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«Ich erhoffe die Versöhnung eines gespaltenen Landes»

Der grosse amerikanische Romancier Richard Ford, der in seinen Büchern ein ungeschöntes Bild seines Landes zeichnet, freut sich über den Sieg Barack Obamas. Und erklärt, warum.

Herr Ford, Barack Obama ist Präsident.

Wir sind alle mit einem Lächeln auf unserem Gesicht aufgewacht! Und mit einem Gefühl des Unglaubens: Nach acht Jahren Bush ist uns heute früh fast schwindlig. Gestern herrschte bei uns noch eine sehr angespannte Stimmung. Meine Frau Kristina und ich klebten den ganzen Tag am Schreibtisch und versuchten, uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Es war klar, dass die Amerikaner Obama wollten, aber die Angst, dass die Republikaner den Sieg irgendwie stehlen würden, war gross.

Und wenn John McCain gewonnen hätte?

Falls die Wahl korrekt verlaufen wäre, hätte ich mich als Patriot erst einmal damit auseinandergesetzt. Aber es wäre eine Katastrophe gewesen, und wir haben für diesen Fall tatsächlich an Auswanderung gedacht. Und nicht nur wir: Hätte McCain gewonnen, dann wären die Schlangen an der kanadischen Grenze wohl noch länger geworden als jetzt die Schlangen vor den Wahllokalen.

Was erhoffen Sie von Barack Obama?

Klugheit. Überlegtheit. Klarsichtigkeit. Das Ende der Extreme. Mässigung, Toleranz, die Versöhnung eines gespaltenen Landes.

Was heisst das konkret?

Im Moment ist es wirklich so, dass die Menschen in diesem Land blind für einander sind: Die Republikaner und die Demokraten sprechen eine völlig unterschiedliche Sprache. Während des gesamten Wahlkampfes war das zu beobachten: Es gibt keine gemeinsame Basis, man bewirft sich mit Dreck, verzerrt die Ansichten des Gegenübers. Jetzt legen die Zahlen nahe, dass es fast halbe/halbe steht. Amerika muss nun wieder einen gemeinsamen Boden finden.

Noam Chomsky meint, die Differenzen zwischen den zwei Parteien seien gering. Beide seien von der Wirtschaft gesteuert.

Noam Chomsky sitzt in seinem Büro in Massachusetts und polemisiert – auf eine naive Weise. Die amerikanische Unabhängigkeit fusst auf wirtschaftlichen Interessen, man wollte der britischen Krone keine Steuern mehr zahlen. Und die wirtschaftlichen Interessen sind bis heute entscheidend für das Land und seine Politik. Das ist bedauerlich, aber ein Faktum und muss daher von jedem Politiker berücksichtigt werden. Aber das bedeutet keineswegs, dass es keinen oder kaum einen Unterschied macht, ob Obama oder McCain regiert. McCain produzierte im Wahlkampf nur Slogans und Rätsel.

Ist Obamas grosses Schlagwort «Change» nicht auch ein sehr offener Begriff?

Aber der Wandel ist das, was am meisten nottut. Während Bushs Präsidentschaft haben sich viele und hochkomplexe Probleme entwickelt. Auch ein Obama kann sie nicht über Nacht vom Tisch wischen. Aber ich glaube, dass Obama den Geist des Landes ändern wird. Wir waren jetzt neun Monate lang paralysiert; ich selber konnte kaum schreiben. Alles stagnierte. Man starrte auf die Wahlen wie das Kaninchen auf die Schlange. Ich denke, dass jetzt ein Aufbruch möglich ist –ein spiritueller Aufbruch, wenn vielleicht auch erst mal kein ökonomischer.

Wie sieht der spirituelle Aufbruch aus?

Die Reagan-Ära hat aus den Amerikanern seinerzeit Narzissten gemacht: ein Desaster! Ich glaube, dass jetzt der Gemeinschaftssinn wieder stärker wird. Der Bürger wird sich wieder mehr für Politik interessieren und sich für Solidarität einsetzen. In Bush-Zeiten zersplitterte die Gesellschaft in isolierte Einzelkämpfer, und grosse Gräben taten sich auf. Wenn die Politik nicht mehr nur auf die Firmen fokussiert, dann ändert sich auch dieses Lebensgefühl. Ich glaube, dass wir eine grössere gemeinsame Mitte finden werden. Aber zugegeben: Ich bin prinzipiell Optimist. Das muss man als Romancier auch sein. Es ist schön, dass ich grade jetzt am Anfang eines neuen Romans stehe.

Was müsste Obama jetzt als Erstes tun, um diesen Wandel zu erreichen?

Das Erste und Einfachste ist: die Zusammensetzung des höchsten Gerichts verbessern. Irgendeiner der alten rechten Falken dort sollte sich zur Ruhe setzen. Eine zweite, schwierige Aufgabe, die in letzter Zeit beinahe vergessen ging, ist der Krieg.

Obama hat sich nie eindeutig für einen baldigen und vollständigen Rückzug aus dem Irak und Afghanistan ausgesprochen.

Das hätte ja auch sein politisches Ende bedeutet! Aber keine Frage: Er muss die Jungs da herausholen. Wir müssen raus aus dem Irak, ohne Wenn und Aber. Gleichzeitig müssen wir weitere, andere Unterstützung versprechen und alle demokratischen Kräfte in der Gegend stärken. Wir brauchen einen bedachten, gut organisierten Rückzug.

Auch das Wahlkampfthema Gesundheitssystem warf bis zuletzt Fragen auf: wie sehen Sie Obamas Konzept?

Das System ist völlig marode. Es wurde jahrelang nichts getan. Was jetzt, in dieser Lage, das Beste wäre, lässt sich nicht so einfach beantworten. Hauptsache, man tut endlich etwas! Zu komplexe Projekte kommen politisch ohnehin nicht durch.

Eine weitere Herausforderung ist die Wirtschaftskrise.

Ich verstehe davon wenig. Klar ist, Kredite müssen wieder fliessen. Klar ist auch, die Regierung hat sich da finanziell schon sehr engagiert. Und natürlich brauchen wir mehr Regulierung und Aufsicht.

Braucht Amerika, das Land des freien Marktes, mehr Staat? Auch im Finanzsektor?

Das ist offensichtlich. Es gab immer den Slogan «je kleiner die Regierung, desto besser» – und stets kam dieser Spruch von Leuten, die ein Regierungsamt anstrebten. Aber spätestens mit der Krise wissen wir: Diese Devise ist falsch. Ein Staat und eine Regierung sind kein Business: Da gelten andere Regeln. Wenn Obama schlau ist, definiert er neu, was «Regierung» für uns bedeutet. Damit meine ich nicht die Beschneidung aller Freiheiten, eine quasi sozialistische Zwangsumverteilung oder Enteignung. Aber ich glaube, dass Obama es schafft, hier eine gute Balance für alle zu finden. Wenn er –falls er – 2012 wiedergewählt wird, dann könnte in Amerika etwas wirklich Wundervolles heranreifen.

Halten Sie die Wiederwahl für möglich?

Leider werden die Republikaner alles tun, um Obama schlechtzumachen. Jeden seiner Fehler – und Fehler werden ihm unterlaufen – wird man aufblasen. Zudem: Wenns der Wirtschaft wieder besser geht, verliert sich womöglich die Klarsichtigkeit von heute. Die Debatten werden sowieso von den Medien gemacht, und ich zweifle, dass sich an dieser «Pseudodebattenkultur» viel ändert. Jetzt im Wahlkampf war es auch gar nicht darum gegangen, in Debatten die Probleme dingfest zu machen: Die Probleme kennen wir. Nur zu gut.

Ein Problem ist das Verhältnis zu Europa. Was erwarten Sie in dieser Hinsicht von Barack Obama?

Die Bush-Präsidentschaft hat uns auf der ganzen Welt und auch in Europa zum Buhmann gemacht. Ich denke, Tony Blair, sein einziger Gefolgsmann, muss geblendet gewesen sein oder, wie es bei uns heisst, «starstruck». Wäre Blair nicht an Bushs Seite geblieben, hätte es nicht so ein Elend gegeben – weder für ihn selbst, noch für England und Amerika. Sehr viel wichtiger als die besondere Beziehung zu Grossbritannien ist für uns die Beziehung zur EU. Trotz Nicolas Sarkozy.

Sieht Obama das auch so?

Ich weiss nicht, was er sieht. Das ist der springende Punkt bei ihm: Wir wissen über ihn extrem wenig. Wir mussten eine Person wählen, die wir nicht gut kennen; ein Risiko. Aber er wirkt immer smart, klug und ehrlich. Er bekommt keine Wutausbrüche, fällt nie aus der Rolle und scheint ziemlich selbstgenügsam und in sich ruhend. Was für eine Erleichterung! Was für ein Unterschied! Sein Gesicht gestern am Wahltag war voller Zuwendung und Verantwortungsbereitschaft.

In Berlin wurde Obama wie eine Rettergestalt gefeiert.

Zu Recht. Aber einmal andersherum gefragt: Hätten Deutschland oder die Schweiz je einen Schwarzen an die Spitze gewählt? Die Antwort ist «Nein». Dass sich die Welt heute so mit uns freut, zeigt, dass grosse Chancen für alle in dem Sieg stecken. Endlich sind wir in dem Land angekommen, das ich mir immer gewünscht habe! Nun können wir unsere besten und schlimmsten Seiten besser sehen. Vielleicht hatte die katastrophale Präsidentschaft von George W. Bush so ja doch ihr Gutes: Sie führte uns aus der Dunkelheit ins Helle – aus dem Chaos in die Klarheit.

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