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Obama will kein Heilsbringer sein

Während der künftige Präsident in Chicago seine Siegesrede hielt, kochten in Washington die Emotionen über. Nicht nur bei Afroamerikanern.

Glückwünsche von der Ehefrau: Michelle Obama freut sich mit Barack über den Wahlsieg.
Glückwünsche von der Ehefrau: Michelle Obama freut sich mit Barack über den Wahlsieg.
Keystone
Wie im Schockzustand: Viele Amerikaner können es kaum fassen, sie erleben US-Geschichte live mit und gehen darob in die Knie.
Wie im Schockzustand: Viele Amerikaner können es kaum fassen, sie erleben US-Geschichte live mit und gehen darob in die Knie.
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Indonesien: Schulkinder freuen sich über den Sieg Obamas.
Indonesien: Schulkinder freuen sich über den Sieg Obamas.
Keystone
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Der ältere Herr, Afroamerikaner, schwenkt seinen Stock. Langsam geht er die 14.Strasse in der Hauptstadt Washington hinunter Richtung Weisses Haus und lächelt. Diesmal, sagt er zu einem Passanten, «werden wir es bekommen». Und wieder lächelt er, etwas versonnen, als ob er mit selber rede. Mit «es» meint er unzweifelhaft die amerikanische Präsidentschaft, und «wir», das ist Afroamerika, das an diesem gestrigen Wahlmorgen ungläubig die Möglichkeit erwog, ein Afroamerikaner werde die Nation führen. Am späten Dienstagabend stand es dann fest: Barack Obama wird am 20. Januar 2009 als 44.Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen werden.

Was hatte Amanda Jones doch darauf gehofft, als sie, die 109-jährige Tochter eines Vaters, der in die Sklaverei geboren wurde, in Texas ihren Wahlschein ausfüllte und Barack Obama ankreuzte. Kurz vor 23 Uhr Ostküstenzeit sicherte sich Jones’ Held die Präsidentschaft – und er gewann sie überzeugend, siegte in traditionellen demokratischen Staaten wie in republikanischen Hochburgen.

Ein Rivale mit Grösse

Und am späten Abend, nachdem Senator McCain seine Niederlage stilvoll eingestanden hatte, trat Obama vor zehntausende seiner vom Wahlsieg überwältigten Anhänger in Chicago und sagte, Amerika sei ein Platz, «wo alles möglich ist». Wie wahr! «Wir sind, und werden immer die Vereinigten Staaten von Amerika sein», rief er – und bescheinigte dem republikanischen Rivalen Grösse und Heldentum.

Es war ein epochaler Moment von solcher Tragweite, wie ihn das Land nur selten in in seiner Geschichte erlebt hat. Denn der 47-jährige Senator, der vor zwei Jahren gleich einem Don Quixote ausgezogen war, um als relativ unerfahrener Senator erst die Nominierung der Demokratischen Partei und dann das mächtigste Amt auf Erden zu gewinnen, ist seiner Hautfarbe wegen mit der amerikanischen Ursünde verbandelt, auch wenn seine Mutter eine Weisse war.

Denn so sehr die junge amerikanische Republik sich als Instrument menschlicher Freiheit verstand, so war ihre Akzeptanz der Sklaverei und ihre Bereitschaft, Schwarze als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, doch ein komprimittierender Schandfleck. Der wurde in einem langen Prozess zwar blasser und blasser, ohne indes jemals ganz zu verschwinden.

Nur fünfzig Jahre sind es her

Noch 1961 war es im Staat Virginia, den Obama so sensationell und als erster Demokrat seit Lyndon Johnsons Erdrutschsieg über den Republikaner Barry Goldwater 1964 gewann, ein Verbrechen, wenn sich ein Amerikaner oder eine Amerikanerin weisser Hautfarbe mit einem Schwarzen einliess.

Obamas Mutter Stanley Ann hätte mithin für die Beziehung mit ihrem kenianischen Freund und Gatten wegen Rassenschande verurteilt werden können in einem Staat, dessen Herzen in diesem Präsidentschaftswahlkampf ihrem Sohn zuflogen und dessen Bürger Obama noch am Abend vor dem Wahltag auf einer Wahlveranstaltung zu Zehntausenden zujubelten.

«Geschichte endet»

Er hingegen blieb bei seinem Markenzeichen, gab sich die historische Sensation vor Augen cool und gelassen und bekannte auf dem Heimflug von Virginia nach Chicago vor den mitreisenden Journalisten, es werde «lustig sein, zu sehen, wie die Geschichte endet». Enden wird sie mit seinem Einzug ins Weisse Haus, womit der nächste Abschnitt in der Geschichte eines Mannes beginnt, der vom Atheisten zum Christen wurde und nach Hawaii und Indonesien und New York und Harvard Heimat und Braut in der afroamerikanischen Gemeinschaft Chicagos fand.

