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«Die Leute schnappen über. Viva Obama!»

Amerika wählt seinen Präsidenten. Der USA-Korrespondent des «Tages-Anzeigers», Martin Kilian, bloggt die ganze Nacht live aus den USA.

Glückwünsche von der Ehefrau: Michelle Obama freut sich mit Barack über den Wahlsieg.
Glückwünsche von der Ehefrau: Michelle Obama freut sich mit Barack über den Wahlsieg.
Keystone
Wie im Schockzustand: Viele Amerikaner können es kaum fassen, sie erleben US-Geschichte live mit und gehen darob in die Knie.
Wie im Schockzustand: Viele Amerikaner können es kaum fassen, sie erleben US-Geschichte live mit und gehen darob in die Knie.
Keystone
Indonesien: Schulkinder freuen sich über den Sieg Obamas.
Indonesien: Schulkinder freuen sich über den Sieg Obamas.
Keystone
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05:05 Uhr Virginia, wo kein Demokrat seit Lyndon gewonnen hat, geht an Barack Obama, der nun wirklich die politische Landkarte aufmöbelt. Lasset die Posaunisten und Trompeter aufmarschieren: Barack Obama ist der nächste Präsident der Vereinigten Staaten, der erste Afroamerikaner im Weissen Haus. Yoohoo! Wow! Tosender Beifall in meinem Quartier. Die Leute schnappen über. Viva Obama!!!!!

04:45 Uhr Bill Bennett, konservatives Sprachrohr und ehemals Drogen-Zar, wehrt sich im TV gegen die Behauptung, die Republikanische Partei sei ein Hort von alternden Bleichgesichtern. Well, auf dem Parteitag in Minneapolis waren Latinos, Afroamerikaner und andere Minderheiten nur mit der Lupe zu finden. Und die Jungen sind überwiegend bei den Demokraten, was ebenso interessant ist: Dort, wo das 21. Jahrhundert wirklich angebrochen ist und High-Tech und Patente Könige sind, gewinnt Obama. Endet das Zeitalter konservativer ideologischer Dominanz heute Nacht? Und kommt Sarah, die Elchjägerin, doch nicht nach Washington? Aber wage ich mich hier zu weit vor? Ist McCain noch im Biltmore-Hotel? Hank Williams? Mastodon? Und wo steckt eigentlich George Bush? Im Bett? Er hat ja schliesslich McCain auch die Wahlchancen vermasselt. Boy, welch eine Pleite, trotz Joe dem Klempner.

04:20 Uhr Und nun scheinen Obama auch die Berge zu gehören, jawohl die Berge in Colorado nämlich. Ausserdem hat der letzte Mohikaner...ähh...Republikaner aus Neuengland seinen Sitz im Repräsentantenhaus verloren. Dort war die Partei einst stark. Falls Obama nicht Kalifornien, Oregon und den Staat Washington verliert, ist er ab Januar mein Nachbar. Er wird dann gleich die Strasse runter wohnen – welche Ehre! Im Biltmore-Hotel in Phoenix wirft unterdessen Senator McCain in der Suite Nummer drei teueres Porzellan an die Wand, schepper! Nein, natürlich nicht. Was, wenn alle Prognosen falsch sind? Dann wäre eben McCain mein Nachbar. 34 Prozent des landesweiten Votums ist ausgezählt, Obama aber führt nur mit einem Punkt. 50 zu 49 Prozent – wo ist der Rest? Ralph Nader? Übrigens: Seit Jimmy Carter hat kein Demokrat die 50-Prozent-Marke überschritten.

03:55 Uhr Das Ding ist vorbei, oder? Der Country Star Hank Williams III singt im Biltmore in Phoenix in Arizona vor McCains erschlafften Anhängern. Niemals hat ein Republikaner die Präsidentschaft ohne Ohio gewonnen. Und selbst wenn McCain nun gewaltig abräumen würde, reichte es wohl nicht mehr. Oder doch? PARANOIA setzt ein. Könnte er vielleicht doch...hmmm...mit dem Thurgau...wie viele Elektoren hat der Thurgau? Und warum wählen die mit? Ist das autorisiert?

