wie ein «lang anhaltendes Lachen». Wovon denn abgelenkt?
Die Leute waren glücklich, als die Botschaft besetzt wurde. Alle linken, radikalen und demokratischen Gruppen und auch die breite Masse teilten Khomeinis Ansicht über die USA. Alle haben gefeiert.

War die Besetzung eine List der Mullahs, um alle Gruppen hinter sich zu scharen?
Dem war wohl so. Es gab eine Art Wettkampf zwischen den linken Gruppen und den Mullahs, wer die radikalsten Anti-Amerikaner sind.

Und die Mullahs spielen die Rolle der Anti-Amerikaner bis heute?
Ja, der Anti-Amerikanismus ist wie eine Sucht für sie. Damit können sie die Massen in den arabischen Ländern bis heute hinter sich bringen. Im Libanon, in Syrien, im Irak wurden in den letzten Jahren viele Knaben auf den Namen Ahmadinejad getauft. Der Iran ist der einzige Staat im Orient, der offen gegen Israel auftritt. Das macht das Regime sehr populär.

Aber der Iran benutzt diese Länder doch für einen Krieg gegen Saudiarabien und den sunnitischen Terrorismus?
Ja. Der Konflikt zwischen dem Iran und Saudiarabien hat aber eine lange Geschichte. Der Iran ist schiitisch, Saudiarabien versteht sich als Führungsmacht des sunnitischen Islam. Beide werfen sich vor, nicht richtig islamisch zu sein.

Aus westlicher Sicht fällt es schwer, konfessionelle Gründe für einen Krieg im 21. Jahrhundert nachzuvollziehen.
Man kann den Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten nicht mit den einstigen Konfessionskriegen in Europa vergleichen. Das Schiitentum ist eine Erfindung des Iran. Aber der Religionskonflikt spielt nur an der Oberfläche eine Rolle.

Was spielt denn sonst eine Rolle?
Dass der Iran kein arabisches Land ist und nie Teil des Osmanischen Reiches war. Sogar unter dem Schah waren die Beziehungen zwischen Iran und Saudiarabien lange Zeit unterbrochen. Die iranischen Pilger gelten in Saudiarabien seit jeher als unfreundliche Moslems. Heute sind diese Spannungen wieder auf einem Höhepunkt.

Gibt es im Iran keine Debatte über die Kriege?
In den offiziellen Medien gibt es keine freie Debatte. Aber auf Social Media, im Taxi und in den Warteschlangen wird eifrig darüber debattiert. Entsprechende Slogans werden seit zehn Jahren bei Unruhen skandiert. Sogar über die Verantwortung für den iranisch-irakischen Krieg (1980–1988) wird diskutiert.

Es gab schwarze Listen, auf denen mein Name stand. Aber heute glaube ich nicht mehr, dass sie mich töten werden.

Was hat die Revolution den Menschen gebracht ausser Repression, Mangel an Medikamenten und Inflation?
Einen Zuwachs an Selbstbewusstsein. Die Revolution war eine Ohrfeige für die iranische Mittelklasse, die in der Schah-Zeit ebenso privilegiert wie ignorant war. Sie musste sich mit deren Ursachen auseinandersetzen. Eine weitere Folge war eine Art von Säkularismus.

Säkularismus?
Ein Grossteil des iranischen Volkes vertritt stets eine Meinung, die im Widerspruch zur Haltung der Regierung steht. Dabei spielt die Art der Regierung keine Rolle. Eines Tages dürfte es schwierig sein, die Leute dazu zu bringen, eine demokratische Regierung zu unterstützen. Der Schah war ein Alliierter der USA und die Menschen waren gegen die USA. Die Mullahs sind gegen westliche Werte und westlichen Modernismus, das Volk dürstet nach diesen Werten. Reisen Sie nach Teheran und sprechen Sie mit den jungen Menschen in den Strassen.

Sie haben Präsident Hassan Rohani stets gegen die konservativen Elemente des Regimes verteidigt. Wie denken Sie heute über ihn?
Er hat viel versprochen und wir haben an ihn geglaubt und glauben zum Teil bis heute an ihn. Aber er hat keines seiner Versprechen erfüllt.

Vor zwei Monaten hat er mit Drohungen auf die Aufkündigung des Atomabkommens reagiert. Besteht die Gefahr einer Eskalation?
Nein. Das ist Rhetorik. Im Hintergrund wird mit den USA verhandelt, wie das in den letzten vierzig Jahren immer getan wurde. Oman ist der Vermittler. Ich glaube nicht an eine Eskalation. US-Präsident Trump ist ein Geschäftsmann.

Es wird einen neuen Deal geben?
In Trumps erster Amtszeit wird es keinen neuen Deal geben. In einer zweiten Amtszeit ist ein Deal wahrscheinlicher.

Wie gehen Sie damit um, dass viele Ihrer Bücher im Iran nicht publiziert werden?
In den letzten fünfzehn Jahren konnte ich keines meiner Bücher veröffentlichen. Die staatlich kontrollierten Medien ignorieren sie. In den öffentlichen Bibliotheken sind sie nicht erhältlich, und an Schulen und Universitäten sind sie kein Thema. Ich bin aber glücklich, dass wenigstens Menschen in anderen Ländern sie lesen können. Denn nicht alle iranischen Autoren haben dieses Glück.

Sie schreiben für ein westliches Publikum?
Ich denke nie an mein Publikum beim Schreiben. Einst habe ich alle meine ­Manuskripte noch an die Zensurbehörde geschickt. Nach dem vierten oder fünften Nein habe ich darauf verzichtet, vergeblich um eine Druckerlaubnis zu bitten.

Sie kehrten vor sechs Jahren aus dem Ausland nach Teheran zurück. Hatten Sie keine Angst?
Ich habe immer Angst. Aber ich brauche mein Land, meine Familie und den Kontakt zu meinen Quellen. Es ist eine Balance. Wenn die Gefahr zu gross wird, gehe ich für eine Weile ins Ausland.

Jetzt bleiben Sie aber in Teheran?
Das hängt von der Entwicklung der Lage ab. Ende der Neunzigerjahre gab es eine Welle von Attentaten auf Schriftsteller – auch auf mich.

Wie das?
Es gab schwarze Listen, auf denen mein Name war. Ich erhielt Drohungen. Auf einer Busreise mit Autorenkollegen hat man versucht, den Bus in einen Abgrund zu lenken. Für einige Zeit war das Risiko gross. Aber ein unabhängiger iranischer Schriftsteller muss mit dem Risiko leben. Heute glaube ich aber nicht mehr, dass sie mich töten werden. Die Taktik wurde geändert, da die iranischen Medien eine Zeit lang über die politisch motivierten Tötungen berichtet haben. Möglich wäre aber eine Inhaftierung. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2018, 08:16 Uhr

Der Unerschrockene

Die ersten Romane des heute 62-jährigen Amir Hassan Cheheltan sind bereits vor der iranischen Revolution von 1979 erschienen. Danach wurde sein Schaffen bis heute durch die Zensur behindert. In Deutschland werden Cheheltans Bücher und Essays aber seit Jahren publiziert – zuletzt der Titel «Der standhafte Papagei» mit Erinnerungen an Teheran 1979. Cheheltan trat kürzlich im Namen der Realit-Literaturgespräche in Bern auf.
Er lebt wieder in Teheran.

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