Leicht wird es Obama nicht gemacht werden: Auf dem nächtlichen Heimflug von Virginia nach Chicago überquerte er ein Land, dessen Krisensymptome ihm letzten Endes die Präsidentschaft einbrachten. Denn wer wollte verneinen, dass es die Finanzkrise mitsamt der heraufziehenden Rezession war, die Obama an die Spitze des Rennens um die Präsidentschaft katapultierten?

Mit der Krise winkt Grösse

Unweigerlich ist sein Sieg verknüpft mit dem tragischen Eingeständnis Alan Greenspans vor einem Kongressauschuss, er sei «schockiert» über den Gang der ökonomischen Dinge, ja er habe sich geirrt. Vor wenigen Tagen vom smarten TV-Komiker Jon Stewart danach befragt, ob er den Präsidentenjob angesichts des Zustands des Landes überhaupt noch wolle, erwiderte Obama, er sei überzeugt, «dass dies die Zeit ist, in der man Präsident sein möchte».

Denn mit der Krise winkt die Grösse, und Obama hätte es vom Temperament und intellektuellen Zuschnitt in sich, ein grosser Präsident zu werden. Schliesslich mangelt es nicht an kolossalen Herausforderungen inmitten zweier Kriege und leerer Kassen sowie einer merkwürdig unamerikanischen Befindlichkeit der Nation, die ängstlich und verzagt in die Zukunft blickt. Es muss den frisch gewählten Präsidenten bisweilen erschauern lassen, dass sich so viele Amerikaner - und besonders die Jungen! - hinter ihm versammelten und ihn auf den Schild hoben, obwohl die republikanische Seite sie unter Hinweis auf Obamas fehlende Erfahrung genau davor tagtäglich warnte.

Kein Heilsbringer

Seine Vertraute Valerie Jarrett berichtet, dass sich Obama manchmal die Frage gestellt habe, wie es wohl sein werde, wenn er die hochgespannten Erwartungen seiner Wähler enttäuschte. Gewiss wird er schon deshalb enttäuschen, weil es einem Sterblichen nicht gegeben ist, als Heilsbringer aufzutreten. Auch dürfte sich die republikanische Opposition in ihrer schmerzlichen Niederlage an Obama wieder aufzurichten versuchen, indem sie ihn gnadenlos bekämpft. Obama aber ist kein Schaumschläger, wie manche meinen, sondern einer, unter dessen «geschmeidigen Anzügen», so der konservative Kolumnist George Will, ein «Stahlkern» steckt.

Nicht nur führte der frischgewählte Präsident einen nahezu fehlerlosen Wahlkampf, in dessen Verlauf er die Maschine der Clintons zerlegte und danach die politische Dampfwalze der Republikaner, er betrieb zudem einen Wahlkampf, dessen Innovationen, sei es bei der Finanzierung oder der Nutzung des Internets, die Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe umschreiben wird. Obamas Kern aus Stahl zeigte sich, als er bei einem Besuch Bagdads im Juli General Peträus Paroli gab und den General bei einem langen und von gegenseitigem Respekt geprägten Gespräch wissen liess, dass er anderer Meinung sei, was die Zukunft der amerikanischen Präsenz im Irak betreffe.

Die Nation wartete auf den Neuanfang

Obamas Intellekt und seine Neugier erlaubten ihm, etwas zu wittern, was herkömmlicheren Politikern nicht in die Nase gestiegen war: Dass die Nation nämlich nach acht Jahren Bush voller Sehnsucht auf einen Neuanfang wartete. Obama habe realisiert, schrieb der liberale Kolumnist E.J. Dionne, «dass die ausgesprochene Unwahrscheinlichkeit seiner Kandidatur deren Attraktivität erhöhen würde». Und indem er sich als postliberaler Kandidat eines neuen amerikanischen Zeitalters präsentierte, der kein Interesse an den altbackenen und endlosen politischen Schlachten der 68er und der Babyboomer zeigte, übersprang Obama die Hürde, ein Afroamerikaner zu sein.

Letzten Endes eine die Nation mehr, als sie trenne, ja sei man zuerst Amerikaner und nicht Republikaner oder Demokrat, sagte er wieder und wieder. Dieser Appell an Abraham Lincolns «bessere Engel» in den Seelen der Amerikaner trieb die Kandidatur Obamas ebenso wie die Einsicht vieler Weisser und Latinos, dass es angesichts eines brennenden Hauses gleichgültig war, ob der Feuerwehrmann eine braune, schwarze oder weisse Hautfarbe hatte.

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