Wer von einem US-Abzug in Syrien profitiert

Wenn Trump sein Versprechen wahr macht, gibt es einen grossen Verlierer – und mehrere Gewinner. Zu ihnen gehört wohl auch der IS.

Gehen sie oder gehen sie nicht? Ein US-Panzerschütze in Nordsyrien. Bild: AFP

Gehen sie oder gehen sie nicht? Ein US-Panzerschütze in Nordsyrien. Bild: AFP

Sie sind gleich in doppelter Beruhigungsmission unterwegs: Während US-Aussenminister Mike Pompeo am Dienstag eine mehrtägige Nahost-Tour beginnt, ist der nationale Sicherheitsberater des Landes, John Bolton, am Montag in die Türkei geflogen.

Es sind heikle Reisen der beiden Vertreter von US-Präsident Donald Trump. Denn dessen Entscheidung, die US-Truppen aus dem Syrien zurückzuziehen, hat in der Region viele Reaktionen ?ausgelöst: Freude, Ängste und Sorgen. Vor allem aber auch: Unsicherheit. Bislang ist unklar, wann genau die US-Soldaten Syrien verlassen werden. Während Trump weiterhin daran festhält, der Abzug solle «schnell» erfolgen, scheinen andere Beteiligte in Washington auf die Bremse zu treten.

Ein Vertreter des US-Aussenministeriums erklärte am Freitag, es gebe noch keinen Zeitplan. Bolton selbst will den Abzug so umgesetzt sehen, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) «geschlagen ist und sich nicht wieder erholen (...) kann». Das spricht dafür, dass es sich eher um Monate als um Wochen handeln dürfte.

Der vor fast acht Jahren ausgebrochene Syrien-Konflikt hat sich in den vergangenen Monaten beruhigt. Die Uno und internationale Mächte bemühen sich, endlich einen politischen Prozess in Gang zu setzen. Doch ein Ende des US-Engagements mit Bodentruppen in Syrien liesse eine neue Dynamik entstehen, die Verbündete der Amerikaner unter massiven Druck setzen, zugleich aber erklärten Feinden helfen würde.

Kurden als Verlierer

Vor allem die Kurden im Norden und Osten des Landes wären die grossen Verlierer. Die Kurdenmiliz YPG dient Washington in Syrien bisher als wichtigster Partner im Kampf gegen den IS. Die US-Armee unterstützt die kurdischen Truppen nicht nur mit Luftangriffen, sondern ?auch mit Ausbildung.

Mittlerweile kontrollieren die Kurden rund ein Drittel des Landes, darunter Syriens wichtigste Ölvorräte im Osten des Landes. Im Norden Syriens haben sie eine Selbstverwaltung errichtet.

Doch die YPG pflegt enge Beziehungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, weshalb der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fest entschlossen ist, eine weitere Militäroperation gegen die Miliz zu beginnen. Sie dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein.

Auf sich allein gestellt ständen die Chancen der kurdischen Truppen im Kampf gegen die türkische Armee schlecht. Schon vor fast einem Jahr mussten sie einer Offensive Ankaras auf die kurdische ?Hochburg Afrin im Nordwesten Syriens weichen und sich zurückziehen.

USA verlangen von der Türkei Garantien

Damit sich ein solches Szenario nicht wiederholt, will Bolton von der Türkei Garantien für die Kurden verlangen. «Wir denken nicht, dass die Türken Militäroperationen unternehmen sollten, die nicht voll mit den USA abgestimmt sind und denen die USA nicht zugestimmt haben», sagte er am Wochenende. Doch wird sich Erdogan darauf einlassen?

Damit den Kurden ein ähnliches Schicksal wie in Afrin erspart bleibt, haben sie ihre Kontakte zur Regierung in Damaskus verstärkt, zu der sie eigentlich ein angespanntes Verhältnis haben.

Über Jahrzehnte haben Syriens Machthaber die kurdische Minderheit diskriminiert. Doch aus Mangel an anderen Partnern bleibt den Kurden kaum eine Wahl, wollen sie nicht an mehreren Fronten aufgerieben werden. Vor kurzem rückten bereits syrische Regierungstruppen in die von Kurden kontrollierte Stadt Manbidsch in Nordsyrien ein.?

Assad und der Iran profitieren

Der syrische Präsident Baschar al-Assad, dessen Truppen nach einem Chemiewaffeneinsatz von den USA im vergangenen Jahr noch bombardiert worden waren, kann so seinen Einfluss im Land ausbauen, ohne dafür etwas tun zu müssen. Und noch eine andere Konfliktpartei dürfte von einem US-Abzug profitieren: der schiitische Iran, den Trump eigentlich zur grössten Bedrohung in der Region erklärt hat.

Teheran ist am Boden der wichtigste Verbündete Assads. Vom Iran finanzierte Milizen kämpfen nicht nur an der Seite der Armee, sondern haben militärisch das Kommando. Die schiitische Regionalmacht verfolgt das Ziel, von der libanesischen Hauptstadt Beirut über Syrien und den Irak einen Landkorridor bis nach Teheran zu errichten. Bislang stehen ihnen die YPG-Truppen im Weg, die grosse Teile der syrisch-irakischen Grenze kontrollieren. Sollten die Kurden sich aber eines Angriffs der Türkei verwehren müssen, könnten sie dieses Gebiet verlieren oder sogar freiwillig aufgeben.

Und am Ende ein Wiedererstarken des IS

Das hätte auch Auswirkungen auf den Kampf gegen den IS, den die YPG gemeinsam mit lokalen verbündeten Truppen bekämpfen. Die Extremisten haben in Syrien und im Irak zwar den grössten Teil ihres früheren Herrschaftsgebietes verloren, sind aber noch längst nicht besiegt.

Zellen der Extremisten nutzen die riesigen Wüstengebiete der Region zwischen beiden Ländern, um unterzutauchen und sich neu zu formieren. Chaos, ein Machtvakuum und Rivalen, die sich gegenseitig bekämpfen - in einem solchen Umfeld ist der IS schon einmal stark geworden.

sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt