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Amerikaner in der Schweiz sind Bush-müde

Demokraten und Republikaner in der Schweiz finden, dass Kritik an ihrem Land noch keinen Antiamerikanismus bedeutet. Und sie sind froh über das Ende der Ära Bush.

Bush-müde: Die Amerikaner in der Schweiz hoffen auf eine Änderung, egal, wer am 4.11. zum Präsidenten gewählt wird.
Bush-müde: Die Amerikaner in der Schweiz hoffen auf eine Änderung, egal, wer am 4.11. zum Präsidenten gewählt wird.
Keystone

Die Atmosphäre in der strengen Aula der Universität Zürich wirkt unüblich locker. Der American Club of Zurich hat zu einer Wahldebatte geladen, die Organisatoren geben sich aufgeräumt, man kennt sich und begrüsst sich und freut sich auf den Abend und den Apéro danach. Die Podien stehen, die Flagge hängt, der amerikanische Adler sitzt. Es kommt einem vor, als breche demnächst ein Fest aus.

Die Lockerheit täuscht aber. Das wird schnell klar, als sich die Aula einigermassen gefüllt hat, die Grussbotschaften verklungen sind und die beiden Kontrahenten loslegen: Caitlin Kraft Buchmann von den Democrats abroad in Switzerland und Mark Nedlin von den Republikanern in Zürich. Die Demokratin spricht eloquent und mit Emphase, der Republikaner gibt sich kühl ausser in seinem Vokabular. Sie bekommt oft Applaus, er heftigen. Die amerikanische Flagge zwischen ihnen scheint das Einzige zu sein, das sie verbindet. Und das Land, in dem sie arbeiten und leben, little old Switzerland.

Scharfe Worte von beiden Seiten

Denn die beiden schenken sich nichts. Caitlin Buchmann beklagt in scharfen Worten den Schaden, den die Bush-Regierung in der Welt und zu Hause angerichtet hat. Sie kritisiert den Irak-Krieg der USA, ihre Auslandschuld und die «sehr dunklen Flecken», welche die Regierung auf der amerikanischen Verfassung hinterlassen habe. Die Demokratin, die an der Internationalen Schule in Genf und für eine britische Menschenrechtsorganisation arbeitet, wirbt mit Passion für Barack Obama. Ihm traut sie einen Umschwung zu.

Mark Nedlin, ein Banker aus Los Angeles bei der UBS, bleibt zutiefst unbeeindruckt. Er spricht Obama Charakter, Erfahrung und Urteilsvermögen für das Amt des Präsidenten ab. «Wir wissen wenig über ihn», sagt er, «ausser dass er 200 Arbeitstage im Senat verbracht, 94-mal für Steuererhöhungen gestimmt und schon zwei Biografien geschrieben hat.» Obama stehe politisch weit links, habe sich mit fragwürdigen Gestalten herumgetrieben, und sein Wirtschaftsplan werde Amerika in eine Depression führen. Was er über die Schweizer Banken gesagt habe, spreche aus Schweizer Sicht schon gegen ihn. John McCain dagegen habe den richtigen Charakter für dieses Amt; für ihn käme Amerika, «die grösste Nation der Welt», zuerst.

Die Nähe zweier Länder

Wie fühlen sich Amerikaner in der Schweiz, wie erleben sie die europäische Reaktion auf die Aussenpolitik ihrer Regierung, als Kritik oder als Antiamerikanismus? Wie nehmen sie ihre Heimat von Europa aus wahr? Hatten sie es schwerer in den letzten Jahren, in denen die USA auf Unverständnis stiessen, wenn nicht Ablehnung? Nach mehreren Gesprächen mit amerikanischen Demokraten und Republikanern, die hier leben, viele von ihnen in Zürich oder Genf, lässt sich sagen: Sie fühlen sich hier sehr wohl. Fast alle bescheinigen den Schweizern und anderen Europäern, ihre Kritik nicht pauschal gegen die USA zu richten, sondern gegen die Regierung Bush. Deren Politik habe es ihnen im Ausland nicht leicht gemacht. Schon deshalb hofften sie auf eine Änderung, egal, wer am Dienstag zum Präsidenten gewählt werde.

Da ist zum Beispiel der Finanzfachmann Frederic Shepperd. Er gehört der republikanischen Partei an. An diesem Abend, wenige Tage vor der Wahl, weiss er aber noch nicht, wen er diesmal wählen wird. Er hofft nur, dass sein Land die letzten acht Jahre bald überwindet. Als Bush an die Macht kam, lebte er in Berlin. «Das war schon hart», sagt er, «man wurde angepöbelt und mit Dreck beworfen.» Jetzt werde sich alles ändern, unabhängig davon, wer Präsident werde. Auch John McCain habe eine andere Haltung als Bush: «Er vertritt die republikanische Partei, wie sie einmal war.»

Shepperd kommt aus einer Gegend in Ohio, die «little Switzerland» genannt wird und in der Namen wie Bichsel, Jaggi, Guggisberg oder Stocker nicht selten sind, Nachfahren Schweizer Emigranten, die vor fünf Generationen in die USA übersiedelten. Und er hält die Schweiz und die USA für ähnlicher, als viele meinten. Beide seien wirtschaftlich stark und auch eng miteinander vernetzt, «beide haben ein gesundes Misstrauen gegenüber staatlichen Autoritäten, und beide sind Demokratien aus Überzeugung.»

Auch Robert Gebhardt ist Republikaner; er leitet die Schweizer Zweigstelle seiner Partei, lebt seit 45 Jahren hier und arbeitet als Wirtschaftsberater in Lugano. Die beiden Länder verbinde einiges, sagt auch er: die konservative Haltung einer Mittelklassen-Gesellschaft, der Respekt für das Individuum, das breite Spektrum an politischen Ansichten. Was hat sich für ihn, der schon lange im Ausland lebt, in seinem Land am meisten verändert? Vor allem die Medien, sagt Gebhardt, «sie berichten einförmiger und greifen dieselben Themen auf. Die Diskussion ist eingeschränkt, die Meinungsvielfalt ebenfalls.» Er bedaure auch, dass die USA die Privatsphäre ihrer Bürger weniger respektieren. Das sei nach den Anschlägen des 11. September zwar verständlich, aber man müsse solchen Eingriffen widerstehen. Gebhardt unterstützt natürlich John McCain, vor allem wegen dessen Steuerpolitik. Das Wahlresultat werde die Realpolitik der USA aber wenig beeinflussen. Zwar dürften die Demokraten den Kongress stärker kontrollieren, «aber beide Kandidaten werden sehr wenig ausrichten können, weil die Wirtschaft so schwach ist. Da sind keine Wunder möglich.»

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