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«Barack Obama, das kleinere Übel»

Die meisten US-Intellektuellen unterstützten Obama. Für den Star-Linguisten und Politikaktivisten Noam Chomsky ist er aber nicht links genug.

Noam Chomsky ist emeritierter Linguistik-Professor am Massachusetts Institute of Technology. Seit Jahrzehnten meldet sich der 1928 Geborene auch in politischen Fragen zu Wort, scharfzüngig und viel beachtet. Als im Juni Barack Obama als Kandidat der Demokraten feststand, hatte Noam Chomsky sein Urteil über ihn bereits gesprochen: «Er erscheint wie ein Hollywoodschauspieler. Sein Image verkauft er gut, aber das ist vor allem eine Marketingstrategie.» Chomsky fehlen bei Obama konkrete Änderungsvorschläge zum viel beschworenen Wandel und ein klares Bekenntnis zum Rückzug aus dem Irak. Der afroamerikanische Kandidat stehe deutlich weiter rechts als seine Wähler, und er bleibe vage. Deshalb hielt Chomsky lange an seiner alten Position fest, einen chancenlosen alternativen Kandidaten, etwa einen Grünen, zu wählen. Für andere könne auch der Boykott eine Option sein.

Zustimmung trotz Kritik

Im letzten halben Jahr jedoch hat sich Noam Chomsky vom Radikalidealisten zum Realpolitiker gewandelt. Kurz vor der Wahl gab er die Parole aus: Barack Obama trotz allem. Kritik an Obama übt er aber weiterhin: Obama sei eine Art unbeschriebenes Blatt, das die Wahlmanager mit den Slogans «hope», «unity» und «change» dekoriert hätten, in die jeder hineinlesen könne, was er wolle.

«80 Prozent der Menschen glauben, dass sich die USA in eine falsche Richtung entwickeln. Die meisten konnten in den letzten dreissig Jahren kaum ihren Lebensstandard halten, die Reallöhne sind gesunken, die Arbeitsstunden gestiegen, und der Reichtum floss in die Taschen weniger», bilanziert Chomsky. Obama steuere hier keinen Gegenkurs an und habe sich den starken wirtschaftlichen Interessen zu beugen, haargenau wie die Gegenseite. Im Grunde sei auch er Vertreter einer Business-Partei. Selbst die Entdeckung des Wahlkampfthemas Gesundheitssystem fusse auf den Bedürfnissen von Firmen wie General Motors, die sich eine Verstaatlichung des Problems wünschen: «Die Agenda der Politik wird von der Wirtschaft gemacht.»

Das kleinere der beiden Übel

Trotzdem postulierte Chomsky schliesslich, dass man sich zwischen zwei Übeln für das weniger schlechte entscheiden solle. Also für Obama, «aber ohne Illusionen». Immerhin, so Chomsky, sei es der US-Bevölkerung generell unter demokratischer Führung jeweils besser ergangen als unter republikanischer: Studien hätten erwiesen, dass zum Beispiel die Lohnentwicklung unter demokratischer Administration besser verlaufe.

Wichtiger als die Wahlen, diese «personalisierten Komödien», sei ohnehin das tagtägliche Engagement an der Basis. Das gelte für die Politik wie für die Wirtschaft. Demokratie und Rechte würden der Bevölkerung nämlich nicht gnädig von oben verliehen, sondern müssten erkämpft werden. Das hätten die Menschen in den USA bereits verstanden und wehrten sich schneller als früher, etwa in ihrer Ablehnung des Irak-Krieges. Beim Vietnam-Krieg habe das noch viel länger gedauert. Amerika habe gelernt.

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