03:15 Uhr Rassenvorurteile spielten den Erhebungen zu Folge so gut wie keine Rolle. Aber noch hat Barack Obama keinen einzigen Staat gewonnen, der 2004 an Bush ging. Das will so früh am Abend noch nichts heissen. Der Demokrat liegt in Virginia, North Carolina, Indiana und Florida gut im Rennen – alles Bush-Staaten. McCain gewann soeben Wyoming und North Dakota, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Mir war nicht bewusst, dass es in North Dakota überhaupt Wähler gibt – so mitten auf der Prärie! McCain rockt hart im Biltmore-Hotel in Phoenix zu den Klängen von Mastodon. Während der Südstaat Georgia an ihn geht. Mein Georgia (Go Dawgs!!), wo ich vier Jahre gelebt habe, aber nanu: Nicht nur liegt Obama in Florida vorne, er liegt vorne, obschon die Hälfte der Stimmen bereits ausgezählt ist. Geht Florida an Obama, kann McCain seine Klicker einsammeln und schmollend nach Hause gehen. Aber er ist ja schon zu Hause. Der TV-Sender Fox hat soeben Ohio zum Obama-Territorium erklärt. Wow! Ein Bush-Staat.

02:50 Uhr Sorry McCain: Pennsylvania ist an Obama gegangen. Obschon McCain und seine Elchjägerin aus Alaska verzweifelt versucht hatten, den Demokraten diesen Staat abspenstig zu machen. Richtig campiert hatten die beiden in Pennsylvania, und Obama dort mittels knallharter TV-Spots mit einem Eimer voller Jauche übergossen. Die aber glatt von diesem abtropfte und keinerlei olfaktorische Nachwirkungen zeitigte, wie Obamas Sieg schlagend beweist. Womit die Stunde näher rückt, in welcher der Obama-Klan in Kenia unter Führung von Grossmutter Sarah den bereits ausgewählten Ochsen schlachten kann. Zu Ehren des fernen Verwandten im fernen Amerika, der mit jeder Nanosekunde dem Weissen Haus näher zu kommen scheint. Aber noch ist nichts entschieden. Ich bleibe Skeptiker, aus purem Trotz.

02:35 Uhr Drei republikanische Senatssitze sind bereits verloren, darunter der von Elizabeth Dole in North Carolina, Gattin des ehemaligen republikanischen Senators und Präsidentschaftskandidaten Bob Dole. Und das bedeutet, dass nach George W. Bushs Heimkehr nach Texas (Yoohoo!) im Januar 2009 erstmals seit 50 Jahren weder ein Dole noch ein Bush ein gewähltes Amt innehaben wird. Man war ja schon immer gegen Dynastien.

02:10 Uhr Oh, ich vergass: das klitzekleine und schöne Vermont geht an Obama, Ben&Jerry machen dort Glace…mmmhhhh. McCain gewinnt South Carolina, den ehernen Südstaat, wo einst der Bürgerkrieg begann. In Washington D.C. schlossen die Wahllokale um 20 Uhr. Wir in Washington haben nicht mal einen Senatoren und keinen richtigen Abgeordneten im Repräsentantenhaus, wir sind eine Art Kolonie der Bundesregierung, weswegen auf unseren Autokennzeichen steht: «Taxation without Representation». Jawohl, wir sind nichts, kein Bundesstaat, nichts, schluchz, Obama gewinnt D.C.! Mindestens 80 Prozent wird er in der Hauptstadt erhalten, yes, Sir!

02:00 Uhr In Chicago im Grant Park steigt die Superfete für Barack Obama. Mal sehen, was es am Ende zu feiern gibt. Vor einigen Minuten versuchte CNN-Reporterin Suzanne Malveaux dort etwas in ihr Mikrofon zu flüstern…live, ging total unter im Lärm der Feiernden. Hoffentlich nicht zu früh. McCain sitzt in seinem Hotel in Phoenix, Arizona, über der Wüste geht bald die Sonne unter, gewiss hofft der Senator und knurrt: «Fuck the exit polls». Jawohl, er redet immer derb, und sagt schlimme Wörter am laufenden Band…

01:40 Uhr McCain gewinnt Kentucky…wie erwartet…entlang der Appalachen hat Obama schon bei den Vorwahlen gegen Hillary keinen Stich gemacht. Dort wohnen kernige Leute, die mit den Latte saufenden, Volvo fahrenden urbanen Eliten nichts anzufangen vermögen. Andererseits ein Witz aus Appalachia, der vor der Wahl die Runde machte: Obama-Freiwilliger klopft an die Tür eines ärmlichen Hauses. Eine Frau öffnet. Ob sie Obama wähle, will der Helfer wissen. Die Frau dreht sich um, ruft ins Haus: «Ralph, für wen stimmen wir?». «For the nigra», kommt es aus dem Haus.

01:30 Uhr Interessante Nachrichten aus dem Inneren des Landes, der sogenannten «Flyover zone». Man geht dort nie hin, sondern fliegt nur drüber auf dem Weg von einer Küste zur anderen: Indiana, wo seit Lyndon Johnson 1964 kein Demokrat gewonnen hat und die Wahllokale um 19 Uhr geschlossen haben, scheint hart umkämpft zu sein – ein Sieg Obamas dort wäre etwa so, als ob in Schwyz die Commies plötzlich mächtig auftrumpften bei den Nationalratswahlen. Her mit dem kalten Wasser auf die Stirne...zur Abkühlung eine Fata Morgana gewiss..oder?

01:10 Uhr Wie bitte? Nimmt mich hier jemand auf die Schippe? Die «Exit Polls» für die Obama in einzelnen Staaten: Pennsylvania +15, Ohio +9, Florida +8, Missouri +4, Nevada +10, North Carolina +4, New Hamsphire +14. Muss ein Irrtum sein…So sie zuträfen, wären das Erdrutschzahlen. Bin extrem skeptisch. Mein Freund John ruft aus dem Uni-Städtchen Charlottesville in Virginia an: Die Wahlokale seien voller junger Wähler gewesen…Obama, Baby….mag ja sein, aber die Republikaner sind härter als Nägel….72 Prozent neu registrierter Wähler sind auf Obamas Seite, laut…ähh….einem «Exit Poll»…

0:30 Uhr: Kentucky für McCain, was zu erwarten war. Aber mein Freund mit den tollen Connections hat die Zahlen der Exit Polls gesehen: Erdrutsch! Ich bleibe skeptisch.

00:10 Uhr Ein erster «Exit Poll» aus Pennsylvania, einem Staat, in dem sich McCain eine Überraschung erhofft hatte. Obama +15…Holy cow! Trifft die Zahl auch nur annähernd zu, wird McCain untergehen, sang und klanglos die Toilette hinunter gespült von den Wählern…

24:00 Uhr Drudge: Obama BIG laut «Exit Polls»…äh, nun ja…ein alter Freund mit hervorragenden Verbindungen in Washington ruft an, sprach mit Obamas Stratege David Axelrod gestern. Total cool sei Axelrod gewesen. «Die sind überzeugt, dass die Sache gelaufen ist». Oh yeah? So wie John Kerrys Berater 2005, einer derer mich um 16 Uhr am Wahltag wissen liess, «ein grosser Sieg für Amerika und die Welt» stehe an. Was sich natürlich als totaler Bullshit erwies. Karl Rove beruhigte Bush damals: «Unsere Leute gehen später wählen». UND-SO-WAR-ES…….Die ersten Wahllokale schliessen in Indiana und Kentucky.

23:30 Uhr Laut den «Exit Polls» ist die Lage der Wirtschaft das überwältigende Thema dieser Wahl….sollte Obama nützen…oder? Terrorismus abgeschlagen, nur neun Prozent der Wähler setzten das Thema an die Spitze ihrer Anliegen…

23:00 Uhr Die TV-Sender und die AP bekommen die «Exit Polls». Und Matt Drudge, der konservative Internet-Impresario hat eine Riesen-Schlagzeile auf seiner Webseite: «Obama macht den Schampus auf…Demokraten 58 Senatssitze» - ein Zugewinn von acht….aber nur eine Minute später ist der Obama-Teil verschwunden..kein Schampus für Obama? Oder hat Drudge einen Anschiss con seinen republikanischen Freunden gekriegt? «Bist du wahnsinnig, unsere Wähler derart zu entmutigen!»

22:30 Uhr Ein Tag wie Weihnachten! Die amerikanische Wahl, eine historische Wahl, läuft endlich. Ich habe bereits gewählt, ein leichter Regen fällt über Washington. Bislang werden keine grösseren Probleme aus dem Land gemeldet. Erinnerungen an zwei Jahre Wahlkampf: Iowa, wo ich Barack Obama zum zweiten Mal erlebte (zuerst beim Demokratischen Parteitag 2004 in Boston, als er seine inzwischen berühmte Rede hielt) und einem wunderbar witzigen John McCain in einem gottverlassenen Nest namens Boone begegnete. Zwölf Monate Wahlkampf….der helle Wahn…und nun das Warten auf die «Exit Polls». Mein Freund Bob, der ewige Pessimist, meldet sich am Telefon. McCain wird die Sensation schaffen, sagt er. Die Demokraten sind paranoid nach den Pleiten 2000 und 2004. Zeit, die Kerzen anzuzünden und ein Stossgebet zum grossen Manitou zu senden. Im TV fahren die Republikaner noch immer Brutalo-Werbung gegen Obama. Pastor Jeremiah Wright flimmert über den Fernseher. McCain düst weiterhin herum. Er hofft auf einen Last Minute Deal mit der Wählerschaft. Meine Güte, kriegt man Adrenalinschübe an einem Tag wie diesem!

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